Wechsel an ukrainischer Militärspitze:Neuer Armee-Chef: Warum Selenskyjs Schritt überfällig war
von Christian Mölling und András Rácz
Mychajlo Drapatyj löst Olexander Syrskyj ab und ist neuer Armee-Chef der Ukraine. Welche Erfahrung Drapatyj mitbringt und warum eine Reform der Streitkräfte trotzdem schwierig ist.
Selenskyj verkündet General Mychajlo Drapatyj als neuen Armeechef. Zuvor gab es Proteste gegen Vorgänger Syrskyj.
21.07.2026 | 1:54 minDer ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat bekannt gegeben, dass er General Olexander Syrskyj vom Amt des Oberbefehlshabers der ukrainischen Streitkräfte entbunden und General Mychajlo Drapatyj zu dessen Nachfolger ernannt habe.
Die Entscheidung fand im In- und Ausland viel Zustimmung. Viele hoffen, Drapatyj könne die Probleme der Streitkräfte rasch lösen. Doch die Lage ist komplexer.
Drapatyjs Laufbahn und heldenhafte Einsätze seit 2014 wurden vielfach gewürdigt. Er gilt als kampferfahren, hat Rückhalt in den unteren Dienstgraden, ist technikaffin, übernimmt Verantwortung und will das Amt effizient führen. An seinem Engagement bestehen keine Zweifel.
Ukrainische Armee: Konflikt zwischen Offiziersgenerationen
Die größere Herausforderung liegt in den höheren Ebenen des Militärkommandos, wo viele Offiziere und Generäle noch von Syrskyj berufen wurden. Manche haben seit dem sowjetischen Krieg in Afghanistan keinen Kampfeinsatz mehr erlebt, andere noch nie. Drapatyj und seine vertrauten Kommandeure sind dagegen Veteranen des aktuellen Krieges. Sie kennen die strategischen, operativen und technologischen Anforderungen moderner Kriegsführung.
... ist Senior Advisor beim European Policy Centre. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.
Nach Tagen der Proteste entlässt Präsident Selenskyj den Oberbefehlshaber Syrskyj. Die Ukraine wolle dennoch an ihrer Militärstrategie festhalten, berichtet ZDF-Reporterin Anne Brühl aus Kiew.
22.07.2026 | 3:04 minWarum die alten Strukturen blieben
Die älteren, sowjetisch geprägten Offiziere gelangten nach Russlands Vollinvasion im Februar 2022 in hohe Positionen, weil Alternativen fehlten. Die Ukraine musste ihre Streitkräfte schlagartig aufwachsen lassen. Neue Einheiten, Kommandos und der Generalstab brauchten Kommandeure. Obwohl die Ukraine bereits seit 2014 im Krieg stand, umfassten ihre Streitkräfte vor der Invasion nur rund 250.000 Soldaten - mit einer entsprechenden Zahl an Feldkommandeuren und höheren Befehlshabern.
Als im Februar 2022 das Kriegsrecht und die allgemeine Mobilmachung angeordnet wurden, blieb deshalb nur, pensionierte Offiziere zurückzuholen. Nur so ließen sich Hunderte neu geschaffene, unbesetzte höhere Kommandoposten besetzen. Dabei hatten administrative Anforderungen wie Dienstzeit und Rang Vorrang vor Fachwissen und Kampferfahrung.
Die meisten reaktivierten Offiziere verfügten jedoch nur über veraltete Fähigkeiten und Kenntnisse. Viele waren äußerst risikoscheu, wollten Kampfeinsätze vermeiden und bevorzugten Verwaltungspositionen. Auch Korruption war weit verbreitet, besonders in Beschaffung und Rüstungsproduktion.
Die Entlassung des populären Verteidigungsministers Fedorow sorgt in der Ukraine für Proteste. Warum Präsident Selenskyj jetzt innenpolitisch unter Druck steht, analysiert ZDFheute live.
18.07.2026 | 28:44 minDer erste Oberbefehlshaber der Ukraine seit Beginn der großangelegten Invasion, Walerij Saluschnyj, war bis Februar 2024 im Amt. Er erkannte das Problem, konnte aber wenig daran ändern: Zunächst musste er die Frontlinien stabilisieren und die russischen Truppen zurückdrängen, später band ihn die letztlich gescheiterte ukrainische Gegenoffensive im Sommer 2023.
Syrskyj ohne Veränderungswillen
Sein Nachfolger Olexander Syrskyj veränderte oder modernisierte diese zunehmend veralteten Strukturen nicht. Stattdessen stützte er sich auf sie, um seine formellen und informellen Befugnisse über die Streitkräfte zu wahren. Er umgab sich nicht mit innovativen, initiativstarken Offizieren, sondern mit Ja-Sagern.
In den zweieinhalb Jahren, in denen Syrskyj Oberbefehlshaber war, wurde die Diskrepanz zwischen der Qualität der oft noch sowjetisch geprägten höheren Kommandostufen des ukrainischen Militärs und jener der modernen, agilen Kampfeinheiten samt ihren Kommandeuren immer deutlicher. Syrskyjs Umfeld tat alles, um die aufstrebende neue Generation von Kommandeuren möglichst weit in den Hintergrund zu drängen und von allen bedeutenden Positionen im Generalstab fernzuhalten.
Die Absetzung von Verteidigungsminister Fedorow hat viele Ukrainer aufgebracht. Selenskyj setzt nun auf Generalmajor Jewhenij Chmara als kommissarischen Nachfolger.
18.07.2026 | 1:51 minNeuer Armee-Chef Drapatyj muss das System reformieren
Nun, da Drapatyj Syrskyj ablöst, lautet die Hauptfrage: Wie und wie schnell kann der neue Oberbefehlshaber das Erbe der Syrskyj-Ära aufbrechen und die höheren Kommandoebenen modernisieren? Solche Veränderungen sind für die Ukraine unvermeidlich, wenn sie die Effizienz ihrer Kriegsführung steigern will. Die Reformen betreffen die Rüstungsproduktion, eine bessere Koordination mit Herstellern, den Einheiten als Endnutzern und ausländischen Gebern sowie vor allem die Modernisierung des unglückseligen, höchst ineffizienten Rekrutierungssystems.
Die Ablösung Syrskyjs durch Drapatyj war ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Der neue Oberbefehlshaber steht jedoch vor einem schweren Kampf gegen das postsowjetische Erbe in den höheren Kommandostrukturen. Um die Reform dieser Ebenen fortzusetzen und die Fähigkeit der Ukraine zu verbessern, den Krieg erfolgreich zu führen, wird Drapatyj jede denkbare Unterstützung aus dem In- und Ausland benötigen.
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