Wie einem Teenager die Flucht gelang:"Einfach bestraft": Die verschleppten Kinder der Ukraine
von Dominik Lessmeister
Rostyslaw Lawrow gelang die Flucht aus einem russischen Kinderheim auf der besetzten Krim. Als einer von wenigen schaffte er es zurück in die Ukraine.
Ukrainische Kinder sollen von russischen Soldaten aus ihren Häusern verschleppt worden sein. Sie wurden in einem Wohnheim untergebracht, streng überwacht und bedroht. Ein Betroffener erzählt.
11.03.2026 | 2:30 minAuf den ersten Blick sieht Rostyslaw Lawrow aus wie ein ganz normaler junger Mann: Er ist 20 Jahre alt, wohnt in Kiew, interessiert sich für Fotografie. Doch Rostyslaw hat viel mitgemacht.
Dass er heute mit uns über das Erlebte reden kann, verdankt er der Arbeit der Menschen, die sich nach seiner Flucht aus einem russischen Kinderheim auf der besetzten Krim um ihn gekümmert haben.
Anfangs konnte ich vieles nicht erzählen. Ich habe sehr viel mit Psychologen gesprochen, und sie haben mir auch geholfen.
Rostyslaw Lawrow
"Pack deine Sachen": Verschleppt von russischen Soldaten
Die Geschichte von Rostyslaw Lawrow beginnt gleich zu Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine am 24. Februar 2022. Er kommt aus der Nähe von Cherson, im Süden der Ukraine. Das Dorf, in dem der damals 16-Jährige mit seiner Mutter und seiner Großmutter lebt, wird schon am ersten Tag von russischen Truppen erobert.
Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffs im Februar 2022 herrschen in der Ukraine Trauer und Hoffnungslosigkeit.
24.02.2026 | 2:23 minSeine Großmutter stirbt plötzlich etwa eine Woche nach Kriegsbeginn. Seine Mutter kommt kurz danach mit einer Erkrankung in ein Krankenhaus. Rostyslaw bleibt alleine zu Hause. Um ihn kümmern sich die Nachbarn, sie bringen ihm Essen und helfen ihm, irgendwie zu überleben.
Es vergehen etwa sechs Monate, da stehen auf einmal russische Soldaten vor seiner Tür. "Ich habe natürlich gesagt: 'Ich will nirgendwohin, ich will zu Hause bleiben'", erzählt der heute 20-Jährige.
Und danach hat ein russischer Soldat das Gewehr durchgeladen und gesagt: "Pack deine Sachen, wir fahren".
Rostyslaw Lawrow
Tausende Kinder wurden aus der Ukraine nach Russland verschleppt. Doch was geschieht mit den Kindern, und ist ihre Rückkehr realistisch?
24.09.2025 | 3:13 minStrafen und Russifizierung in Kinderheim auf der Krim
Rostyslaw wird innerhalb der russisch besetzten Gebiete mehrfach verlegt, bis er schließlich auf die Krim gebracht wird. Er ist einer von etwa 1.000 anderen Kindern und Jugendlichen in einem russischen Lager. Der Alltag dort war streng, berichtet er:
Dann musste man jeden Morgen zur russischen Hymne aufstehen. Wenn du nicht aufgestanden bist, haben sie dich einfach bestraft. Sie steckten dich in Isolationshaft.
Rostyslaw Lawrow
Doch nicht nur das: Die russischen Aufseher wollen aus dem jungen Ukrainer einen Russen machen. Sie werden zuerst in einem Wohnheim untergebracht. Aber schon am nächsten Tag hieß es: "Los, wir machen russische Pässe. Macht russische Pässe - dann bekommt ihr 100.000 Rubel, ihr bekommt ein Zertifikat für eine Wohnung. Dann lebt ihr im Schlaraffenland", haben die Aufseher gesagt, erzählt Rostyslaw.
Seit dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine intensiviert Moskau die Einflussnahme: Russlands Jugend wird im Klassenzimmer und außerhalb ideologisch auf Linie gebracht.
18.11.2025 | 3:11 minAktivisten suchen nach verschleppten Kindern
Zur Flucht hat dem jungen Mann die Nichtregierungsorganisation "Save Ukraine" geholfen. Wie genau sagen sie nicht, um andere Befreiungen nicht zu gefährden. Sie suchen nach verschleppten und gewaltsam entführten ukrainischen Kindern und Jugendlichen in den von Russland besetzten Gebieten und in Russland selbst.
Wie viele Kinder von Russland verschleppt wurden, ist nicht ganz klar. Die ukrainische Regierung spricht von rund 20.000 Kindern, einige Nichtregierungsorganisationen vermuten gar noch viel höhere Zahlen. "Wir wissen genau, dass Putin niemals zustimmen wird, all diese Kinder zurückzugeben", erzählt Anastasia Dovbnia von "Save Ukraine".
Und wir wissen genau: Je länger sie dort bleiben, desto schwieriger ist es, sie zu retten. Die Zeit spielt in diesem Krieg auf eine so schreckliche Weise gegen uns.
Anastasia Dovbnia, "Save Ukraine"
Bis jetzt sei es der Organisation gelungen, etwa 2.000 Kinder zurückzubringen, erzählt Dovbnia weiter.
Russland will seine demografische Krise überwinden. Präsident Putin setzt dabei auf Familienpolitik und staatliche Anreize. Denn die Kinder von heute könnten die Soldaten von morgen sein.
12.11.2025 | 12:12 minKämpfen für Russland als Ziel
Jugendliche wie Rostyslaw wurden, so berichtet "Save Ukraine", auch gezielt in Militärschulen geschickt. Sie sollten umerzogen werden zu Russen, um am Ende womöglich als Soldaten sogar gegen ihr eigenes Heimatland in den Krieg zu ziehen.
"Jetzt bringen sie ihnen in diesen Lagern außerdem das Kämpfen bei, bereiten sie auf den Krieg vor, führen Tests in den Schulen durch und fragen die Kinder, ob sie bereit wären zu töten, wie sie dazu stehen würden, ob sie moralisch bereit für Gewalt sind," so Dovbnia von "Save Ukraine".
Anastasia Dovbnia von der Hilfsorganisation "Save Ukraine".
Quelle: ZDFDer Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat wegen der Verschleppung Haftbefehle gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und dessen Kinderrechtsbeauftragte Maria Lwowa-Belowa erlassen.
Flucht gelungen: "Ein Traum, dass ich in der Ukraine bin"
Rostyslaw ist die Flucht mit Hilfe von "Save Ukraine" gelungen. Er lebt heute in einem Wohnheim der Organisation in Kiew. Er erinnert sich noch gut an den ersten Tag in Freiheit.
Am Morgen bin ich aufgewacht und dachte: Das ist ein Traum, dass ich in der Ukraine bin. Ich habe es bis zum Ende nicht geglaubt.
Rostyslaw Lawrow
Rostyslaw hat neuen Mut gefasst. Er will Fotograf werden. Sein größter Wunsch bleibt aber seine Mutter wiederzusehen, die noch immer irgendwo im russisch besetzten Teil der Ukraine ist.
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