Kanadas neuer Kurs: Carney in Davos über USA, China und Europa

Selbstbewusst zwischen den Machtblöcken:Das neue Kanada: "Nostalgie ist keine Strategie"

von Nicola Abrecht

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Kanadas Premier Carney hat in Davos eine viel beachtete Rede gehalten. Seine Antwort auf Trumps Machtansprüche: Pragmatismus statt Ideologie. Dafür gibt es Applaus - und Kritik.

Carney: "Ende einer angenehmen Fiktion, Beginn einer brutalen Realität"

Die Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

21.01.2026 | 29:47 min

Mark Carney sieht Kanada in einer Schlüsselrolle für die Zukunft der internationalen Ordnung. In mehreren Reden macht der Premierminister des Landes deutlich, dass die Welt sich schneller verändere, als es klassische Bündnissysteme auffangen könnten.

Wir nehmen die Welt aktiv so an, wie sie ist, und warten nicht auf eine Welt, wie wir sie uns wünschen.

Mark Carney, Premierminister Kanadas in Davos

Dieser Satz bringt den Kern der neuen Strategie auf den Punkt: Anpassung statt Nostalgie, Eigenständigkeit statt Abhängigkeit, Flexibilität bei der Wahl der Bündnis- und Handelspartner.

 Diese am 24. Januar 2026 erstellte Bildkombination zeigt links US-Präsident Donald Trump am 22. Januar 2026 in Davos und rechts den kanadischen Premierminister Mark Carney am 20. Januar 2026 in Davos.

Wie steht es um die transatlantischen Beziehungen? Die Welt ordnet sich neu, Europa sucht neue Partner und es entstehen Bündnisse gegen Trumps Glauben an das Recht des Stärkeren.

25.01.2026 | 3:02 min

Abkehr von einseitigen Abhängigkeiten

Historisch war Kanada stark auf enge Partnerschaften mit westlichen Verbündeten angewiesen, insbesondere mit den USA und Europa. Diese Beziehungen bleiben zwar wichtig, doch Carney betont, dass sie allein nicht mehr ausreichten. Handelskonflikte, protektionistische Tendenzen und politische Unberechenbarkeit hätten gezeigt, wie verletzlich ein zu einseitig ausgerichtetes Modell sein könne. Carney meint damit vor allem Trumps Zollkrieg mit Kanada und die ständigen Drohungen, Kanada zum 51. Staat der USA machen zu wollen.

Als Konsequenz diversifiziert Kanada seine außenpolitischen und wirtschaftlichen Beziehungen. Seit Carneys Amtsantritt wurden zahlreiche neue Handels- und Sicherheitsabkommen geschlossen - auch mit Staaten, die bislang nicht zu den engsten Partnern zählten.

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Annäherung an China

Besonders aufmerksam verfolgt wird dabei die Annäherung an China. Während andere westliche Staaten ihre Beziehungen zu Peking zunehmend einschränken, setzt Ottawa auf einen kontrollierten, interessenbasierten Dialog. Nur wenige Tage vor seiner Rede in Davos war Carney zu einem Staatsbesuch in China. Carney sicherte dort ein vorläufiges Handelsabkommen, das unter anderem den Import chinesischer Elektroautos nach Kanada und die Senkung von Zöllen auf kanadische Produkte wie Rapsöl umfasst.

Carneys Annäherung an China stößt jedoch nicht überall auf Zustimmung. Kanadische Oppositionspolitiker und Beobachter kritisieren, dass Carney noch vor einem Jahr von China als größter Sicherheitsbedrohung gesprochen habe und nun eine strategische Partnerschaft mit Peking ankündige. Die Reduzierung von Zöllen auf chinesische Elektroautos bringe zudem Nachteile für die kanadische Automobilindustrie.

Der kanadische Premierminister Mark Carney und Chinas Staatspräsident Xi Jinping schütteln sich vor der Kanadischen und Chinesischen Flagge die Hände.

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16.01.2026 | 0:32 min

Investitionen in Schlüsselindustrien

Parallel zur diplomatischen Neujustierung investiert Kanada massiv in strategische Zukunftsbereiche. Im Zentrum stehen Energie, künstliche Intelligenz und kritische Mineralien. Ziel ist es, die wirtschaftliche Souveränität zu stärken und Kanada als unverzichtbaren Akteur in globalen Lieferketten zu etablieren.

Im Energiesektor setzt die Regierung auf einen Doppelansatz: den Ausbau erneuerbarer Energien und die Weiterentwicklung klassischer Ressourcen. Kanada will sich als verlässlicher Lieferant von Energie positionieren - sowohl für Industrienationen als auch für Schwellenländer. Damit verbindet Carney wirtschaftliche Interessen mit geopolitischem Einfluss.

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Die Bedeutung von KI und Seltene Erden

Besonders stark gefördert wird der Bereich der künstlichen Intelligenz. Kanada verfügt bereits über renommierte Forschungszentren und will diese durch staatliche Investitionen, gezielte Zuwanderung von Fachkräften und internationale Kooperationen weiter ausbauen. KI gilt in der Regierung als Schlüsseltechnologie für Produktivität, Sicherheit und langfristiges Wachstum.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf kritischen Mineralien wie Lithium, Kobalt und Seltenen Erden. Diese Rohstoffe sind essenziell für Batterien, Halbleiter und moderne Waffensysteme. Kanada verfügt über große Vorkommen und möchte diese nicht nur exportieren, sondern auch stärker im eigenen Land verarbeiten. Damit soll die Abhängigkeit von instabilen oder politisch sensiblen Lieferketten reduziert werden.

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Pragmatismus als Leitprinzip

Die neue kanadische Strategie folgt weniger ideologischen als pragmatischen Leitlinien. Carney vermeidet eine klare Blocklogik und setzt stattdessen auf flexible Partnerschaften. Kritiker werfen ihm vor, damit moralische Standards zu verwässern. Befürworter sehen darin jedoch eine realistische Antwort auf eine multipolare Welt, in der Macht, Technologie und Ressourcen neu verteilt werden.

Fest steht: Kanada verlässt die Rolle des stillen Mitläufers und tritt selbstbewusster auf der globalen Bühne auf. Ob dieser Kurs langfristig erfolgreich sein wird, hängt davon ab, wie gut es der Regierung gelingt, wirtschaftliche Chancen, sicherheitspolitische Risiken und politische Werte miteinander in Einklang zu bringen. Mit einem Premier, der nicht abwarten, sondern aktiv gestalten will.

Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress und phoenix am 21.01.2026 in dem Beitrag "'Nicht dankbar': Diese Davos-Rede verärgerte Trump".

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