15 Jahre nach Nuklearkatastrophe:Zu Besuch in Fukushimas Geisterstädten
von Miriam Steimer, Fukushima
Der Iran-Krieg macht das Gedenken in Japan noch wichtiger. Mehr Zonen sind wieder zugänglich, doch viele wollen nicht zurück. Einer ist - gegen alle Regeln - einfach geblieben.
Das Grafikvideo erklärt, was nach dem Tsunami und dem Reaktorunfall 2011 unternommen wurde, um die Strahlung in den Griff zu bekommen. Radioaktives Material ist in Fukushima immer noch vorhanden.
11.03.2026 | 1:58 minSchuhe, die hinter der Eingangstür stehen, als wären sie gerade erst ausgezogen worden - mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Ein Teddybär, der im Eingangsbereich wie wartend auf einem Stuhl sitzt. Ein seit Jahren abgelaufenes Glas mit Kaffeepulver oder ein Kalender aus dem Jahr 2011 an der Wand.
An manchen Orten in Fukushima wirkt es immer noch so, als ob vor 15 Jahren die Zeit stehen geblieben wäre, als in Folge eines Seebebens im Pazifik bis zu 15 Meter hohe Tsunami-Wellen Japans Ostküste trafen und im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi eine Kernschmelze auslösten.
Jahrzehntelang versenkten Staaten Atommüll im Atlantik. Ein Forscherteam hat nun erstmals Behälter am Meeresboden lokalisiert.
11.07.2025 | 1:40 minGeister-Dorf: viele Absperrungen, keine Menschen
Immer mehr der Zonen, die im Behördenjapanisch "Gebiete, in die man schwer zurückkehren kann" heißen, sind wieder öffentlich zugänglich. Vorher konnten nur Anwohnerinnen und Anwohner nach vorherigem Antrag rein. Ein Gebiet, das Ende 2025 freigegeben wurde, sieht immer noch aus wie ein Geister-Dorf.
Die Häuser sind mit Bauzäunen verstellt, weil die abwesenden Anwohner Angst vor Einbrechern hätten, erklärt ein Security-Mitarbeiter an der Straßenecke. Kein Mensch ist zu sehen, doch plötzlich kommt ein weißes Auto und hält an.
Woher der ausländische Besuch komme, will der Mann hinter dem Steuer wissen. Er sei Anwohner und 2025 zurückgekommen, sobald sein Wohngebiet wieder freigegeben wurde, doch das Leben sei schwierig.
Es gibt kein Krankenhaus, die Geschäfte sind alle weg und die Leute auch.
Anwohner aus Fukushima
Kernkraftwerk Fukushima heute
Das Gelände des japanischen Kernkraftwerks Fukushima Daiichi ist auch 15 Jahre nach dem Tsunami eine komplexe Baustelle mit hochradioaktiven Gefahrenbereichen. Die am meisten beschädigten Reaktorblöcke werden nach und nach mit Gebäudehüllen umbaut.
In den Reaktorblöcken 1 und 2 lagern immer noch radioaktive, abgebrannte Brennelemente in den Abklingbecken. Noch komplizierter wird aber die Entfernung des geschmolzenen radioaktiven Materials aus den Blöcken 1,2 und auch 3. Dazu wird mit Drohnen und Robotern die Zerstörung in den Gebäuden noch genauer erfasst.
Ein weiteres großes Problem ist kontaminiertes Wasser in der Anlage. Gegen eindringenden Regen helfen die neuen Gebäudehüllen und mittlerweile ist der Reaktorenbereich im Boden und zum Meer hin von einer Wand umgeben, damit möglichst wenig verseuchtes Wasser nach draußen, aber auch möglichst wenig Grundwasser in die Reaktoranlage gelangt.
Die riesigen Mengen Wasser, die doch verstrahlt werden, auch bei der Kühlung des radioaktiven Materials, müssen abgepumpt und gefiltert werden. Weil die Lagerung in Tanks auf dem Gelände an ihre Grenzen gerät, wird seit Sommer 2023 immer wieder schwach strahlendes Wasser stark verdünnt ins Meer geleitet. Streng kontrolliert durch die Internationale Atomenergie-Organisation IAEA, trotzdem in der Öffentlichkeit sehr umstritten.
Für die riesigen Mengen an verstrahltem Erdreich soll bis 2045 in Japan ein Endlager geschaffen werden. Bereits fertig ist seit 2024 ein bis zu 15 Meter hoher "Tsunamischutzwall", der die havarierte Anlage vor noch höheren Wellen schützen soll als die am Unglückstag, dem 11. März 2011.
Das Land der schwarzen Säcke
"Wo vorher 7.500 lebten, sind es jetzt 200. Es ist sehr einsam", sagt er und fügt dann lächelnd hinzu: "Wollen Sie nicht hierher ziehen?" Das wollen anscheinend nur sehr wenige, auch wenn es in der ganzen Gegend unzählige Baustellen gibt: Ruinen werden abgerissen, Bauplätze ausgewiesen. In einigen gerade erst freigegebenen Zonen wird zum Dekontaminieren die oberste Erdschicht abgetragen und in großen schwarzen Plastiksäcken verpackt, die zum Symbol für diese Gegend geworden sind.
Es gibt sie immer noch an vielen Stellen, aber nicht mehr an jeder Straßenecke wie noch vor ein paar Jahren. Die verstrahlte Erde lagert jetzt zum großen Teil in einer 16 Quadratkilometer großen "Zwischenlagerstätte". Geht es nach Japans Regierung, soll diese Erde zum Beispiel bei Bauprojekten benutzt werden. Demonstrativ wurde sie im vergangenen Jahr im Garten des Premierministers in Tokio verstreut, um zu beweisen, dass sie bedenkenlos eingesetzt werden kann.
Kernkraftwerke erleben weltweit eine Wiedergeburt und mit ihr auch der Abbau von Uran. Das radioaktive Element ist unerlässlich für die Kernenergieerzeugung, berichtet Frank Bethmann.
01.03.2026 | 1:42 minJapans Regierung hat Vertrauen verspielt
Doch Japans Regierung hat wie der Betreiber des Atomkraftwerks (TEPCO) im Umgang mit der Fukushima-Katastrophe Vertrauen verspielt. Das wird auch bei einer Demo in Tokio klar. 8.500 Menschen sind gekommen, vor allem älteren Semesters, um gegen das Wieder-Hochfahren von Atomkraftwerken zu demonstrieren, gegen Aufrüstungs- und Atomenergie-Pläne von Japans neuer Premierministerin Sanae Takaichi und vor allem gegen Atom-Waffen, die ihnen angesichts des Iran-Kriegs zusätzliches Kopfzerbrechen bereiten.
Genauso macht ihnen Sorgen, dass junge Leute beim Protest weitgehend fehlen. Die Generation, die die Katastrophe nicht mehr selbst erlebt hat, für die die Corona-Jahre traumatischer waren und die sich um ihre eigene Zukunft mehr Gedanken machen angesichts von Japans Wirtschaftskrise und den hohen Preisen für Lebenshaltungskosten.
Die Reaktorhülle des stillgelegten ukrainischen Kernkraftwerks hat ihre Schutzfunktion verloren. Das zeigt eine Sicherheitsbewertung der Internationalen Atomenergiebehörde.
06.12.2025 | 0:42 minGnadenhof für 300 Kühe und ihren Besitzer
Zurück nach Fukushima. Während die Mehrheit der früheren Bewohnerinnen und Bewohner nicht zurückkommen will, wollte einer nie weg: Yoshizawa Masami. Wie alle anderen wurde auch er kurz nach dem Unfall im Atomkraftwerk evakuiert. Doch wenige Tage später kam er zurück, durchbrach die Straßensperre, ignorierte die No-Go-Zone. Denn er wusste: ohne ihn würden seine 300 Kühe verhungern.
Der heute 73-Jährige widersetzte sich der Anweisung, die verstrahlten Tiere notzuschlachten, sammelte weiteres Vieh aus der Nachbarschaft ein. Seither nennt er sich "friedlicher Kuh-Terrorist" und lebt mit ihnen auf seinem "Bauernhof der Hoffnung" mit Spenden aus dem ganzen Land und Futterspenden aus Fabriken in der Nähe.
Die Tiere seien "Zeugen der Katastrophe". Er riskierte für sie seine Gesundheit und nutzt sie nun für seinen Kampf gegen Atomkraft. 140 Kühe leben noch, mit ihnen gemeinsam will er bleiben, in seiner Heimat, in Fukushima.
Miriam Steimer ist Korrespondentin und als Studioleiterin des ZDF-Studios Ostasien zuständig für die Berichterstattung u.a. aus China, Japan, Korea und den Philippinen.
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