Missbrauchsprozess in Frankreich geht in die nächste Phase

Zigfache Vergewaltigung:Pelicot-Prozess: Ein Gerichtssaal voller Wut

Carolin Auen

von Carolin Auen, Avignon

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Der Mammut-Missbrauchsprozess um Gisèle Pelicot in Avignon geht in die nächste Phase. Nach elf Wochen Verhandlungen haben die Plädoyers der Anwälte begonnen.

Im südfranzösischen Avignon wird seit Anfang September ein Vergewaltigungsfall in ungekanntem Ausmaß verhandelt. Es gibt 51 Angeklagte, mehrere tausend Fotos und Videos dokumentieren die erschütternden Taten.

Der Beginn der Plädoyers hat nun die Endphase des Mammutprozesses eingeläutet. Den Angeklagten drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Solidarität mit Opfern sexueller Gewalt

Wenn Gisèle Pelicot sich im Gerichtsgebäude bewegt, begleiten sie Applaus und unterstützende Zurufe. Aus ganz Frankreich reisen Menschen an, vor allem Frauen, die sie mit ihrer Anwesenheit stärken wollen. Im Übertragungsraum, auf den Straßen von Avignon und weit darüber hinaus schlagen die Betroffenheit und der Schock über die Taten um in Aktivismus und Solidarität mit Opfern sexueller Gewalt.

"Es wurde bereits viel debattiert, das ist schon eine Art Sieg", sagt Juliette Campion. Als Gerichtsreporterin berichtet sie seit Beginn des Prozesses über den Fall. Wie auch viele Zuschauer*innen hofft sie, dass der Prozess die Definition von einvernehmlichem und nicht einvernehmlichem Sex weiterentwickeln und den Umgang mit sexualisierter Gewalt schärfen wird. Im Gerichtssaal dürfte es beim Verfolgen des Prozesses jedoch schwerfallen, an dieser Hoffnung festzuhalten.

Missbrauchsprozess von Avignon: Schockierende Taten

Woche um Woche sitzt Gisèle Pelicot aufrecht hinter ihren Anwälten. Sie verfolgt das Geschehen aufmerksam, tauscht sich mit ihrer Begleitung aus. Gegenüber sitzt Dominique Pelicot, ihr Ex-Mann, hinter einer Glasscheibe. Seit Anfang September spielt sich zwischen ihnen dieser Prozess ab, der schockiert.

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Es geht um hunderte Taten, die Dominique Pelicot gestanden hat: Über zehn Jahre hinweg hatte er seine damalige Frau mit Schlafmitteln betäubt, ihren leblosen Körper auf dem Bett drapiert und über das Internet Männer eingeladen, sexuelle Handlungen an ihr auszuführen.

Gisèle Pelicot hat eingefordert, dass die Verhandlungen nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Anhörungen und Befragungen von Expert*innen sind ebenso zugänglich wie die Videos und Bilder der Taten. "Damit die Scham die Seite wechselt", begründete sie zu Beginn des Prozesses ihre Entscheidung. Und: Schämen solle sich nicht das Opfer, sondern die Täter.

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Verteidigungsstrategie: Angeklagte wälzen Schuld ab

Diesen Tätern sitzt Gisèle Pelicot wochenlang gegenüber. Denjenigen, die angeklagt sind, sie auf "Einladung" ihres Mannes vergewaltigt zu haben. Nur 14 der Angeklagten erkennen die Anschuldigungen an. Die Verteidigungsstrategie der Übrigen: Die Schuld auf Dominique Pelicot abwälzen. Er habe sie in die Irre geführt, manipuliert, angelogen. Kurz: Man habe keine Absicht zur Vergewaltigung gehabt und auch währenddessen nicht gemerkt, dass es sich darum handele.

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Stattdessen sei es eine unbewusste Vergewaltigung gewesen, nicht beabsichtigt, es habe keine Gewalt gegeben, man habe Madame doch sogar gestreichelt. Ja, man habe sich über die Situation, ihre Regungslosigkeit, gewundert, aber Dominique Pelicot habe schließlich für seine Frau zugestimmt. Ein Angeklagter spricht davon, erst in Haft den Begriff des "consentement" (Zustimmung zu sexuellen Handlungen) gelernt zu haben.

Jeder weitere Angeklagte liefert eine neue Erklärung für das, was in den tausenden Videos und Bildern dokumentiert ist: Demnach hatten alle sexuellen Kontakt mit Gisèle Pelicot, die reglos auf dem Bett liegt, manchmal leise schnarcht.

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Gisèle Pelicot: "Prozess der Feigheit"

Gisèle Pelicot spricht vor Gericht von einem "Prozess der Feigheit". Sie fordert, dass die "machistische und patriarchale Gesellschaft", die Vergewaltigungen banalisiere, ihren Blick ändern müsse. Ihre Anwälte plädieren für einen Wandel der Denkmuster: Man müsse aufhören, den Prototyp eines Vergewaltigers zu zeichnen, den gebe es nicht. Auch "normale Männer" könnten zu Vergewaltigern werden.

Nach zweieinhalb Monaten Anhörungen bliebe man gefangen in einem Labyrinth, auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner. "Aber dieser ist unauffindbar", stellt Gisèle Pelicots Anwalt, Antoine Camus, fest. Die Gemeinsamkeit: "Alle haben, zumindest als sie dieses Horrorhaus verlassen haben, verstanden, dass andere vor ihnen kamen und andere folgen würden. Jeder hat in seinem Maß, auf seinem Niveau zu dieser Monstrosität, zu diesem Martyrium dieser Frau beigetragen." Alle 50 neben Pelicots Ex-Mann angeklagten Männer hätten entschieden, einen Körper zu missbrauchen, der keine Einwilligung geben konnte. Sie hätten sich entschieden, ihre eigene Vorstellung von Zustimmung in sexueller Hinsicht durchzusetzen.

Ob die 51 Angeklagten für Vergewaltigung verurteilt werden, entscheidet das Gericht von Avignon in den kommenden Wochen. Die Urteile werden bis zum 20. Dezember erwartet.

Carolin Auen arbeitet im ZDF-Auslandsstudio Paris.

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