Proteste in Iran: Experte sieht Regime "mit dem Rücken zur Wand"

Interview

Anhaltende Proteste in Iran:Experte: Regime in Teheran "steht mit dem Rücken zur Wand"

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Die Wut in Iran über die Wirtschaftslage und die autoritäre Staatsführung wächst. Nach Einschätzung von Nahost-Experte Daniel Gerlach steht das Regime "mit dem Rücken zur Wand".

Nahost-Experte Daniel Gerlach vor einem Bild der Proteste im Iran.

Tote bei den Protesten, Internet-Blackout, weitere Drohungen: Wie gefährlich wird die Lage in Iran und welche Rolle könnten die USA spielen? Nahost-Experte Daniel Gerlach bei ZDFheute live.

11.01.2026 | 23:50 min

Die Proteste in Iran gehen weiter. Die Führung in Teheran blockiert das Internet und droht Protestierenden, die an "Terrorakten" teilnehmen würden, mit Gewalt. Welche Bedeutung die aktuellen Demonstrationen haben und wie es nun weitergehen könnte, erklärt Nahost-Experte Daniel Gerlach im Gespräch mit ZDFheute live.

Das sagt Daniel Gerlach zu ...

... der Bedeutung der aktuellen Proteste in Iran

Die Proteste in Iran haben nach Einschätzung von Gerlach eine neue Qualität angenommen. Allerdings geht der Experte auch davon aus, dass sie "mit neuen Qualitäten von Gewaltanwendungen beantwortet werden". Teils gewaltsame Demonstrationen würden vom Staatsapparat als Vorwand genommen, "auch zu scharfen Waffen zu greifen".

Das Regime hat keine Alternativen und steht mit dem Rücken zur Wand. Es ist letztendlich aufgebaut auf dem Prinzip von Gewaltanwendung und Repression.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

Es sei zu befürchten, "dass das, was wir jetzt gerade sehen, sich fortentwickelt", so Gerlach. Das Regime werde durch weitere Gewaltanwendung versuchen, die Menschen davon abzubringen, zu protestieren.

Iraner versammeln sich während einer Protestaktion in Teheran, Iran, am 9. Januar 2026 und blockieren dabei eine Straße. Die landesweiten Proteste gegen die gescheiterte Wirtschaftspolitik begannen Ende Dezember im Großen Basar von Teheran, breiteten sich auf Universitäten und andere Städte aus und umfassten wirtschaftliche, politische und regierungsfeindliche Parolen.

Trotz steigender Todeszahlen und Drohungen der Behörden gehen die landesweiten Proteste gegen die Führung in Teheran weiter. Der Zugang zum Internet bleibt gesperrt.

11.01.2026 | 3:02 min

In der gegenwärtigen Lage ist für Gerlach "eine Transformation, eine Übergabe der Macht" geboten. Nur hätten viele Menschen Angst, dass diese nicht mit friedlichen Mitteln zu erreichen sei und die Entwicklungen "in einem Bürgerkrieg" endeten. Das sei letztlich die große Ungewissheit, "das schwarze Loch, vor dem viele stehen, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht und nicht wissen, wer tatsächlich eine solche Transformation der Macht vornehmen könnte und ob die Kräfte des Regimes auch bereit dazu sind, das mit friedlichen Mitteln zuzulassen".

... iranischen Oppositionellen wie Reza Pahlavi

Wie Clips in den sozialen Netzwerken zeigen, skandieren die Demonstranten in Iran immer wieder "Lang lebe der König!". Gemeint ist damit Ex-Kronprinz Reza Pahlavi, der älteste Sohn des in der Islamischen Revolution 1979 gestürzten letzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Der 65-Jährige, der seit den 80er Jahren im Exil in den USA lebt, tritt in den vergangenen Tagen immer wieder als Oppositionsfigur auf.

Demonstranten nehmen am 10. Januar 2026 in Frankfurt am Main an einem Protest gegen die iranische Regierung teil.

In Berlin und Frankfurt haben Hunderte Menschen gegen die iranische Regierung und für einen Machtwechsel demonstriert.

10.01.2026 | 0:46 min

In den vergangenen Jahren habe Pahlavi bei den Menschen vor Ort allerdings keine Rolle gespielt, erklärt Gerlach.

Das war eine reine Exilfigur, letztendlich auch eine Fantasie vieler Exiliraner, die zum Teil wirklich mit sehr aggressiven Mitteln versucht haben, andere Oppositionsfiguren zur Seite zu drängen und diesen Anspruch durchzusetzen.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

Viele Menschen, die in Iran den Namen Pahlavis in ihre Protestrufe einbringen, täten das, "weil sie damit das Regime maximal verärgern", nicht etwa aus Hoffnung, "dass Reza Pahlavi die Erlöserfigur ist". Weil es im Machtapparat selbst keine Alternativen gebe, wendeten sich manche Menschen nun dieser Figur zu.

... der Rolle der USA

Auch US-Präsident Donald Trump hatte in den vergangenen Tagen mehrfach seine Solidarität mit den Iranern bekundet und wiederholt mit einem militärischen Eingreifen gedroht, falls die iranischen Sicherheitskräfte gewaltsam gegen Demonstranten vorgingen. Teheran reagierte jüngst ebenfalls mit Drohungen.

Bundesaußenminister Johann Wadephul, CDU, im Berlin-direkt-Interview

Das Regime in Teheran sei "ein Gewaltregime", sagt Außenminister Wadephul. Was dort geschehe, "an Unterdrückung des Volkes, an Misshandlung von Menschen, ist inakzeptabel", betont er im ZDF.

11.01.2026 | 2:50 min

Anfangs hätte es Menschen in Iran gegeben, die die Drohung Trumps positiv bewertet hätten, "weil sie glaubten, dass das eventuell das Regime zur Zurückhaltung bewegen könnte", erklärt Gerlach.

Aber je weiter das Regime in die Ecke gedrängt wird und keine Alternativen mehr hat, desto größer ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass es exzessiven Waffeneinsatz gibt.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

Trump habe militärisch viele Optionen, allerdings sei keine davon wirklich dazu geeignet, die Protestbewegung zu unterstützen und die Eskalation der Gewalt zu beenden, glaubt der Nahost-Experte. Außerdem stelle sich für Amerika die Frage, wie viele Schäden und Verluste man bereit sei, in Kauf zu nehmen: "Ich glaube, da ist die Schmerzgrenze relativ niedrig." Die Schmerzgrenze beim Regime könnte nach Einschätzung von Gerlach dagegen "relativ hoch sein", wenn es das Gefühl habe, nichts mehr zu verlieren zu haben.

Zahlreiche Menschen versammeln sich für Proteste auf den Straßen in Teheran

In Iran dauern die Proteste gegen die staatliche Führung weiter an. Wie das Menschenrechtsnetzwerk HRANA berichtet, sind dabei bereits mehr als hundert Menschen getötet worden.

11.01.2026 | 0:19 min

... möglichen Zukunftsszenarien für Iran

Nach Einschätzung von Gerlach gibt es zweifelsfrei die Option, "darauf zu hoffen, dass ein gewaltsamer Umsturz dieses Systems in Iran gelingt". Auch habe man die Möglichkeit, die friedliche Bewegung im Land zu unterstützen und "dem Regime irgendwie einen Ausweg zu geben". Für den Nahost-Experten wäre das "Best-Case-Szenario", dass Irans oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei die Macht abgibt, sich das Regime der Islamischen Republik auflöst und einen friedlichen Übergang ermöglicht, etwa durch die Bildung eines Übergangsrats.

Die wahrscheinlich schlechteste Option ist laut Gerlach ein "Bürgerkrieg oder ein Krieg, der von außen befeuert wird".

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Quelle: Mit Material von KNA
Über dieses Thema berichtete ZDFheute live am 11.01.2026 ab 14:15 Uhr und die heute-Nachrichten am 11.01.2026 um 19:00.

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