Ukraine-Gespräche in Abu Dhabi: "Näher dran als jemals zuvor"

Friedensforscherin Deitelhoff:Ukraine-Gespräche: "Wir sind näher dran als jemals zuvor"

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Die ersten trilateralen Gespräche zwischen Russland, Ukraine und USA in Abu Dhabi sind vorerst beendet. Wie das Treffen einzuordnen ist, erklärt Friedensforscherin Deitelhoff.

Friedens- und Konfliktforscherin Nicole Deitelhoff vor

Trotz russischer Angriffe auf Kiew und Charkiw gehen die Friedensverhandlungen in Abu Dhabi in die zweite Runde. Wie das zusammenpasst und ob es Fortschritte gibt, analysiert ZDFheute live.

24.01.2026 | 11:06 min

Während in Abu Dhabi trilaterale Gespräche zwischen Ukraine, Russland und den USA stattfanden, wurden massive russische Angriffe auf Kiew und Charkiw gemeldet. Trotzdem werden die Gespräche von Beobachtern als möglicher Wendepunkt bei den Friedensbemühungen zum russischen Angriffskrieg bezeichnet - zum ersten Mal seit Kriegsbeginn haben Vertreter von Ukraine, Russland und den USA an einem Tisch gesessen.

Wie ernsthaft die Gespräche sind, wo die größten Streitpunkte liegen und wie realistisch ein Waffenstillstand ist, erklärt die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff im Interview bei ZDFheute live.

Sehen Sie das gesamte Interview oben im Video oder lesen Sie hier Auszüge. Das sagt Friedensforscherin Nicole Deitelhoff ...

... dazu, wie erneute russische Angriffe mit Friedensgesprächen zusammenpassen

Deitelhoff widerspricht der Annahme, Verhandlungen und militärische Eskalation als Gegensätze zu betrachten.

Wir müssen uns tatsächlich von so einer Vorstellung verabschieden: Entweder man führt Krieg oder man verhandelt. In der Regel macht man tatsächlich beides gleichzeitig.

Nicole Deitelhoff, Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung

Russland setze die Angriffe daher gezielt fort, um seine Position am Verhandlungstisch zu stärken. Durch massiven Druck auf die ukrainische Zivilbevölkerung sollen so politische Zugeständnisse erzwungen werden, erklärt Deitelhoff vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung.

Es sei also eher umgekehrt: Gerade diese Eskalation zeige, dass Russland die Gespräche ernstnehme und versuche, möglichst viel für sich herauszuholen.

Korrespondent Armin Coerper

Die trilateralen Gespräche zwischen Russland, Ukraine und den USA sind vorerst vorbei - wie lief das Treffen? ZDF-Korrespondent Armin Coerper ordnet von Abu Dhabi aus ein.

24.01.2026 | 1:12 min

... zur Frage, ob die Gespräche tatsächlich ein Schritt Richtung Frieden sind

Es seien die ersten direkten Gespräche zwischen Russland und Ukraine seit sehr langer Zeit, betont Deitelhoff. Dass hochrangige Vertreter beider Seiten an den Verhandlungen beteiligt sind, sei ein klares Signal:

Wir nähern uns einem Endziel, also sozusagen einer Einigung oder auch einer Nicht-Einigung, aber es geht auf eine Zielgerade zu.

Nicole Deitelhoff, Friedensforscherin

Ein zentraler Streitpunkt bleibe jedoch die Zukunft der von Russland beanspruchten Gebiete im Donbass: Moskau fordere den Abzug ukrainischer Truppen aus Regionen, die es selbst militärisch nicht vollständig kontrolliere. Für die Ukraine gebe es aber keinen Grund, freiwillig Land abzugeben, das Russland seit Jahren nicht erobern konnte, so Deitelhoff.

Einen vollständigen Friedensvertrag mit dem Ende der Gespräche in Abu Dhabi erwartet die Friedensforscherin zwar nicht, aber es sei möglich, dass die Verhandler zu einer zeitlich oder räumlich begrenzten Waffenruhe übereinkämen, die dann weitere Verhandlungen ermöglichten.

Zumindest sind wir näher dran als jemals zuvor in den letzten vier Jahren.

Nicole Deitelhoff, Friedensforscherin

Eine Fabrik in der Ukraine nach einem Angriff Russlands

Die Gespräche zwischen Russland, der Ukraine und den USA in Abu Dhabi wurden vorerst beendet. Trotz der Gespräche hat Russland die Ukraine in der Nacht massiv angegriffen.

24.01.2026 | 1:40 min

... dazu, was es für einen dauerhaften Frieden in der Ukraine braucht

Entscheidend für einen dauerhaften Frieden seien belastbare Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Also eine Rückversicherung für die Ukraine, dass ihr bei einem erneuten Angriff beigestanden wird.

Auf eine solche Sicherheitsgarantie muss es hinauslaufen, damit die Ukraine überhaupt bereit sein kann, in den Verhandlungen irgendwelches Territorium aufzugeben.

Nicole Deitelhoff, Friedensforscherin

Denkbar seien unterschiedliche Modelle: von einer besseren militärischen Ausstattung der Ukraine über eine internationale Schutztruppe bis hin zu Abschreckung durch Luft- und Seeunterstützung.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich eine solche Unterstützung insbesondere von den USA erhofft - und beim Weltwirtschaftsforum in Davos von einer grundsätzlichen Einigung mit US-Präsident Trump berichtet. Gerade sei aber nicht klar, wie verlässlich die USA als Partner seien, deutet Deitelhoff an.

Das Interview führte Christian Hoch, zusammengefasst hat es Ziyad Farman.

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