Wohnungsbau in Deutschland: Drei Gründe, warum er stockt

WISO - Wirtschaft erklärt:Drei Gründe, warum der Wohnungsbau stockt

von Mischa Ehrhardt, Valerie Haller

|

Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum in Deutschland. Das hat viele Gründe, etwa Bürokratie. Gefühlt war es früher einfacher, ein Haus zu finanzieren. Doch dem ist nicht so.

Ein Mann im Anzug trägt einen Bauhelm und telefoniert mit dem Smartphone vor einer Baustelle.

In der Schlange stehen für eine Besichtigung - und am Ende kein Erfolg. ZDF-Wirtschaftsexpertin Valerie Haller klärt, warum es mit dem Bau von neuem Wohnraum immer noch nicht voran geht.

06.06.2026 | 10:28 min

112 Bewerber, ein Termin, eine Wohnung. Wer in einer deutschen Großstadt sucht, kennt diese Zahlen - und die Absage, die fast immer folgt. Wohnraum ist längst zur sozialen Frage unserer Zeit geworden. Und sie wird täglich drängender.

Die Nachfrage ist regelrecht explodiert: Es gibt mehr alleinlebende Menschen als früher, es zieht viele Leute in Ballungsräume und Städte. Und gebaut wird viel zu wenig. So schätzt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung den jährlichen Bedarf an neuen Wohnungen auf 320.000. Tatsächlich entstanden im vergangenen Jahr aber nur rund 206.000 Wohnungen. Es ist der niedrigste Stand seit 2012. Verantwortlich für die Misere sind vor allem drei Faktoren.

Drei Gründe, warum der Bau stockt

1. Explodierende Kosten

Nicht nur das Material hat sich verteuert, sondern wirklich alles. Erst legte Corona die weltweiten Lieferketten lahm, dann trieb der russische Angriff auf die Ukraine die Preise für Stahl, Aluminium, Beton - und vor allem Energie in die Höhe. Hatte sich die Lage zwischenzeitlich wieder entspannt, haben die Energiekosten seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran wieder deutlich angezogen. Unter dem Strich ist ein Neubau heute 37 Prozent teurer als 2021 - deutlich mehr, als die Entwicklung der allgemeinen Inflation erwarten ließe.

Eine Komposition aus einem brennenden Öl-Tanker und einem fallenden Graphen.

Seit Beginn des Iran-Kriegs ist der Ölpreis kräftig angestiegen. Was bedeutet das für die Inflation? WISO - Wirtschaft erklärt mit ZDF-Wirtschaftsexpertin Valerie Haller.

13.03.2026 | 8:51 min

2. Bürokratie bremst den Wohnungsbau

Kaum eine Branche kennt so viele Vorschriften wie das Baugewerbe. Es beginnt lange vor dem ersten Spatenstich, etwa beim Bebauungsplan, der festlegt, wo Wohnungen, Gewerbe oder Parks entstehen, wie hoch gebaut werden darf und wie die Verkehrsanbindung aussieht. Das mag zum Teil sinnvoll sein, hemmt oft Bauvorhaben von Investoren. Hinzu kommen Artenschutzgutachten, Dämm- sowie Schallschutzvorschriften, Klagen, die Projekte jahrelang vor Gericht halten - und in jedem Bundesland eigene Gesetze, denn Bauen ist Ländersache.

ZDF-Börsenexpertin Sina Meinitz

Im letzten Jahr wurden in Deutschland so wenig Wohnungen fertiggestellt, wie seit zehn Jahren nicht mehr. ZDF-Börsenexpertin Sina Meinitz erläutert die Gründe dafür.

22.05.2026 | 1:15 min

3. Die Zinsen

Bei Bauprojekten sind sie oft der entscheidende Kostenfaktor, weil fast alles auf Kredit läuft. Seit Juli 2022 hat die EZB den Leitzins in beispiellosem Tempo von faktisch null auf über vier Prozent angehoben. Das klingt nach nicht viel. Aber der Anstieg um zwei Prozentpunkte seit 2022 führt bei einem Bauvorhaben etwa für ein Mietshaus für zehn Millionen Euro zu jährlichen Mehrkosten von 200.000 Euro. Auch an dieser Front könnte der Gegenwind in naher Zukunft wieder zunehmen. Denn wegen der hohen Energiepreise ist es wahrscheinlich, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen anheben wird, um frühzeitig einem drohenden allgemeinen Preisanstieg entgegenzuwirken.

Auswirkungen auf persönliche Finanzen
:So beeinflusst der Leitzins der EZB Ihr Geld

Der Leitzins soll weiter bei zwei Prozent liegen. Für viele eine abstrakte Zahl - dabei entscheidet er mit übers Geld, etwa im Supermarkt, auf dem Sparkonto und bei Krediten.
von Svetlana Leitz
mit Video1:32
Blick auf Hände, die ein Portemonnaie und mehrere Geldscheine sowie eine Euro-Münze halten

War es früher leichter, eine Immobilie zu finanzieren?

Hohe Zinsen waren auch ein Grund, warum es für die nun in Rente gehenden Babyboomer nicht einfacher war den Traum der eigenen vier Wände zu verwirklichen als für die heutige Generation. Obwohl die Immobilienpreise zwischen 2010 und 2022 um 64 Prozent gestiegen sind, war der Hauskauf für Babyboomer keineswegs einfacher:

Laut Daten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft mussten Haushalte 1981 rund 60 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Hypothek aufwenden, 2024 waren es etwa 43 Prozent. Auch der Erschwinglichkeitsindex des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass Wohneigentum 1981 deutlich schwerer zu finanzieren war als 2023.

Holger Stockhaus spielt den vermeintlich allwissenden Wirtschaftsexperten Nathan

Haben Millennials und Gen Z schlechtere Chancen auf Vermögen als die Babyboomer? "How to" analysiert alte und neue Anlagestrategien und zeigt, was heute besser funktioniert.

30.03.2026 | 43:30 min

WISO - Wirtschaft erklärt: So heißt das neue Format, mit dem das ZDF-Wirtschaftsteam künftig regelmäßig aktuelle Wirtschaftsthemen erklärt - hier bei ZDFheute und auf dem ZDFheute-Youtube-Kanal. Schicken Sie uns gern Ihr Feedback oder Themenvorschläge an wirtschafterklaert@zdf.de.


Was tun gegen Wohnungsmangel?

Die Bundesregierung will gegensteuern, vor allem bei der Bürokratie. Mit dem "Bau-Turbo" können Projekte bis 2030 auch ohne Bebauungsplan genehmigt werden; entscheidet ein Amt nicht binnen drei Monaten über einen Antrag, gilt er als bewilligt. In der Praxis hakt es jedoch: Ob das Instrument zum Einsatz kommt, entscheiden die Kommunen - und viele wollen ihre Planungshoheit behalten oder fürchten die Folgekosten.

Auch hat das Bundeskabinett den Weg freigemacht, das Baugesetzbuch zu ändern. Planungsverfahren sollen digitalisiert, einfacher und transparenter werden. Das Baugesetzbuch regelt beispielsweise, wenn sich Wohnungsbau, der Ausbau von Straßen oder der Schutz von Grünflächen in die Quere kommen.

Bauplanung soll "schneller, digitaler, schlanker und flexibler" werden

Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) zum geplanten Upgrade des Baugesetzes

27.05.2026 | 7:45 min

Experten fordern mehr. Serielles Bauen etwa, bei dem Häuser standardisiert wie Autos vom Band laufen - was bundesweit einheitliche Standards voraussetzt. Dazu: Städte dichter und höher bebauen, Spekulation mit Leerflächen unattraktiv machen und Grundstücke nicht an den Höchstbietenden vergeben, sondern an das bezahlbarste Konzept.

Ein zarter Hoffnungsschimmer immerhin: 2025 wurden rund zehn Prozent mehr Wohnungen genehmigt als im Jahr zuvor. Noch ist das nur ein Pflänzchen - der Wohnungsbau steckt weiter tief in der Krise.

Wichtiger Hinweis in eigener Sache

Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.

Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.

→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen


Über dieses Thema berichtete WISO in dem Beitrag "Wohnungsmangel 2026 - Warum wird immer noch zu wenig gebaut?" am 06.06.2026 um 13:15 Uhr.

Mehr zu Wohnungsnot und Wohnungsbau

  1. Wohnanlage im Bau in Hamburg (Archivbild)

    Kabinett nickt neues Baurecht ab:Bauen soll für Städte einfacher und schneller werden

    mit Video1:43

  2. Sozialwohnungen in Berlin.

    Auch der Bestand sinkt:2025 wurde weniger Wohnraum gefördert

    mit Video0:27

  3. Symbolbild:  An einem im Bau befindlichen Gebäude des sozialen Wohnungsbaus sind Fassadenelemente montiert, das Haus ist von einem Baugerüst umgeben

    18 Prozent weniger als im Vorjahr:Zahl neu gebauter Wohnungen sinkt auf Tiefstand

    mit Video0:27

  4. Gelände in Kiel Holtenau.

    Bundeswehr fordert Gelände zurück:Deal in Kiel: Militärstützpunkt statt Wohnquartier

    von Winnie Heescher
    mit Video4:02

WISO - Wirtschaft erklärt

Mehr
  1. ZDF-Wirtschaftskorrespondent Florian Neuhann im Studio von "WISO - Wirtschaft erklärt"

    WISO - Wirtschaft erklärt:Rente: Warum längeres Arbeiten wahrscheinlich wird

    von Mischa Ehrhardt und Florian Neuhann
    mit Video10:15

  2. ZDF-Wirtschaftsexpertin Valerie Haller im Studio von "WISO - Wirtschaft erklärt: Mehrwertsteuer hoch? Drei unbequeme Wahrheiten"

    WISO - Wirtschaft erklärt:Wie eine höhere Mehrwertsteuer an der Preisschraube dreht

    von Mischa Ehrhardt und Valerie Haller
    mit Video8:38

  3. ZDF-Wirtschaftskorrespondent Florian Neuhann im Studio von "WISO - Wirtschaft erklärt"

    WISO - Wirtschaft erklärt:Atomkraft: Was für und gegen eine Rückkehr spricht

    von Mischa Ehrhardt und Florian Neuhann
    mit Video10:47

  4. Valerie Haller präsentiert die Folge zu Chinas Export-Flut im Studio von "WISO - Wirtschaft erklärt".

    Wirtschaft erklärt mit Valerie Haller:Wie gefährlich ist der China-Schock für uns?

    von Mischa Ehrhardt
    mit Video8:46