Wasserverbrauch in Deutschland:Kritik an "Null-Tarif-Mentalität der großen Schlucker"
Mit der Trockenheit kann Wasser regional und zeitweise knapper werden. Journalist Uwe Ritzer fordert ein modernes Wassermanagement - an dem auch große Firmen beteiligt sind.
Hitze, Trockenheit und sinkende Grundwasserstände setzen viele Regionen unter Druck. ZDF-Umweltexpertin Winnie Heescher ordnet ein, wie sicher die Wasserversorgung ist und wo Handeln nötig wird.
13.08.2026 | 7:06 minZDFheute: Das bisher regenreiche Deutschland erlebt innerhalb weniger Jahre einen Wandel zur Wasserknappheit. Was ist zu tun?
Uwe Ritzer: Eine Lösung auf Knopfdruck gibt es nicht. Was wir vor allem brauchen, ist ein besseres Regenwassermanagement. Es ist durchaus denkbar, dass wir im Zuge des Klimawandels im Jahresdurchschnitt künftig größere Niederschlagsmengen haben werden als früher.
... arbeitet seit 1998 für die "Süddeutsche Zeitung". Für seine Recherchen erhielt er mehrere Auszeichnungen, darunter zwei Wächterpreise, den Leuchtturm- und Helmut-Schmidt-Journalistenpreis. Dem Thema Trinkwasser widmet er sich seit Jahren.
Das Problem ist, dass dieses Wasser nach Wochen der Dürre als Starkregen auf die Böden knallt, oberflächlich abfließt und damit für unsere Trinkwassergewinnung weitgehend verloren ist. Also brauchen wir Möglichkeiten, dieses Regenwasser aufzufangen.
Das bedeutet weniger Flächenversiegelung und mehr sogenannte Retentionsflächen, auf denen das Wasser in den Boden eindringen kann und nicht alles in der Kanalisation weggespült wird.
Laut des EU-Klimadienstes Copernicus erwärmt sich kein Kontinent so schnell wie Europa. In diesem Sommer forderten die hohen Temperaturen zehntausende Tote.
10.08.2026 | 1:49 minZDFheute: Ist nicht das eigentliche Problem, dass wir in Deutschland mit wertvollem Trinkwasser Blumen gießen und die Toilette spülen?
Ritzer: Bei Neubauten gibt es durchaus schon viele vorausschauende Projekte wie beispielsweise Regenwasserzisternen, um für die Toilettenspülung oder im Garten Regenwasser zu nutzen und gleichzeitig Trinkwasser einzusparen.
Der trockene Sommer 2026 legt Flüsse und Seen lahm. Schiffe müssen mit weniger Ladung fahren, Ernten geraten in Gefahr und die Wasserversorgung steht unter Druck. Wie ist die Lage einzuschätzen?
13.08.2026 | 2:03 minAber für solche Brauchwasserkreisläufe braucht man ein zweites Leitungssystem, und die Nachrüstung ist in Altbauten für viele finanziell gar nicht leistbar. Bei Neubauten ginge das sehr wohl und zwar mit überschaubarem Aufwand.
Mein Kritikpunkt ist auch, dass immer nur die Privathaushalte zum Wassersparen aufgefordert werden.
Das ist im Prinzip nicht falsch, greift aber zu kurz, denn was ist eigentlich mit den großen Wasserschluckern aus der Industrie oder Energiewirtschaft?
Die derzeitige Hitzewelle mit Trockenheit stellt Wirtschaft und Landwirtschaft in Deutschland vor erhebliche Herausforderungen.
11.08.2026 | 1:43 minZDFheute: Aber auch die Unternehmen haben das Thema Wasser auf der Agenda, selbst Tesla verbraucht in seinem Werk in Brandenburg weniger Wasser als befürchtet.
Ritzer: Es passiert schon viel Gutes unter den Augen einer kritischen Öffentlichkeit. Aber etwa 90 Prozent der Mengen, die die großen Schlucker wie Energieversorger, Bergbau- und Industriebetriebe sowie Landwirte entnehmen, kommen nicht aus der öffentlichen Wasserversorgung.
Diese besonders Durstigen bedienen sich über eigene Brunnen und Zugänge am Allgemeingut Wasser. Zum Teil wissen wir noch nicht einmal genau, wieviel sie entnehmen. Sie zahlen dafür nur niedrige Cent-Beträge pro Kubikmeter, in zwei Bundesländern, nämlich Hessen und Thüringen, ist die Wasserentnahme sogar kostenfrei.
ZDFheute: Wasser ist also zu billig, sagen Sie, aber wie erklären Sie das Privathaushalten und Unternehmen, die ohnehin schon über hohe Abgaben klagen?
Ritzer: Ich meine nicht diejenigen, die vom öffentlichen Wassernetz versorgt werden wie Privathaushalte, Behörden oder kleinere Unternehmen.
Ich kritisiere die Null-Tarif-Mentalität der großen Schlucker, die wir uns angesichts der Trockenheit nicht mehr leisten können.
Wasserhaushalt in Deutschland
Seit 1991 ist die Trinkwassernutzung laut Umweltbundesamt in Haushalten von 144 auf 126 Liter pro Kopf/Tag im Jahr 2022 gesunken. Miteingerechnet ist auch die Trinkwassernutzung im Kleingewerbe wie Bäckereien oder Arztpraxen.
Die 126 Liter werden verwendet für beispielsweise Duschen, Haushaltsreinigung oder Kochen. Nicht hineingerechnet in diese Zahl ist der Wasserverbrauch für die Herstellung von Lebensmitteln, Bekleidung und anderen Konsumgüter. Denn für die Herstellung der in Deutschland konsumierten Waren wird auch Wasser im Ausland genutzt. Würde man diesen Wasserverbrauch miteinrechnen, käme man in Deutschland auf etwa 7.200 Liter pro Person und Tag.
Wenn über Wasserknappheit gesprochen wird, stehen oft die privaten Haushalte im Fokus. Die öffentliche Wasserversorgung, zu der die Privathaushalte gehören, macht laut Umweltbundesamt 2022 aber weniger als ein Drittel der Wasserentnahme aus. Energieversorgung, Bergbau und verarbeitendes Gewerbes verbrauchen zusammen weitaus mehr. Die Landwirtschaft befindet sich auf einem niedrigen, aber steigenden Niveau. Gegenüber 2010 hat sich die entnommene Wassermenge mehr als verdoppelt.
Der "Wassercent" heißt offiziell Wasserentnahmeentgelt und wird auf die Entnahme von Grund- oder Oberflächenwasser außerhalb des öffentlichen Wassernetzes erhoben. Jedes Bundesland regelt den Wassercent anders.
Dem Verband kommunaler Unternehmen e.V. zufolge hat Bayern erst seit Juli 2026 einen Wassercent in Höhe von zehn Cent pro Kubikmeter. Auch Baden-Württemberg, Mecklenburg‑Vorpommern und Brandenburg erheben zehn Cent. Sachsen‑Anhalt und Nordrhein‑Westfalen weisen mit fünf Cent den niedrigsten Abgabesatz auf. Mit 31 Cent pro Kubikmeter erhebt Berlin den höchsten Satz. Hessen und Thüringen haben bislang keinen Wassercent.
Die Nationale Wasserstrategie wurde im März 2023 von der damaligen Bundesregierung beschlossen. Sie stellt vor, wie wir in Deutschland bis 2050 unseren Umgang mit Wasser verbessern können. Sie beinhaltet Prüfaufträge und Strategien, die aber nicht verpflichtend sind. Einzelne Vorhaben müssten in Gesetze oder Verwaltungsmaßnahmen umgewandelt werden.
Zur Umsetzung beinhaltet die Strategie ein Aktionsprogramm mit fast 80 konkreten Vorschlägen für Maßnahmen in Bund, Ländern und Kommunen. Dazu gehört auch zum Beispiel der Bau von "Fernwasserleitungskorridoren", um Wasser aus feuchten Regionen in trockene Gegenden zu bringen. Auch die Beschränkung von Mikroplastik in Waschmitteln und Kosmetik oder die Einführung von Schwellenwerten für Arzneimittel in der Grundwasserverordnung sind Teil des Maßnahmenkatalogs.
Ein deutlich höherer Wassercent hätte zur Folge, dass die großen Schlucker allein schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen gezwungen wären, in Wassersparen zu investieren.
Davon hätten alle etwas. Mit den Mehreinnahmen aus dem höheren Wassercent könnte man beispielsweise Unternehmen subventionieren, die in wassersparende Technologien investieren.
Ein Euro pro Liter? Abgefüllt in Flaschen wird uns Mineralwasser im Supermarkt teilweise teuer verkauft. Macht die Getränkeindustrie damit ein Milliardengeschäft?
23.03.2026 | 16:55 minZDFheute: Seit 2023 hat Deutschland eine "Nationale Wasserstrategie", um die Versorgung mittel- und langfristig sicherzustellen. Warum verändert sich trotzdem so wenig?
Ritzer: Die Wasserstrategie ist hervorragend, aber weder in der Gesellschaft noch in der Politik ist angekommen, wie dringlich das Thema ist. Deswegen kommt auch die Umsetzung nur sehr, sehr schleppend voran.
Die Verantwortung für den Umgang mit Wasser ist sehr komplex, die Kommunen spielen sicherlich eine große Rolle, aber sie sind es nicht alleine. Auch Bund und Länder müssen etwas tun. So ein grundlegender Wandel braucht viel Einsicht und die Bereitschaft zu Investitionen, beides kommt momentan zu kurz.
Das Interview führte Eva Schmidt.
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