Anwohner in Jülich sollten Wasser sparen:Trinkwasserknappheit in NRW: Warum es nicht am Tagebau liegt
von Nils Metzger
In Jülich wurde das Trinkwasser knapp, Anwohner sollten keine Pools mehr befüllen. Im Netz kursieren Vorwürfe, der Braunkohle-Tagebau Hambach sei verantwortlich. Was ist dran?
Braunkohle-Abbau im Tagebau Hambach bei Jülich: Bleibt der Pool leer wegen dieser Bagger? (Archivbild)
Quelle: dpaIn Jülich in Nordrhein-Westfalen kochten am Pfingstwochenende neben den Temperaturen auch die Emotionen hoch. Die lokalen Stadtwerke hatten die Bürger öffentlich zum Sparen von Trinkwasser aufgerufen - die Reserven würden knapp.
Die Bürger wurden gebeten, keine Pools mehr zu füllen, keine Gärten mehr zu wässern und allgemein sorgsam mit der Ressource Wasser umzugehen.
Pressemitteilung der Stadtwerke Jülich
Grund war ein Absinken der Wasserspeicher durch fehlenden Regen und sommerlich-heiße Temperaturen. Was die Stadtwerke als ein zentrales Problem ausmachten: "Zudem ist auch der Verbrauch in der Nacht so extrem hoch, dass sich die Speicher nicht mehr ausreichend füllen können." Deshalb: "Jeder gesparte Liter zählt."
Wegen des Braunkohle-Abbaus mussten Menschen in Nordrhein-Westfalen ihr Zuhause verlassen. Als der vorzeitige Ausstieg feststand, wurde der Abbau gestoppt. Die Orte sollen wiederbelebt werden.
30.01.2026 | 2:02 minVirales Video erhebt Vorwürfe gegen RWE und Medien
In den sozialen Netzwerken wurde aber ein anderes Narrativ ausgemacht: Verantwortlich sei vor allem der Bergbau. Nur wenige Kilometer von Jülich entfernt liegt der Tagebau Hambach, wo RWE seit Jahrzehnten Braunkohle fördert. Damit dort kein Grundwasser eindringt, pumpt das Unternehmen jedes Jahr 340 Millionen Kubikmeter Grundwasser ab. Das hat weitreichende Folgen für die Umwelt der gesamten Region - aber auch für den jetzt akuten Mangel an Trinkwasser?
In einem viralen Video mit rund 140.000 Likes und 1,2 Millionen Aufrufen sagt die Influencerin "Sarahtonix" etwa: "Wir müssen ganz dringend darüber reden, wie die Tagesschau über die aktuellen Grundwasserprobleme berichtet und welche Informationen da irgendwie absichtlich ausgelassen werden."
Sie äußert Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Aufrufs zum Wassersparen angesichts des Bedarfs des Tagebaus. "In der Stadt Jülich müssen vielleicht alle Leute stinken, weil der nebenanliegende Braunkohletagebau nämlich das ganze Wasser konsumiert und die Trinkwasserknappheit durch die Förderung des Klimawandels noch schlimmer macht." Ähnliche Nutzerkommentare lassen sich unter vielen Beiträgen zum Wassermangel in Jülich lesen.
Doch ist das so korrekt?
Die Energie-Agentur IEA geht davon aus, dass der weltweite Kohleverbrauch dieses Jahr mit 8,85 Milliarden Tonnen ein Rekordhoch erreichen wird. Spitzenreiter seien USA und China.
17.12.2025 | 0:24 minUmweltamt: Trinkwasser- statt Grundwasserproblem
Das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima in NRW sieht keine Verantwortung des Tagebaus für die aktuelle Lage. Vielmehr seien begrenzte Kapazitäten zur Trinkwasseraufbereitung bei den lokalen Stadtwerken der zentrale Grund, sagte eine Behördensprecherin zu ZDFheute. "Wenn zu viel Trinkwasser aus dem Netz entnommen wird, um zum Beispiel Gärten zu bewässern oder Pools zu befüllen, dann kann es passieren, dass die Wasserversorger nicht schnell genug ausreichend qualitätsgesichertes Trinkwasser bereitstellen können."
Die Grundwasserspiegel in der Region seien insgesamt gut und nicht Auslöser der aktuellen Warnungen, so das Landesamt. In der aktuellen Debatte zu dem Thema würde häufig zwischen Grund- und Trinkwasser nicht sauber unterschieden, so die Sprecherin.
Früher wurde in der Grube Messel bei Darmstadt Ölschiefer abgebaut. Heute liefert das Unesco-Weltnaturerbe wertvolle Erkenntnisse - über das Leben vor Millionen Jahren.
11.08.2025 | 2:47 minStadtwerke erklären Mangel für beendet - dank Bevölkerung
Auch die Stadtwerke Jülich weisen die Darstellungen im Netz gegenüber ZDFheute zurück:
Die Spekulation in den sozialen Medien ist das, was der Name sagt: Spekulation. Der Wassermangel hat nichts mit dem Tagebau zu tun.
Stadtwerke Jülich
Und sie geben Entwarnung: "(Die) Stadtwerke danken der Bevölkerung. Das Wassersparen hat sich gelohnt: Die Speicher sind wieder voll." Die Bevölkerung habe den Appell angenommen und exzellent umgesetzt, teilten die Stadtwerke am Montag mit. Der Regen am Wochenende habe zusätzlich für Entspannung gesorgt.
Angesichts der 340 Millionen Kubikmeter Wasser, die im Hambacher Tagebau jährlich abgepumpt werden, waren die Mengen, die in Jülich den Mangel auslösten, vergleichsweise gering - die beiden Reservoirs der Stadtwerke umfassen 5.000 Kubikmeter.
Problematisch seien insbesondere Verbrauchsspitzen von teils über 150 Kubikmetern pro Stunde in der Nacht gewesen. Durch sie hätten sich in den eigentlich verbrauchsärmeren Nachtstunden die Reserven für den nächsten Tag nicht ausreichend erholen können.
Und die Stadtwerke verweisen auf einen bereits eingeleiteten Bau eines neuen Wasserwerks, das deutlich höhere Aufbereitungskapazitäten ermöglichen würde.
Jahrzehntelang wurde in der Lausitz Grundwasser aus den Tagebauen abgepumpt und in die Spree geleitet. Mit dem Ende der Braunkohle könnte dem Fluss bis zu 80 Prozent Wasser fehlen.
11.05.2026 | 2:48 minWas macht RWE mit dem abgepumpten Wasser?
Das Abpumpen von Grundwasser, Fachleute sprechen vom Sümpfen, ist eine zentrale Voraussetzung für den Bergbau. Andernfalls würde das Wasser in die in Hambach bis zu 400 Meter tiefe Grube eindringen oder Hänge aufweichen.
RWE zufolge wird etwa die Hälfte des abgepumpten Grundwassers anschließend verwertet, etwa als Kühlwasser für Kraftwerke oder aufbereitet als Trinkwasser. Die andere Hälfte werde ungenutzt in örtliche Gewässer geleitet.
Für all das hat RWE eine behördliche Genehmigung und zahlt auch eine Gebühr. Laut RWE lag das Entgelt für insgesamt 575 Millionen Kubikmeter abgepumptes Wasser an allen Tagebaustandorten im Jahr 2015 bei rund zehn Millionen Euro jährlich - das entspräche rund 1,7 Cent pro Kubikmeter.
Solche geringen Kosten werden in den sozialen Medien teils irreführend den deutlich höheren Kosten je Kubikmeter Trinkwasser gegenübergestellt, die private Verbraucher bei den Stadtwerken Jülich zahlen müssen. Schon der Arbeitspreis liegt dort bei 1,46 Euro je Kubikmeter. Doch diese Zahlen sind kaum miteinander vergleichbar, da die Aufbereitung von Trinkwasser teuer ist und Verbraucher auch für das Wassernetz und die Qualitätssicherung zahlen.
Dass Industriekunden beim Wasser ähnlich wie auch beim Strom deutliche Vergünstigungen gegenüber Privathaushalten erhalten, ist jedoch korrekt und immer wieder Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Ab 2030 plant RWE eine Flutung des dann stillgelegten Tagebaus Hambach. Dafür soll Rheinwasser genutzt werden - ob das Unternehmen dafür zahlen muss, ist umstritten.
Fazit: Grundwasser und Trinkwasser sind nicht identisch. Das Trinkwasserproblem in Jülich stand in keinem direkten Zusammenhang mit dem nahen Braunkohletagebau, sondern lag vor allem an zu hohen Verbrauchsspitzen privater Haushalte für die örtlichen Wasserwerke. Durch Sparmaßnahmen konnte dieser Mangel inzwischen ausgeglichen werden. Dennoch gibt es viel Kritik am wasserintensiven Bergbau in der Region und wer für die langfristigen Folgen aufkommt.
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