Strukturwandel in der Lausitz: So gelingt der Kohleausstieg

Kohleausstieg in der Lausitz:Strukturwandel: Warum sie in Brandenburg zufriedener sind

von Jan Meier und Stefan Kelch

|

Bis 2038 soll das letzte Kohlekraftwerk der Lausitz vom Netz gehen. Das zwingt die Region, die von der Kohle lebt, zum Wandel. Warum das Brandenburg besser gelingt als Sachsen.

Industriepark Schwarze Pumpe

2038 soll in der Lausitz Schluss sein mit dem Braunkohleabbau. Als Kompromiss wurden der Region 17 Milliarden Euro Hilfen für den Strukturwandel versprochen. Kommt das Geld auch wirklich an?

09.05.2026 | 5:08 min

Im brandenburgischen Spremberg entsteht eine Anlage zur Wartung und Reparatur von Triebfahrzeugen und Güterwagen. Den Aufbau fördern der Bund und das Land Brandenburg mit 2,75 Millionen Euro. Das Werk gilt als zukunftssicher. Genau das brauchen die Menschen in der Region, die aus der Kohle aussteigen muss - und damit ihren wichtigsten Wirtschaftszweig verliert. Gerade junge Leute brauchen Perspektiven.

Azubi Urz Krautz findet, "die Ausbildung hier super. Man kann sich super qualifizieren und für die Zukunft ist auch alles abgesichert in dem Berufsfeld."

Deswegen ist es eine super Ausbildung und es macht auf jeden Fall auch Spaß.

Urz Krautz, Auszubildender

Braunkohletagebau Jänschwalde

Im Tagebau Jänschwalde ist die Förderbrücke F60 erfolgreich gesprengt worden. Die Brücke gilt als längste bewegliche Arbeitsmaschine der Welt und ist auch als "liegender Eiffelturm" bekannt.

05.02.2026 | 0:33 min

Sprembergs Bürgermeisterin: Fokus auf Industrie und Wirtschaft

Im Industriepark Schwarze Pumpe haben sich über 100 Unternehmen angesiedelt - von der Papierproduktion bis zur Batteriefertigung. Rund 33 Millionen Euro flossen bereits in eine bessere Infrastruktur: So wurden die Bahnstrecken und Zufahrtsstraßen modernisiert. Geplant ist nun ein Speicherkraftwerk, um grünen Wasserstoff industriell nutzbar zu machen.

Sprembergs Bürgermeisterin Christine Herntier sieht ihr Land im schwierigen Strukturwandel auf dem richtigen Weg: "Brandenburg hat erfreulicherweise von Beginn an den Fokus darauf gelegt, die Infrastruktur für die Industrie, für die Wirtschaft allgemein zu stärken. In Sachsen war und ist das so, dass viel in Projekte geflossen ist, wo also für die Bevölkerung besondere Orte geschaffen werden."

Ich bin wirklich froh, dass wir das in Brandenburg so gemacht haben, dass wir den Fokus auf die Entwicklung der Wirtschaft, der Industrie legen.

Christine Herntier, Bürgermeisterin Spremberg

Ein Kohlekraftwerk in Frankfurt am Main.

Der weltweite Verbrauch klimaschädlicher Kohle ist gestiegen. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet in diesem Jahr einen Rekord von 8,85 Milliarden Tonnen.

17.12.2025 | 0:28 min

Projektleiter in Cottbus: Menschen sehen, dass Arbeitsplätze entstehen

Mitten in Cottbus errichtet die Deutsche Bahn ein ICE-Instandhaltungswerk. In direkter Nachbarschaft von Kleingärten und Einfamilienhäusern. Projektleiter Carsten Burmeister hat den Anwohnern eine Lärmschutzwand zugesagt. Zur Fertigstellung im nächsten Jahr sollen hier 1.200 Industriearbeitsplätze entstehen.

Am Ende sehen auch die Menschen hier vor Ort, dass es ankommt, dass Arbeitsplätze entstehen, dass hier Wachstum entsteht, dass hier Wirtschaftskraft entsteht.

Carsten Burmeister, Projektleiter

Er sieht die brandenburgische Lausitz als Positivbeispiel für den Strukturwandel.

Die Brandenburgische Technische Universität bildet die dringend benötigten Ingenieure und Informatiker aus, und kooperiert mit Start-ups etwa im Bereich von Werkstoffen der Zukunft. Und sie begleitet den Strukturwandel wissenschaftlich in einem mit 16 Millionen Euro geförderten Zentrum für Strukturwandel und Regionalentwicklung (ZeStuR).

Größtes Windrad in der Lausitz im Bau.

365 Meter - fast so hoch wie der Berliner Fernsehturm: In der Lausitz entsteht derzeit das größte Windrad der Welt. Noch in diesem Jahr soll es fertigwerden.

26.03.2026 | 0:52 min

Uni-Präsidentin: Strukturwandel braucht Fachkräfte - auch von außen

Gesine Grande, Präsidentin der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg erklärt:

Hier ist demografisch einfach eine sehr schwierige Situation entstanden. Rundherum sind Landkreise mit dem geringsten Anteil an Kindern im bundesweiten Vergleich. Das heißt, wir sind schon darauf angewiesen, Leute von außen hierher zu holen.

Gesine Grande, Präsidentin Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg

Fast jeder Zweite der über 7.000 Studenten kommt aus dem Ausland, derzeit vor allem aus Indien, Pakistan und Bangladesch. Aus Sicht der Unipräsidentin kommt es künftig darauf an, zumindest einige von ihnen in der Region zu halten. Denn genügend Fachkräfte zu finden, entscheidet mit darüber, ob der Strukturwandel in Brandenburg zum Erfolg wird.

Kraftwerk Boxberg

Das Kraftwerk Boxberg soll im Zuge des Kohleausstiegs bis spätestens 2038 abgeschaltet werden. Wie es für die Kohlekumpel in der Lausitz weitergeht, ist offen.

12.05.2026 | 4:09 min

Sachsen: Strukturwandelprojekte für Bevölkerung nicht sichtbar

Auch in Sachsen ist bereits viel Geld in die Strukturwandelregion geflossen: fast eine Milliarde Euro. Davon ist der allergrößte Teil bereits verplant - in 120 Projekten "gebunden", heißt es im Bürokratiedeutsch. Nur zahlt das "Gebundensein" nicht aufs Zuversichtskonto der Bevölkerung ein.

Sie kann nicht sehen, dass für Millionen OP-Roboter in Görlitz angeschafft wurden. Sie können auch die Investitionen in die Batteriefertigung nicht sehen, die hinter den Werktoren in Kamenz stattfindet. Sie sehen auch nicht die Planungen für das sicher einmal bedeutsame Zentrum für Astrophysik (DZA) in Görlitz.

Sachsens Bürgermeister fordern "sichtbare Projekte"

In Boxberg steht Bürgermeister Hendryk Balko noch immer auf einem öden Platz mitten in der Gemeinde. Das Kraftwerk am Ortsrand wird spätestens in zwölf Jahren abgeschaltet. Eigentlich wollte er hier am Jahresende das neue Gesundheitszentrum für die ganze Region eröffnen.

Es sollte der erste Ankerpunkt sein in unseren vielen Projekten, die wir als Gemeinde Boxberg im Strukturwandel vorhaben. Das erste sichtbare Projekt, wo die Leute sehen, ja, hier passiert etwas, hier fühle ich mich wohl, ich will hier meine Zukunft aufbauen und hier kann ich bleiben.

Hendryk Balko, Bürgermeister von Boxberg

Doch auf den Fördermittelbescheid warten die Boxberger bis heute.

Eine weibliche (l) und eine männliche Schellente sitzen und schwimmen bei sommerlichen Temperaturen im Fluss Spree.

Jahrzehntelang wurde in der Lausitz Grundwasser aus den Tagebauen abgepumpt und in die Spree geleitet. Mit dem Ende der Braunkohle könnte dem Fluss bis zu 80 Prozent Wasser fehlen.

11.05.2026 | 2:48 min

Martin Schautschik ist Betriebsrat im Kraftwerk Boxberg. Er ist wütend.

Was uns sehr negativ aktuell in die Zukunft schauen lässt: Wo bleiben die Ersatzarbeitsplätze und die Investition, die dringend benötigt wird in Infrastruktur, Straße, Schiene, alles diskutierte Punkte, aber viel heiße Luft bisher.

Martin Schautschik, Betriebsrat im Kraftwerk Boxberg

Infrastruktur-Ministerium: Brauchen kluge Verzahnung in Lausitz

Das zuständige Infrastruktur-Ministerium sieht das Dilemma - und hofft auf mehr Fortschritt in den kommenden Jahren: "Die Erwartungen in der Lausitz sind hoch, die Mittel sind trotz ihrer Größenordnung leider endlich. Deshalb kommt es nicht nur auf zusätzliche Mittel an, sondern vor allem auf Priorisierung, Strukturwirksamkeit und kluge Verzahnung."

Kurzdoku gerettete Dörfer

Jahrelang war klar: Kuckum sollte verschwinden. Der Kohleausstieg und neue Klimaziele änderten alles. Das Dorf darf jetzt bleiben. Doch wie lebt es sich an einem Ort, der längst aufgegeben war?

10.01.2026 | 9:03 min

So sieht es auch Katja Dietrich, die Bürgermeisterin von Weißwasser. Zu viele Einzelprojekte, die zu wenige echte Arbeitsplätze schaffen. Und noch eins: In ihrer Stadt an der Abraumkante wollte vor allem der Bund investieren - jetzt mache er sich einen schlanken Fuß.

Mir wäre von der Bundesregierung wichtig, dass die Ernsthaftigkeit, mit der der Kohleausstieg angefangen wurde, auch beibehalten wird. Viele Projekte wurden uns vom Bund mitgegeben. Doch die Ernsthaftigkeit ist etwas verloren gegangen.

Katja Dietrich, Bürgermeisterin von Weißwasser

Jan Meier und Stefan Kelch berichten aus den ZDF-Studios in Brandenburg und Sachsen.

Die Lausitz ist eine rund 13.000 Quadratkilometer große Region mit etwa 1,3 Millionen Einwohnern, die sich auf der deutschen Seite über den Nordosten Sachsens und den südlichen Teil Brandenburgs erstreckt sowie auf Teile Polens. Zu den bekanntesten Städten in der Lausitz gehören Cottbus, Bautzen und Görlitz.

Im 19. Jahrhundert mauserte sich die Lausitz zum größten Braunkohlerevier Deutschlands. Zehntausende Arbeiter zogen in die Region. Die sächsische Oberlausitz - Teil der ins Brandenburgische hineinreichenden Lausitz - war für die DDR mit ihren Braunkohlevorkommen eines der Energiezentren und zugleich Ferienzentrum. In Spitzenzeiten förderten die Braunkohlekombinate in der Lausitz jährlich bis zu 200 Millionen Tonnen Kohle, in der DDR-Wirtschaft wurde die Braunkohle wichtigster Energieträger. Nach der Wende ging die Kohleförderung deutlich zurück.

2020 wurde der Ausstieg aus der Kohleverstromung bis spätestens 2038 beschlossen. Die Braunkohlereviere in der Lausitz, in Mitteldeutschland und im Rheinland sollen bis zum Jahr 2038 bis zu 40 Milliarden Euro erhalten, um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Ausstiegs zu mildern.

(Quelle: dpa, ZDF)


Wichtiger Hinweis in eigener Sache

Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.

Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.

→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen


Über dieses Thema berichtete der "Länderspiegel" am 09.05.2026 ab 17:05 Uhr.

Mehr zum Thema Braunkohle

  1. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger, NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, Microsoft-Deutschlandchefin Agnes Heftberger sowie Eoin Doherty (Microsoft) während des Spatenstichs für das neue Rechenzentrum von Microsoft in Nordrhein-Westfalen.

    Von Kohle zur Künstlichen Intelligenz:Microsoft eröffnet KI-Rechenzentren in Braunkohleregion

    von Dominik Müller-Russell
    mit Video0:36

  2. Dave Johnson-Kohlekraftwerk in Glenrock (USA)

    Internationale Energieagentur:Kohleverbrauch weltweit steigt - Rekord erwartet

    mit Video0:28

  3. Brandenburg, Jänschwalde: Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG).

  4. Sonnenaufgang am Kohlekraftwerk Mehrum