Fischmehl: Futterbasis für Aquakulturen:Warum in einem Lachs mehr als ein Fisch steckt
von Sebastian Köhler
Lachs aus Aquakulturen gilt als nachhaltig. Doch für seine Zucht zermahlt die Fischindustrie Millionen Tonnen wildgefangenen, essbaren Fisch zu Futter. Ein Milliardengeschäft.
Jeder fünfte Fisch wird zu Fischmehl als Tierfutter verarbeitet. Beispielsweise für Zucht-Lachs aus Aquakultur. Doch diese Praxis hat dramatische Folgen für Mensch und Umwelt.
09.08.2026 | 43:35 minLachs gehört zu den beliebtesten Speisefischen. Mittlerweile stammt er zum Großteil aus Aquakulturen. Denn gezüchteter Fisch gilt als nachhaltige Lösung, um unseren stark gestiegenen Hunger nach Fisch zu stillen.
Das Versprechen: Für Fisch aus Aquakulturen werden die Ozeane nicht weiter überfischt. Stattdessen soll Fisch maximal kontrolliert und mit möglichst wenig Schaden für die Umwelt gezüchtet werden.
Der asiatische Feuerfisch, eine invasive Art mit Giftstachel, breitet sich rasant an den Küsten Griechenlands aus. Nun kommen die Tiere auf den Tisch. Lecker und nachhaltig fürs Ökosystem.
29.01.2026 | 0:51 minLachszucht: Aquakulturen brauchen riesige Mengen Fischfutter
Seit den 1990ern hat sich die Fischproduktion in Aquakulturen versechsfacht. Und damit auch der Bedarf an Futter. Forelle, Dorade, Steinbutt, der geliebte Lachs und viele weitere Arten brauchen eines, um auch in Zuchtstationen schnell zu wachsen: tierisches Eiweiß. Und das liefern die Rohstoffe Fischmehl und Fischöl.
Fischmehl und Fischöl sind das getrocknete Pulver und das ausgepresste Fett aus gemahlenem Wildfisch und Verarbeitungsresten aus der Fischerei und Aquakultur. Beides zusammen ist wichtiger Bestandteil im Futter der Aquakultur. Viele fleischfressende Fischarten können pflanzliche Kost nur begrenzt verwerten und sind auf tierisches Eiweiß und marine Fettsäuren angewiesen.
Fischmehl liefert hochwertiges Protein mit passendem Aminosäureprofil, Fischöl die Omega-3-Fettsäuren für Wachstum, Immunsystem und auch den Geschmack.
Wie viel Wildfisch in einem Zuchtlachs steckt
Weltweit wird nach Schätzungen des BUND jeder fünfte gefangene Fisch zu Mehl und Öl verarbeitet - das sind jährlich rund 20 Millionen Tonnen. Bei einigen Fischarten wird mehr Fisch verfüttert, als am Ende in der Aquakultur entstehen.
Wie viel Wildfisch in einem Zuchtlachs steckt, misst der sogenannte FIFO-Wert, kurz für "Fish In, Fish Out". Er gibt an, wie viele Kilo Wildfisch nötig sind, um beispielsweise ein Kilo Lachs zu produzieren.
Die norwegische Lachsindustrie ist schon lange in der Kritik. Nun hat der Rundfunksender NRK aufgedeckt, dass Lachs mit beschädigter Haut als erstklassige Ware ins Ausland geliefert wurde.
04.02.2026 | 2:12 minEine Studie der Universität von Miami und der Naturschutzorganisation Oceana kommt dabei auf Werte zwischen zwei und sechs Kilo Wildfisch pro Kilo gezüchtetem Lachs. Das bedeutet: In einem 250 Gramm Stück Lachs könnten unsichtbar bis zu 1,5 Kilogramm Wildfisch stecken.
Fischmehlproduktion verursacht Probleme für Ökosysteme
Zwar versuchen Aquakulturbetreiber den FIFO-Wert zu verbessern, doch an der stetigen Nachfrage nach Fischmehl und Öl ändert das wenig, da weltweit immer mehr Fisch produziert wird. Gleichzeitig gibt es bisher keine kostengünstige Alternative, um die Vorteile von Fischmehl und Öl in solchen Maßstäben zu ersetzen.
Norwegen ist der größte Lachsproduzent der Welt. Etwa 70 Prozent des Lachses für den globalen Markt werden in Aquakulturen gezüchtet. Große Betriebe stehen immer wieder in der Kritik.
Quelle: ZoonarDer Meeresbiologe Frédéric Le Manach spricht sich klar dagegen aus, Speisefische an Zuchtfische zu verfüttern. Es sei ein enormer Eingriff in Ökosysteme und Nahrungsketten, Wildfisch in diesen Dimensionen zu Futter zu verarbeiten. Viele größere Fischarten wie Thunfische, etliche Meeressäuger und auch Seevögel ernähren sich von den Arten, die die Fischmehlindustrie gezielt verarbeitet.
Dämme, Verschmutzung und Überfischung machen wandernden Süßwasser-Fischarten weltweit immer mehr zu schaffen. Laut UN haben die Populationen seit 1970 um mehr als 80 Prozent abgenommen.
24.03.2026 | 0:50 minMenschen in Westafrika zahlen den Preis für den Fischhunger reicher Staaten
Ein Großteil der zu Mehl verarbeiteten Fische wäre als Lebensmittel geeignet. An Westafrikas Küste wird das Business mit zermahlenem Fisch zum Problem. In Gambia, Senegal und Mauretanien sind in wenigen Jahren zahlreiche Fischmehlfabriken entstanden. Industrielle Fangschiffe, die die Fabriken beliefern, konkurrieren nun mit der Bevölkerung um den Fisch.
Denn sie verarbeiten vor allem gezielt sogenannte Bonga-Fische - die erschwinglichste Art, die für viele Menschen Ernährungsgrundlage und Proteinquelle darstellen.
Für den Spaziergang auf dem Meeresboden im Unterwasserpark Punat auf der Insel Krk werden Besucher mit einem Tauchhelm ausgestattet, wenn sie Fische beobachten, streicheln und füttern wollen.
12.08.2026 | 0:23 minDurch den Druck der Fischmehlfabriken hat sich ihr Preis in wenigen Jahren versechsfacht. Für Familien wie die von Kumba Camara, einer alleinerziehenden Mutter aus Gambia, wird die wichtigste Proteinquelle damit zur Mangelware.
Unsere Regierung hat beschlossen, unseren Ozean an ausländische Firmen zu verkaufen. Sie zerstören unsere Lebensgrundlage und füttern die reichen Länder.
Kumba Camara, lebt in Gambia
Sie könne sich den Fisch nun nur noch am Wochenende leisten, erzählt Camara.
Für Verbraucher bleibt Fischmehlherkunft bei Lachs intransparent
Der Fisch, der an den Produktionsstandorten fehlt, stillt nun den globalen Hunger nach Zuchtfisch und ganz besonders nach Lachs. Denn obwohl Lachs weniger als vier Prozent der weltweit gezüchteten Fische ausmacht, verbraucht er laut der Organisation Foodrise 14 Prozent des gesamten Fischmehls und über 58 Prozent des global gehandelten Fischöls.
Für Verbraucher ist es kaum möglich herauszufinden, welche und wie viele zermahlene Fische verfüttert wurden und woher sie eigentlich stammen.
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