Zukunftsquote vom ZEW für Haushalt 2025:Bund investiert mehr in Zukunft, aber es gibt einen Haken
von Karen Grass
Einer aktuellen Studie zufolge investiert der Bund mehr als je zuvor in Bildung, Digitalisierung und Klimaschutz. Doch die Verlagerung in Sondervermögen könnte zum Problem werden.
Der Bund investiert so viel wie nie in Zukunftsausgaben. Doch ein wachsender Anteil stammt aus Sondervermögen und nicht aus dem Kernhaushalt.
23.04.2026 | 1:26 minInvestieren in die Zukunft, da denkt man an die Sanierung von Infrastruktur wie Brücken oder Schienen. Doch dieser enge Investitionsbegriff springe zu kurz, meint das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Es hat deshalb für den Bundeshaushalt 2025 berechnet, wie zukunftsträchtig insgesamt investiert wird.
Die Zukunftsquote lag demnach 2025 bei 22,3 Prozent der Haushaltsausgaben. "Das ist ein historischer Höchstwert, seitdem wir die Quote im Jahr 2018 erstmals berechnet haben", erklärt ZEW-Forscher Prof. Friedrich Heinemann.
Reiner Holznagel (BdSt), Viviane Raddatz (WWF), und Friedrich Heinemann (ZEW) (v.l.n.r.) präsentieren die deutsche Zukunftsquote des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung.
Quelle: ddpDas misst die Zukunftsquote anders
Das ZEW will mit seinem Indikator blinde Flecken üblicher Investitionsquoten ausleuchten. Denn diese zielten laut ZEW vor allem auf Sachkapital wie Infrastruktur ab, differenzieren dabei aber wenig.
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18.12.2025 | 1:32 minDas ZEW betrachtet für die Zukunftsquote dagegen vor allem Infrastruktur, die einen gesteigerten Nutzen in der Zukunft hat. Der Bau einer Freizeitanlage schneidet dabei schlechter ab als der eines Forschungslabors. Im Gegenzug berücksichtigt das ZEW Posten, die in herkömmlichen Investitionsquoten fehlen: Ausgaben für frühkindliche Bildung, Forschung oder besondere Maßnahmen zum Klimaschutz.
Das steckt hinter der Zukunftsquote
Das Leibniz Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hat die Zukunftsquote im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entwickelt und berechnet sie seit dem Haushaltsjahr 2018.
Seit 2025 wird das Projekt finanziell vom World Wide Fund for Nature (WWF) unterstützt. Die WWF-Leiterin für Klimaschutz, Viviane Raddatz, begründet das mit dem Wunsch nach mehr Transparenz in Bezug auf Zukunftsausgaben wie Klima- und Umweltschutzmaßnahmen. Auf das Studiendesign nehme der WWF keinen Einfluss, sagt das ZEW.
Für die Berechnung der Zukunftsquote betrachtet das ZEW 5.700 Einzeltitel im Kernhaushalt des Bundes und in seinen Sondervermögen und bewertet diese nach einem Filter- und Gewichtungsmechanismus.
Steht bei der Ausgabe ein Gegenwartsnutzen im Vordergrund oder gar die Bewältigung von zurückliegenden Herausforderungen, wird der Posten aus der Betrachtung ausgeschlossen.
Verbliebene Ausgaben werden gewichtet. Wie zukunftsbezogen sind sie? Vermehren sie Infrastruktur, technisches Knowhow, Humankapital oder Naturkapital? Zu Investitionen in Humankapital können etwa auch Posten wie die Zahlung von Elterngeld zählen, da dieses die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und frühkindlicher Bildung verbessere, erklärt das ZEW.
Das ZEW macht transparent, dass seine Quote Interpretationsspielraum bei der Bewertung hat, wie zukunftsdienlich einzelne Ausgaben tatsächlich sind, oder dass zum Beispiel bei Infrastruktur wie einer Straße nicht immer differenziert werden könne, wie umweltschädlich ihr Bau abgelaufen ist.
Mit seiner Berechnung attestiert das ZEW 2025 also einen Anstieg der Zukunftsausgaben. Allerdings sei dieser ausschließlich durch Sondertöpfe wie den Klima- und Transformationsfonds und das neue Sondervermögen getrieben. Der Anteil im Kernhaushalt für Zukunftsausgaben sei dagegen gesunken, von 20,5 (2023) auf nun 17,3 Prozent (2025).
Im Etat 2026 wachsen Ausgaben und Schulden weiter. Der Bund der Steuerzahler und Wirtschaftsexperten sehen das kritisch.
25.11.2025 | 2:45 minInvestitionen aus Kernhaushalt in Sondervermögen verschoben
ZEW-Forscher Heinemann sagt: "Während Zukunftsausgaben in die zeitlich befristeten Sondervermögen wandern, rücken andere Ausgaben wie höhere Zuschüsse zur Rentenversicherung in den Kernhaushalt." Statt dieser Ausgaben später wieder Zukunftsausgaben zurückzuholen, sei schwer, so Heinemann: "Wenn etwas einmal im Haushalt drinsteht, sind die Beharrungskräfte groß."
Der Anteil neuer Schulden, die für Zukunftsausgaben aufgenommen wurden, sei mit knapp einem Drittel weiter gering, so das ZEW. Dabei führe die Politik zur Begründung neuer Schulden oft an, in die Zukunft investieren zu wollen.
Die Löcher im Bundeshaushalt 2025 sind größer als bislang angenommen. Das zeigen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts. Demnach lag die Finanzierungslücke bei 119,1 Milliarden Euro.
25.02.2026 | 0:20 minWelche Investition ist neue Verschuldung wert?
Die Debatte dazu, was eine Investition in die Zukunft ist, ist übrigens nicht neu. Besonders virulent war sie vor 2009, denn bis dahin durften Investitionen generell mit Schulden finanziert werden. "In der Phase gab es mehrfach Rechtsstreitigkeiten, was nun als Investition gelten sollte und das Bundesverfassungsgericht hat die Regelungen kritisiert", erklärt Prof. Désirée Christofzik von der Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer.
Das führte schließlich dazu, dass vor 17 Jahren die Schuldenbremse ins Grundgesetz geschrieben wurde. Sie begrenzt die Kreditaufnahme von Bund und Ländern generell - egal, um welche Ausgaben es geht. Auch Umgehungsmöglichkeiten wurden eingeschränkt.
Doch zuletzt wurde die Schuldenbremse wieder aufgeweicht. Über Sondervermögen oder die Bereichsausnahme von der Schuldenbremse (unter anderem für Verteidigung, Zivil-/Bevölkerungsschutz und Nachrichtendienste) hat sich die Regierung wieder neue Spielräume verschafft.
Wirtschaftsinstitute kritisieren den Umgang mit dem Sondervermögen: Ein Großteil der neuen Schulden sei nicht in neue Investitionen geflossen, sondern habe Haushaltslücken gedeckt.
17.03.2026 | 1:47 minReform der Schuldenbremse: Zukunftsquote nur ein Anhaltspunkt
Um Neuschulden zu begrenzen und dauerhaft Spielräume auch für Zukunftsinvestitionen zu haben, wäre wohl eine Reform der Schuldenbremse notwendig. Aktuell arbeitet eine Expertenkommission an Vorschlägen dazu. Genau hier wollen Modelle wie die Zukunftsquote Impulse geben.
Allerdings: Allein daran die erlaubte Neuverschuldung auszurichten, gehe zu weit, mahnt Kommissionsmitglied Désirée Christofzik: "Wo ziehen Sie da die Grenze? Was als zukunftsträchtige Ausgabe gewertet wird, kann sich auch alle paar Jahre verändern." Das sieht auch ZEW-Forscher Heinemann so, die Quote könne aber als einer von mehreren Indikatoren dienen, um die Zukunftsausrichtung der Ausgaben zu überprüfen.
Karen Grass ist Redakteurin beim ZDF-Magazin "WISO".
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