Geld direkt vom Staat:Scheitern gerechtere Entlastungen an der Technik?
von Katja Belousova und Karen Grass
Die von der Bundesregierung geplanten Entlastungen werden als unsozial kritisiert. Aus der CDU heißt es: Für zielgerichtetere Hilfen fehle die nötige Technik. Was steckt dahinter?
Um Autofahrer bei den derzeitigen Spritpreisen zu entlasten, sieht die Bundesregierung einen Tankrabatt ab dem 1. Mai vor. Die Opposition kritisiert: Die Entlastung sei zu gering.
16.04.2026 | 1:50 minDie schwarz-rote Bundesregierung hat Pläne vorgelegt, wie sie die Bevölkerung angesichts Inflation und hoher Energiekosten entlasten möchte - unter anderem einen Tankrabatt oder eine 1.000-Euro-Prämie, die Unternehmen freiwillig an Angestellte auszahlen können.
Sozialverbände und Wirtschaftsfachleute kritisieren diese Maßnahmen: Sie seien weder zielgerichtet noch sozial gerecht.
"Ich sehe beide Punkte kritisch", meint etwa Energieökonom Stephan Sommer und mit Fokus konkret auf den Tankrabatt: "Wegen des unterschiedlichen Mobilitätsverhaltens - ärmere Haushalte besitzen nämlich seltener Pkw und legen kürzere Strecken zurück - kommen solche Rabatte eher Haushalten oberhalb des Medianeinkommens zugute."
Wenn man wirklich einkommensschwache Haushalte entlasten will, dann wären zielgerichtete Maßnahmen sinnvoller, wie die Erhöhung von Transferleistungen oder eine Direktzahlung.
Professor Stephan Sommer, Hochschule Bochum
Forderungen nach Klimageld und Mobilitätsprämie
Für Direktzahlungen kursieren nun verschiedene Ideen: Einige fordern ein sozial gestaffeltes Klimageld. Das würde Einnahmen aus der CO2-Bepreisung an die Bevölkerung zurückverteilen und Menschen mit geringen Einkommen, die zumeist auch weniger CO2 ausstoßen, würden dann zum Beispiel mehr Geld zurückbekommen als Besserverdienende.
Andere fordern wiederum eine einkommensabhängige Mobilitätsprämie, mit der Menschen selbst ihr Fortbewegungsmittel wählen können. Die Klimawissenschaftlerin Brigitte Knopf vom Thinktank KlimaSozial sagt zu solchen Ideen: "Dafür wäre wichtig, endlich einen sozial gestaffelten Direktzahlungskanal aufzubauen."
Nur das ermöglicht eine zielgerichtete Entlastung von denjenigen, die es wirklich brauchen.
Dr. Brigitte Knopf, KlimaSozial
Die Koalition plant den steigenden Spritpreisen ab Mai mit einem Tankrabatt zu begegnen. Opposition und Experten zweifeln an der Wirkung und fordern eine stärkere Kontrolle durch das Kartellamt.
16.04.2026 | 2:49 minWoran scheitern gerechtere Maßnahmen?
Warum werden diese Ideen nicht umgesetzt? Im Deutschlandfunk begründete es CDU-Finanz- und Wirtschaftsexperte Klaus Wiener am Donnerstag mit Blick auf die Mobilitätsprämie unter anderem so:
"Das Problem ist nur, dass der Direktauszahlungsmechanismus, den wir dafür brauchen, der ist ja 2025 fertiggestellt worden, der ist noch nicht so weit, dass wir jetzt differenziert Auszahlungen an Teilgruppen der Bevölkerung vornehmen können, gestaffelt nach Einkommen." Aber stimmt das?
"Was wir jetzt brauchen, ist sofort eine Übergewinnsteuer" für die Großkonzerne, sagt Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende Die Linke, zu den hohen Spritpreisen.
16.04.2026 | 4:34 minDirektauszahlungen seit 2025 möglich
Fakt ist: Das Bundesfinanzministerium hat unter der Ampel-Regierung im Zuge eines geplanten Klimageldes einen Direktauszahlungsmechanismus auf den Weg gebracht. Das Klimageld kam nie, doch der Auszahlungsmechanismus steht technisch mittlerweile seit März vergangenen Jahres. Darüber könnte der Staat also theoretisch direkt Geld an Bürger*innen überweisen.
Im April 2025 erklärte Staatssekretärin Luise Hölscher (CDU): "Ein konkreter Leistungsfall muss zunächst vom Gesetzgeber definiert werden, damit der Direktauszahlungsmechanismus zum Einsatz kommen kann."
Finanzministerium nicht fertig mit Weiterentwicklung
Heißt: Der Bundestag könnte Direktauszahlungen als Pro-Kopf-Pauschale nun per Gesetz auf den Weg bringen. Doch was ist dran an Klaus Wieners Aussage, dass nach Einkommen differenzierte Auszahlungen technisch noch nicht möglich seien?
In einem Bericht von April 2025 erklärte das Finanzministerium, dass eine "Weiterentwicklung des Direktzahlungsmechanismus für nach Einkommen differenzierte Auszahlungen an Teilgruppen der Bevölkerung" begonnen habe. Expertin Brigitte Knopf sagt dazu: "Eine Möglichkeit zur sozialen Staffelung ist entscheidend. Sonst wird breit und teuer das Geld mit der Gießkanne verteilt."
Aber dieser Mechanismus ist scheinbar immer noch in Arbeit.
Brigitte Knopf, KlimaSozial
Die geplante steuerfreie Prämie soll Beschäftigte entlasten, um die gestiegenen Energiepreise auszugleichen. Ob sie gezahlt wird, entscheiden jedoch allein die Unternehmen.
15.04.2026 | 1:43 minWas ist also der Stand, wird der Plan unter dem aktuellen Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) weiter verfolgt? Auf Anfrage von ZDFheute heißt es: "Das BMF arbeitet weiter an der Realisierung, diese ist aber noch nicht abgeschlossen." Ein Ministeriumssprecher begründet es damit, dass eine einkommensdifferenzierte Direktauszahlung mit "erheblichen rechtlichen wie technischen Umsetzungsschritten" verbunden sei.
Gemeint dürfte damit sein, dass es für die Überweisung einkommensabhängiger und sozial gerechterer Maßnahmen weitere Daten und Informationen braucht, auf die der Mechanismus des Ministeriums zugreifen müsste.
Finanzminister Klingbeil (SPD) will in der aktuellen Krise die Tankpreise senken und ungerechtfertigte Gewinne der Mineralölkonzerne kartellrechtlich stärker verfolgen.
13.04.2026 | 7:09 minBraucht es zwingend den Mechanismus?
Aber reicht der Mechanismus in seiner jetzigen Form nicht auch aus, um den Menschen im Land einkommensabhängig Geld überweisen zu können? Auf diese Frage gibt das Ministerium keine Antwort.
Damit Direktauszahlungen künftig erfolgen können, müssen aber auch die Bürger*innen aktiv werden: Sie müssen dem Bundeszentralamt für Steuern Ihre Bankdaten übermitteln. Laut Angaben des Bundesfinanzministeriums liegen dort bislang etwa 18 Prozent alle IBANs der Bevölkerung vor – etwa über die Familienkasse. Um tätig zu werden, können Bürger*innen sich an ihre Hausbank wenden oder ihre IBAN direkt über das ELSTER-Portal oder die App "BZSt IBAN+" an das Zentralamt weiterleiten.
Ein Beispiel aus der Vergangenheit zeigt aber, dass es für einkommensabhängige Überweisungen an die Bevölkerung nicht zwingend einen solchen Mechanismus braucht. So wurde etwa die staatliche 300-Euro-Energiepreispauschale im Jahr 2022 in der Regel über Gehälter und Löhne ausgezahlt - Rentner*innen bekamen sie automatisch von der Rentenversicherung - und dabei abhängig vom Verdienst versteuert.
Selbstständige und Menschen im Minijob konnten sich die Zahlung über die Steuererklärung anrechnen lassen, Studierende hatten Anrecht auf eine Zahlung von 200 Euro, mussten diese aber individuell beantragen.
Eine solche Pauschale könnte die Bundesregierung auch heute schon beschließen - wenn der politische Wille da ist. Ein Direktmechanismus könnte dennoch ein Gamechanger sein, meint Stephan Sommer: "Dieses Instrument ist direkter, bürokratieärmer und skalierbarer als die Lösung aus der Energiekrise 2022."
Die Preise an deutschen Tankstellen bleiben hoch – und die Ölkonzerne verdienen kräftig mit. Denn in Deutschland haben wenige Großkonzerne eine große Marktmacht, etwa im Bereich der Raffinerien.
14.04.2026 | 8:38 minMehr zu den Entlastungen
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