Geplante Reform des Bürgergelds:"Rolle rückwärts": Neue Grundsicherung stößt auf Kritik
Der Bundestag hat über die Reform des Bürgergelds abgestimmt. Dieses soll bald Grundsicherung heißen. Die Pläne stoßen auf große Kritik von Sozialverbänden.
Die neue Grundsicherung soll es ermöglichen, Leistungen für Bürgergeldbeziehende zu kürzen, wenn diese eine Zusammenarbeit mit dem Jobcenter verweigern.
05.03.2026 | 1:45 minAuf Millionen Menschen mit Bürgergeld kommen strengere Regeln zu: Der Bundestag beschloss nach monatelangen Debatten die Umgestaltung der Sozialleistung zu einer neuen Grundsicherung. Für das Gesetz stimmten in namentlicher Abstimmung 321 Abgeordnete, dagegen votierten 268, zwei enthielten sich. Union und SPD unterstützen die Reform. Die Opposition lehnt die Pläne ab.
Die geplante Neuausrichtung der Grundsicherung stößt bei zahlreichen Organisationen auf Kritik. Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele, erklärte, die Reform des Bürgergelds sei "eine Rolle rückwärts". Statt auf Druck und Sanktionen zu setzen, brauche es nachhaltige Unterstützung und Qualifizierung, forderte sie.
Die Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland (SoVD), Michaela Engelmeier, kritisierte, der Schutz vulnerabler Gruppen sei wegen der vielen Verschärfungen nicht ausreichend.
Das Bürgergeld soll durch ein "Grundsicherungsgeld“ ersetzt werden. Mehr Pflichten zur Arbeit, strengere Sanktionen, bei gleichen Regelsätzen. Was der Plan im Bundestag vorsieht.
05.03.2026 | 2:54 minSozialverband: "Neue Grundsicherung kein großer Wurf"
VdK-Chefin Bentele erklärte:
Diese Reform verkennt die Lebensrealität vieler Menschen, die sich in einer Notsituation befinden. Sozialpolitik darf nicht durch Abschreckung Wirkung entfalten, sie muss Stabilität und echte Perspektiven schaffen.
Verena Bentele, Sozialverband VdK
Besonders kritisch bewertet der VdK die geplanten Einschränkungen bei der Übernahme der Wohnkosten.
Die neue Grundsicherung sei nicht die große Abwicklung des Bürgergeldes. "Der geplante Absenkungskurs von konservativer Seite hat sich nicht durchgesetzt", Andreas Bovenschulte (SPD) Bundesratsvorsitzender.
05.03.2026 | 5:35 minÄhnlich äußerte sich die SoVD-Vorstandsvorsitzende Engelmeier. "Die neue Grundsicherung ist kein großer Wurf, denn sie packt nicht die wesentlichen Probleme an, wie zu niedrige Löhne, explodierende Mieten und vor allem die wachsende soziale Ungleichheit", sagte sie dem "RedaktionsNetzwerk".
Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) sieht in der neuen Grundsicherung "eine Zäsur für die soziale Sicherheit". Awo-Präsident Michael Groß gab zu bedenken: "Die Bundesregierung ist mit dem Versprechen gestartet, den Sozialstaat zu reformieren und das soziale Sicherungsniveau dabei zu bewahren." Doch nun lege sie "die Axt an den Sozialstaat" an.
In Nordhausen werden junge Bürgergeldempfänger verpflichtet, gemeinnützige Arbeit zu verrichten. Das Modellprojekt soll die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt fördern, sorgt aber auch für Diskussionen.
14.02.2026 | 4:17 minBürgergeld-Empfängerin: 30 Prozent Kürzung wäre fatal
Und was sagt eine, die es betrifft? Kerstin Scheiper bezieht seit sechs Monaten Bürgergeld. Die 62-Jährige aus Wuppertal sucht einen Teilzeitjob und sagt:
Ich muss versuchen, mit 150 Euro die Woche von Montag bis Sonntag auszukommen. 30 Prozent Kürzung der Grundsicherung wäre da absolut fatal.
Kerstin Scheiper, Bürgergeld-Empfängerin
"Klar, man kann zur Tafel und so", sagt sie. Aber Minus 30 Prozent: das sei "ein Ding der Unmöglichkeit." Scheiper findet auch, man müsse immer den Einzelfall sehen: "Wenn eine 20-Jährige beim Jobcenter ist und drei Jobs nicht annimmt, dann würde ich auch für Sanktionen plädieren." Aber es sollte nicht jeder dazu gezwungen werden, irgendeinen Job zu machen.
Das Kabinett hatte das Ende des Bürgergelds im Dezember beschlossen. Die neue Grundsicherung bringt strengere Regeln, mehr Sanktionen und soll ab Juli 2026 gelten.
17.12.2025 | 2:54 minKinderschutzbund warnt vor Risiken
Der Kinderschutzbund warnt vor erheblichen Risiken speziell für Kinder und Familien. Bundesgeschäftsführer Daniel Grein sagte:
Wenn Leistungen gekürzt werden, trifft das nicht nur die sanktionierte Person. Kinder tragen die Folgen unmittelbar mit - obwohl sie keinen Einfluss auf das Verhalten ihrer Eltern haben.
Daniel Grein, Kinderschutzbund
Kinder dürften aber nicht in Mithaftung für Versäumnisse ihrer Eltern genommen werden. Ähnlich äußerte sich auch die Diakonie Sachsen. Vor allem vulnerable Gruppen wie Kinder, psychisch kranke Menschen und Wohnungslose müssten geschützt werden, erklärte der sächsische Diakoniechef Dietrich Bauer in Radebeul bei Dresden. Die Diakonie appelliert an die Politik, die Reform im weiteren Gesetzgebungsverfahren "praxisnah weiterzuentwickeln und existenzielle Notlagen zu verhindern". Ziel müsse sein, Teilhabechancen zu sichern.
Es brauche klare Härtefallregelungen, die Leistungsminderungen ausschließen, wenn Minderjährige im Haushalt leben oder psychische Erkrankungen eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes erwarten lassen.
Weitere Nachrichten zur Grundsicherung
Debatte über Steuer- und Sozialpolitik:Linnemann für Steuerreform und strengere Zuverdienstregeln
mit Video0:21- Faktencheck
Einsparpotenzial in neuer Grundsicherung:Was ist dran an den Aussagen zur Bürgergeld-Reform?
von Katja Belousovamit Video1:42 Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Bas:Bürgergeld-Reform: Wenig Einsparungen, aber viel Druck
von Lars BohnsackBürgergeld wird reformiert:Grundsicherung: Was sagen die Menschen im Jobcenter?
von Ann-Kathrin Schneidermit Video1:51