Cali-Fonds: Fairness bei Biodiversität:Das Geschäft mit der DNA der Natur
von Eva Schmidt
Muss Biodiversität einen Preis bekommen? Bislang konnten sich Unternehmen am Erbgut der Natur bedienen, ohne dass sie dafür etwas zahlen mussten. Der Cali-Fonds soll das ändern.
Weltweit sind viele Tier- und Pflanzenarten bedroht. Die Ursachen des globalen Artensterbens liegen häufig in menschlicher Hand. Dabei sind gesunde Ökosysteme überlebenswichtig für den Menschen.
14.10.2026 | 1:36 minMedikamente, Kosmetika, Waschmittel: Jeden Tag haben wir Produkte in der Hand, die im Kern einen natürlichen Ursprung haben. Denn die Hersteller nutzen häufig genetische Ressourcen oder daraus abgeleitete Daten, die sie aus Pflanzen, Tieren, Pilzen, Viren oder Mikroorganismen gewonnen haben. Es handelt sich um sogenannte digitale Sequenzinformationen, DSI, die in Datenbanken weltweit gespeichert werden.
Ein Beispiel: Um Getreide resistenter gegen Hitze und Dürre zu machen, können Saatguthersteller auf genetische Informationen wildwachsender Pflanzen zurückgreifen, weil sie über bestimmte Eigenschaften verfügen. Diese machen sie beständiger gegen die Folgen des Klimawandels.
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15.10.2026 | 12:55 minMehr Gerechtigkeit für Entwicklungsländer
Die Krux aber ist: Der große Teil der biologischen Vielfalt, also der sogenannten Biodiversität, die in den Datenbanken gespeichert ist, befindet sich in Ländern des globalen Südens. Die Profiteure dieser Daten sind aber meistens Unternehmen aus dem globalen Norden.
Der Cali-Fonds soll das verändern, indem er eine Art Lastenausgleich zwischen globalem Norden und Süden schaffen will. Benannt ist der Fonds nach dem Ort seiner Gründung: Cali in Kolumbien, wo die UN-Biodiversitätskonferenz COP16 stattfand. Für die aktuelle COP17, die noch bis Freitag im armenischen Eriwan läuft, wird der Cali-Fonds eines der zentralen Themen sein.
Vom Erbgut zum profitablen Datensatz: Wer verdient?
Jens Freitag vom DSI Scientific Network, der für das IPK Leibniz-Institut in Eriwan vor Ort ist, spricht von einem "komplett neuen Instrument". Denn der Cali-Fonds ist der erste globale Biodiversitätsfonds, dessen Finanzierung sich maßgeblich auf Beiträge aus der Privatwirtschaft stützen soll.
Die "Convention on Biological Diversity", kurz CBD, auf Deutsch das "Übereinkommen über die biologische Vielfalt", wurde bereits 1992 unter dem Dach der Vereinten Nationen verabschiedet. Schon damals hat man - neben dem Schutz der Vielfalt und der Ökosysteme - auch das sogenannte "Access und Benefit Sharing", ABS, festgehalten. Mit anderen Worten: Vorteile aus der Nutzung genetischer Ressourcen sollen künftig gerecht geteilt werden.
In der Zwischenzeit veränderte sich viel allein durch die Digitalisierung. Denn sie ermöglichte Unternehmen, mit genetischen Daten zu arbeiten, ohne auf die ursprünglichen Pflanzen, Tiere oder Mikroorganismen zugreifen zu müssen.
2024 war ein Schlüsseljahr im Hinblick auf den Nutzenausgleich genetischer Ressourcen. Auf der COP16 im kolumbianischen Cali kam es zur Gründung des sogenannten Cali-Fonds.
Naturschutz: Was Unternehmen beitragen sollen
Kommerzielle Nutzer wie beispielsweise große Unternehmen sollen künftig einen bestimmten Prozentsatz ihres Gewinns oder ihres Umsatzes in den Fonds einzahlen. Das Geld fließt dann in Projekte zum Schutz der biologischen Vielfalt.
Mindestens die Hälfte des Cali-Fonds geht an indigene und lokale Gemeinschaften, denn gerade sie spielen beim Schutz der Biodiversität eine große Rolle. Viele von ihnen leben in Gebieten, wo die Natur noch relativ intakt ist, und bewahren sie weiterhin.
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13.02.2022 | 28:10 min"Wir sind weit entfernt von den erhofften und benötigten Geldern", sagt Jens Freitag gegenüber ZDFheute, "vieles ist derzeit noch zu unklar beim Cali-Fonds".
Bislang haben nur eine Handvoll Unternehmen eingezahlt. Es handelt sich um vergleichsweise kleine Unternehmen aus dem Biotech- und KI-Bereich, aber die großen Konzerne aus den Branchen Chemie oder Pharma, die man eigentlich mit dem Cali-Fonds erreichen will, finden sich darunter nicht.
Es ist ein regelrechter Boom: Exotische Wildpflanzen sind weltweit gefragt. Zu hohen Preisen werden sie auf dem Schwarzmarkt verkauft. Zurück bleiben geschädigte Ökosysteme.
04.07.2021 | 28:44 minWarum "Konstruktionsfehler" den Erfolg des Cali-Fonds ausbremsen
"Dabei gibt es durchaus willige Unternehmen mit Interesse an Nachhaltigkeit und Biodiversität", ergänzt Jens Freitag. Aber woran klemmt es? "Der Cali-Fonds hat Konstruktionsfehler", meint Martin Quaas, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig. Daher sei auch langfristig nicht viel davon zu erwarten.
Beispielsweise fehle es an Transparenz und verbindlichen Kriterien, wie die Mittel am Ende verwendet werden sollen. Das offensichtlichste Problem aber, so Martin Quaas zu ZDFheute, sei die Freiwilligkeit. Denn der Cali-Fonds gibt zwar vor, in welchem Umfang Firmen Zahlungen leisten sollten, aber es existiert kein gesetzliches Regelwerk, diese Zahlungen verbindlich einzufordern.
In Deutschland solle es mehr Schutzgebiete für bedrohte Tiere und Pflanzen geben, so die Leopoldina. Der Klimawandel habe den Zustand bestehender Schutzgebiete bereits verschlechtert.
13.10.2026 | 1:38 minCali-Fonds: Warum die Zweifel wachsen
Wie geht es nun weiter mit dem Cali-Fonds? Nach Meinung des Umweltökonomen Bernd Hansjürgens vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung gibt es leider wenig Anlass zu hoffen, dass der Cali-Fonds ein wirksames Finanzinstrument werden könnte.
Aus seiner Sicht sei es aber sehr wichtig, auch genetische Ressourcen ökonomisch zu betrachten und sie als Leistung anzuerkennen, schließlich würden daraus ja auch Vorteile erwirtschaftet. "Alle Ökosystemleistungen brauchen einen Preis", so Bernd Hansjürgens zu ZDFheute. Denn am Ende hängt auch wirtschaftlicher Erfolg davon ab, in welchem Maße die Biodiversität auf der Welt erhalten bleiben kann.
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