Naturschutzgebiete in Deutschland: Fläche und Qualität zu gering

Interview

Vor Start der Weltnaturkonferenz:Biologin: Qualität deutscher Schutzgebiete "reicht nicht"

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Kurz vor dem Start der Weltnaturkonferenz gibt es Kritik: Qualität und Fläche der deutschen Schutzgebiete reichten längst noch nicht, so die Biologin Katrin Böhning-Gaese.

Urlauber auf einem Holzsteg an der Husumer Bucht

In Deutschland solle es mehr Schutzgebiete für bedrohte Tiere und Pflanzen geben, so die Leopoldina. Der Klimawandel habe den Zustand bestehender Schutzgebiete bereits verschlechtert.

13.10.2026 | 1:38 min

Große Ziele für den Schutz der Natur: Vor vier Jahren hat sich die Welt in Montreal dazu verpflichtet, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2030 zu stoppen und umzukehren. Dazu sollen 30 Prozent der Ökosysteme unter Schutz gestellt werden. Ab dem 19. Oktober wird nun auf der 17. Weltnaturkonferenz - oder auch Weltbiodiversitätskonferenz - im armenischen Eriwan über die genaue Umsetzung verhandelt.

Deutschland hinke dabei noch hinterher, kritisiert ein Diskussionspapier der Leopoldina - Akademie der Wissenschaften. Vor allem beim Management gebe es Defizite, sagt Co-Autorin Katrin Böhning-Gaese vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

ZDFheute: 16 Nationalparks gibt es in Deutschland, dazu Hunderte sehr unterschiedliche Schutzgebiete. Auf der Landkarte sieht das nicht schlecht aus. Trotzdem reicht es für das Biodiversitätsabkommen noch nicht. Woran hakt es?

Katrin Böhning-Gaese: Wir müssen an zwei Punkten besser werden.

Bei der Fläche: Derzeit sind nur 16 Prozent der Fläche als Schutzgebiete gemeldet. Wir wollen 30 Prozent erreichen.

Und vor allen Dingen muss die Qualität des Schutzes besser werden. Bisher reicht die nicht aus. Die Schutzgebiete verlieren immer noch an Artenvielfalt und da müssen wir definitiv besser werden.

Prof. Katrin Böhning-Gaese lächelt in die Kamera, hinter ihr ein blauer Hintergrund
Quelle: Wiedling/UFZ

…ist wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Die Zoologin forscht unter anderem am Einfluss des Klimawandels auf Biodiversität und Ökosysteme. Sie ist Mitglied der Leopoldina - Nationale Akademie der Wissenschaften und Co-Autorin des im Oktober 2026 vorgelegten Diskussionspapiers zu deutschen Schutzgebieten.


ZDFheute: Das gilt vermutlich auch für die deutschen Meeresschutzgebiete in Nord- und Ostsee. Dort wird oft noch legal mit den schädlichen Bodenschleppnetzen nach Krabben gefischt. Muss sich das ändern?

Böhning-Gaese: In unseren Küsten-Nationalparks ist nur ein Prozent der Fläche Nullnutzungszone, also ohne Fischerei, ohne Infrastrukturen, ohne Energiewirtschaft. Dieser Anteil sollte erhöht werden. Wir sollten da zehn Prozent erreichen, ähnlich wie bei den Flächen im öffentlichen Eigentum im Wald.

Im Moment haben wir dort ganz klare Nutzungskonflikte. Wir haben dort immer noch die traditionelle Krabbenfischerei. Die ist ein wichtiger, vor allen Dingen aber inzwischen fast folkloristischer Wirtschaftszweig, weil sich die Krabbenfischerei in der Region oft gar nicht mehr lohnt.

Aber trotzdem stehen sie und viele andere Nutzungsformen gegen den wirklich Vollschutz - in dem Sinne, dass der Mensch gar nicht eingreift. Und diese Konflikte muss man verhandeln. Das ist nicht einfach, aber notwendig.

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ZDFheute: Sie sehen "erhebliche Defizite" beim Management von Schutzgebieten. Welche Rolle spielen die eben angesprochenen Nutzungskonflikte? Und kann mehr Geld für das Management dabei helfen?

Böhning-Gaese: Letztlich treffen ja sehr unterschiedliche Nutzungsziele aufeinander. Zum Beispiel Forstwirtschaft, Jagd im Wald, Fischerei in den Meeren, landwirtschaftliche Nutzung in so manchem Biosphärenreservat. Da ist es nicht so einfach, Kompromisse zu finden.

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Geld kann in vielen Fällen helfen. Wenn man zum Beispiel die landwirtschaftlichen Betriebe dafür entschädigt, dass sie weniger intensiv wirtschaften, dann auch geringere Erträge haben, dann ist das schon eine große Unterstützung, die es den landwirtschaftlichen Betrieben einfacher macht, sich auf die Schutzziele einzulassen.

ZDFheute: Sie nennen in dem Papier auch Positivbeispiele. Eines ist der Nationalpark Kellerwald-Edersee in Nordhessen. Was wird dort richtig gemacht?

Böhning-Gaese: Da ist es gelungen, sich in relativ kurzer Zeit gemeinsam auf die Schutzziele und auf die Aktivitäten, auf das Management zu einigen. Und was man da vor allem geschafft hat, ist, dass über 90 Prozent der Flächen im Wald der natürlichen Entwicklung überlassen werden. Der ganze Kellerwald-Edersee ist im Wesentlichen ein großer diverser Buchenwald, oft auch ein sehr alter Wald.

Die 17. Weltnaturkonferenz oder auch Weltbiodiversitätskonferenz (United Nations Biodiversity Conference COP 17) findet vom 19. bis zum 30. Oktober in der armenischen Hauptstadt Eriwan statt. Dabei soll eine erste Zwischenbilanz des Weltbiodiversitätsabkommens von 2022 gezogen werden. Außerdem geht es um Mechanismen zur Umsetzung der darin enthaltenen Ziele und deren Finanzierung.


ZDFheute: Am Montag beginnt die Weltnaturkonferenz. Was muss dort passieren, damit Sie am Ende sagen, dass sie erfolgreich war?

Böhning-Gaese: Wir müssen verbindlichere Einigungen erzielen, was die Umsetzung angeht. Die Ziele, auf die man sich 2022 beim Weltnaturgipfel in Montreal geeinigt hat, sind sehr ambitioniert und sehr gut. Jetzt geht es darum, sie in den einzelnen Ländern auch in die Umsetzung zu bringen.

Das Interview führte Mark Hugo aus der ZDF-Umweltredaktion.

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FAQ
Über dieses Thema berichtete die heute-Sendung am 13.10.2026 ab 19 Uhr.

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