Missbrauch im HSV Weimar: "Kollektives Versagen"

Sexueller Missbrauch im Turnverein:HSV Weimar: Hürde für neue Taten "ganz hoch legen"

von Mona Trebing

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Fast zehn Jahre nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe gegen den Weimarer Turntrainer Robert P. liegt der Abschlussbericht einer unabhängigen Aufarbeitungskommission vor.

Studie zu sexuellem Missbrauch

In Weimar wurden minderjährige Turnerinnen von ihrem Trainer über Jahre missbraucht. Und auch wenn der Fall juristisch abgeschlossen ist, hinterlässt er weiter Spuren und Fragen bei den Opfern.

09.09.2026 | 2:06 min

Vier Jahre lang arbeiteten unabhängige Fachleute ehrenamtlich an dem Bericht und führten Gespräche mit Betroffenen und Verantwortlichen. Die Aufarbeitungskommission gilt als Novum im deutschen Sport. Ihr Fazit: Zu Viele haben weggesehen und geschwiegen.

Was damals geschah

Robert P. war Turn-Trainer einer Mädchengruppe im Weimarer Hochschulsportverein. Acht Jahre lang missbrauchte er mehrere minderjährige Sportlerinnen, einige von ihnen damals unter 14 Jahre alt. Psychisch und sexuell. Laut Bericht baute er gezielt Vertrauen und Abhängigkeiten auf. Betroffene sprechen von einer "Gehirnwäsche". 2016 findet eine Betroffene den Mut, zur Polizei zu gehen. Es folgt ein langer, komplizierter Rechtsstreit. 2023 wird das Urteil gegen Robert P. rechtskräftig, drei Jahre und zwei Monate Haft.

2007 bis 2015: Der Turntrainer Robert P. missbraucht mehrere minderjährige, teils unter 14 Jahre alte, Sportlerinnen des HSV Weimar psychisch und sexuell.

2016: Eine Betroffene erstattet Anzeige. Die Ermittlungen beginnen.

2018: Das Landgericht Erfurt verurteilt den damals 31-jährigen Robert P. wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und weiterer Sexualdelikte in 82 Fällen zu drei Jahren und acht Monaten Haft. Er legt Revision ein.

2020: Der Bundesgerichtshof hebt Teile des Urteils auf.

2022: Nach der erneuten Verhandlung wird Robert P. wegen 20 bereits rechtskräftig festgestellter Taten zu drei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Auch gegen dieses Urteil legt P. Revision ein.

2023: Der BGH verwirft die erneute Revision. Damit wird das Urteil rechtskräftig. Heute: Robert P. ist wieder auf freiem Fuß und steht unter Führungsaufsicht. Die Aufarbeitungskommission geht davon aus, dass es mehr Taten gegeben haben könnte als die gerichtlich verhandelten Fälle.


Es sei eine schlimme Zeit gewesen. "Ich habe der Polizistin bei der Zeugenaussage das erste Mal von den Taten erzählt, bevor ich das Freunden und Freundinnen erzählt habe", sagt Marlene Welzel im Gespräch mit ZDFheute. Sie hat den Missbrauch damals selbst erlebt, heute ist sie Mitglied im Thüringer Landesbetroffenenrat.

Das wünsche ich keiner betroffenen Person, so eine lange Zeit warten zu müssen, bis endlich mal was rechtskräftig ist.

Marlene Welzel, Mitglied im Thüringer Landesbetroffenenrat

Sie ist damals selbst vor Gericht als Nebenklägerin aufgetreten. Die Strafe fiel für sie zu gering aus. Juristisch scheint der Fall aufgearbeitet - doch für die Betroffenen bleibt die große Frage: Warum hat damals niemand den Missbrauch verhindert?

Turnerin an Stange

Neun Jahre lang missbrauchte ein Turntrainer des HSV Weimar minderjährige Sportlerinnen. Heute ist er wieder frei. Die Fragen bleiben: Warum hat niemand hingesehen und es verhindert?

09.09.2026 | 2:06 min

Ein "kollektives Versagen" im ganzen Verein

Dazu ist das Urteil der Aufarbeitungskommission drastisch: Der Missbrauch sei nicht nur das Ergebnis eines einzelnen Täters gewesen. Vielmehr hätten eine Kultur "des Wegsehens" und "des Schweigens" sowie ein "kollektives Versagen" im Verein dazu beigetragen, dass dort sexuelle und psychische Gewalt an Minderjährigen über Jahre möglich war.

"Den Aussagen von Betroffenen wurde nicht geglaubt, sie wurden relativiert oder aus dem Bewusstsein verdrängt", heißt es in dem Bericht. Dabei seien viele Anzeichen offensichtlich gewesen. Kinder saßen auf dem Schoß des Trainers, sie hätten ihn zu Hause besucht, er hätte sie nach Hause gefahren. Auch habe es eindeutige Spitznamen für Robert P. gegeben.

Kultur des Wegsehens und Ignorierens

"Das wurde ignoriert. Eltern haben sich an den Verein gewandt und meinten, da ist doch was nicht ganz in Ordnung. Das wurde auch ignoriert, also da wurde ganz, ganz stark weggesehen", sagt Welzel. Laut Angela Marquardt, Mitglied der Aufarbeitungskommission, habe auch eine klassische Täter-Opfer-Umkehr stattgefunden.

Bis heute habe sich der damalige Vorstand seiner Verantwortung nicht gestellt, sei auch nicht zu Gesprächen mit der Kommission bereit gewesen. "Aber nicht alle Verantwortlichen sind Ehemalige. Es gibt auch heute noch im Verein Menschen, die damals aktiv gewesen sind."

Heutiger Vorstand bittet um Entschuldigung

Die heutige Vereinsspitze, seit 2019 im Amt, setzt auf Transparenz. Veröffentlicht den Bericht vollständig. Als Zeichen für einen Kulturwandel - nicht nur im Vorstand. Für sie sei wichtig, dass alle Abteilungen und Mitglieder verstehen, dass der Verein damals versagt habe und die Sicht der Betroffenen die einzig richtige für eine Aufarbeitung sei.

"Es kommt immer wieder diese Barriere, das ist so lange her, das ist doch nicht mehr relevant und so weiter", sagt Hans-Georg Timmler, erster Vorsitzender des HSV Weimar.

Es muss einfach eine Kultur in diesen Verein kommen, wo das anerkannt wird und wo die Hürde für neue Taten ganz, ganz hochgelegt wird.

Hans-Georg Timmler, erster Vorsitzender des HSV Weimar

Der Missbrauch im HSV Weimar ist kein Einzelfall im deutschen Sport. Bundesweit setzt der DOSB bereits auf Safe-Sport-Standards. Der Thüringer Landessportbund will Kinderschutzkonzepte künftig zur Voraussetzung für Fördergelder machen, hat Fristen gesetzt.

Aufarbeitung wichtig für Intervention und Prävention

Dieser Bericht könnte eine Signalwirkung haben, sagt die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Julia Gebrande. Aufarbeitung bringe viele Ergebnisse, die für Intervention und Prävention genutzt werden könnten.

Wenn wir gute Prävention machen, dann kommen auch wieder Fälle aus der Vergangenheit ans Licht. Und so hängen Aufarbeitung, Intervention und Prävention untrennbar miteinander zusammen.

Prof. Julia Gebrande

Thüringen habe mit diesem Aufarbeitungsprojekt eine Vorreiterrolle eingenommen. Gebrande hoffe, dass weitere Landessportbünde folgen und in ihren eigenen Reihen Aufarbeitungen starten. Auch für Marlene Welzel ist der Bericht wichtig. "Wir müssen gehört werden, wir müssen gesehen werden", sagt die heute 31-Jährige. Es dürfe nicht immer nur um die Täter gehen. Die Entschuldigung des heutigen Vorstands begrüße sie, dennoch seien das nicht diejenigen, die den Missbrauch damals mit verantwortet haben.

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Das ZDF berichtete am 09. September um 12:50 Uhr im Mittagsmagazin über das Thema.
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