Altwerden in Deutschland:Neue Lebensformen und Wege in der Pflege
von Christina-Maria Pfersdorf
Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Doch wie können sie künftig altersgerecht versorgt und angemessen gepflegt werden? Neue Wohn- und Betreuungskonzepte sollen dabei helfen.
Das Altern bringt viele Herausforderungen mit sich. In einer Senioren-WG kann man diese gemeinsam angehen. Professor Dietrich Grönemeyer hat eine solche besucht und mit den Menschen gesprochen.
14.08.2026 | 5:14 minIn Deutschland leben fast 19 Millionen Menschen im Alter von 65 Jahren und älter. Und es werden immer mehr. Dementsprechend steigt auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Wichtig sind daher neue Möglichkeiten, Menschen im Alter bestmöglich zu versorgen.
Nach Angaben des Medizinischen Dienstes Bund erhielten 2025 rund sechs Millionen Menschen Leistungen der sozialen Pflegeversicherung. Damit hat sich ihre Zahl gegenüber 2015 nahezu verdoppelt.
Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass die Zahl pflegebedürftiger Menschen bis 2055 auf bis zu 6,8 Millionen steigen könnte. Hauptgrund ist die Alterung der Bevölkerung.
Den größten Teil der Pflege übernehmen Angehörige. Rund vier von fünf Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt.
Mehrgenerationen-Pflegehof: Eine Vision wird Realität
Lamas grasen auf einer Wiese zwischen Obstbäumen, Gemüsebeeten und einer riesigen Baustelle. Hier wird das Hofgut Böhlwiesen, ein ehemaliger Obstbauernhof, nach und nach zu einem Mehrgenerationen-Pflegehof umgebaut.
Im Hofgut Böhlwiesen entsteht ein Mehrgenerationen-Pflegehof für Senioren und Pflegebedürftige.
Quelle: Georg StarckDie Idee stammt von Astrid und Georg Starck. Das Ehepaar hat sich gefragt, wie es selbst im Alter leben möchte und diese Vision in die Realität umgesetzt: ein Zuhause für ältere Menschen mit und ohne Pflegebedarf sowie für junge Erwachsene, die Unterstützung auf dem Weg in die Selbstständigkeit brauchen.
Wir wollen unterschiedliche Generationen zusammenbringen. Jeder kann Aufgaben übernehmen, wird gebraucht und wertgeschätzt.
Georg Starck, Initiator Hofgut Böhlwiesen
Die Senioren-Wohngemeinschaft im Bauernhaus ist bereits fertig. Alle sieben Zimmer sind vermietet, jedes mit eigenem Bad. Wohn- und Küchenräume werden geteilt. Noch sind die Bewohner selbstständig, können sich bei Bedarf jedoch gegenseitig unterstützen. Wer später mehr Hilfe benötigt, kann in einen Pflegebereich umziehen, der aktuell in einer ehemaligen Scheune entsteht.
In Finnland leben ältere Menschen in Pflegefamilien statt in Heimen. Dieses Modell bietet persönliche Betreuung und mehr Alltagsteilhabe und gilt als günstige Alternative zur klassischen Pflege.
21.07.2026 | 2:15 minAlternativen zum Pflegeheim
Projekte wie das Hofgut Böhlwiesen zeigen, dass es Alternativen zum klassischen Pflegeheim gibt. Zudem gewinnen Senioren-Wohngemeinschaften zunehmend an Bedeutung. Nach Schätzungen des Kuratoriums Deutsche Altershilfe gibt es inzwischen etwa 5.000 Pflege-WGs in Deutschland. Dabei handelt es sich sowohl um selbstorganisierte als auch um trägergestützte Modelle.
Noch sehr selten sind sogenannte Pflegebauernhöfe. Hier sind die Konzepte ganz unterschiedlich. Sie reichen von Tagespflege auf dem Bauernhof bis hin zu Modellen, in denen pflegebedürftige Menschen in den Alltag der Hofgemeinschaft eines landwirtschaftlichen Betriebs eingebunden und zugleich rund um die Uhr betreut werden.
Steigende Pflegekosten werden zu einem ernsthaften Problem. Viele Pflegebedürftige können die Kosten für Pflegeheime nicht leisten, auch Angehörige sind oft finanziell überfordert.
04.06.2026 | 1:54 minAmbulante Pflege neu denken
Trotz neuer Wohnformen bleibt die häusliche Pflege mit Abstand die häufigste Versorgungsform im Alter. Rund 86 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Den Zahlen der Pflegekassen zufolge versorgten dabei im Jahr 2023 ambulante Pflegedienste rund 1,1 Million pflegebedürftige Menschen.
Auch in der ambulanten Pflege werden neue Wege erprobt. In Rheinland-Pfalz testet der Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn seit 2022 im Auftrag der Kranken- und Pflegekassen das Modell "Pflege ganz aktiv". Anders als bei der klassischen Form orientiert sich die Versorgung nicht an einem festen Leistungskatalog, sondern an gebuchten Zeitkontingenten.
Pflegebedürftige in ihren Kompetenzen stärken
Pflegekräfte und Pflegebedürftige entscheiden gemeinsam, was sinnvoll und notwendig ist. Im Mittelpunkt steht die aktivierende Pflege. Ziel ist es, pflegebedürftige Menschen so zu stärken, dass sie möglichst lange in ihrem vertrauten Umfeld leben können. Mobilisierung, gemeinsame Problemlösungen und soziale Unterstützung gehören deshalb genauso zur Pflege wie körperbezogene Hilfen.
Karen Hensel kann nicht sprechen und sich nicht bewegen. Dank der Unterstützung einer 24-Stunden-Assistenz lebt sie mit ihren beiden Hunden ein selbstbestimmtes Leben in ihrer Wohnung.
03.05.2025 | 15:03 minStefanie Krones, Direktorin des Caritasverbandes Westerwald-Rhein-Lahn, sieht darin auch eine Chance für die Beschäftigten. Menschen fachkundig zu unterstützen, damit Lebensqualität und Lebensfreude erhalten bleiben, sei für viele der Grund, warum sie diesen Beruf ergriffen haben.
Für uns ist Pflege eine Begegnung von Mensch zu Mensch.
Stefanie Krones, Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn
Gleichzeitig müssen Angehörige und Menschen aus dem Umfeld stärker einbezogen werden. Sie sollten unterstützen, helfen, einfache Aufgaben übernehmen und so dazu beitragen, dass Pflegebedürftige länger selbstbestimmt leben können.
Pflege als gesellschaftliche Herausforderung
Ob Mehrgenerationenhof, Senioren-WG oder neue Modelle der ambulanten Versorgung: Die Herausforderungen der Pflege werden sich künftig nicht allein durch mehr Pflegeheimplätze oder mit der Hilfe von Angehörigen lösen lassen.
Wenn ein Pflegeheim nötig wird, ist das oft belastend. Greta Lutterbach vom Sozialverband Deutschland erklärt, wer zahlt, wann Sozialhilfe greift und welche Rechte Betroffene haben.
30.06.2026 | 5:57 minGefragt sind neue Ideen und Konzepte sowie mehr gemeinschaftlicher Zusammenhalt. Damit Pflege bezahlbar bleibt und den Bedürfnissen der Menschen gerecht wird, muss die gesamte Gesellschaft ihren Beitrag leisten.
Christina-Maria Pfersdorf ist Redakteurin der ZDF-Sendung "Volle Kanne - Service täglich".
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