"Matrjoschka"-Kampagne erfindet Morde:Russische Fake-Videos nehmen Landespolitiker ins Visier
von Nils Metzger
Behörden warnen vor neuen russischen Fake-Kampagnen rund um die Landtagswahlen. Kandidaten werden erfundene Mordfälle angehängt. Geleakte Daten geben Einblicke in die Strategie.
Matrjoschka-Figuren des russischen Präsidenten Wladimir Putin: Eine neue Kampagne versucht, Wahlen zu beeinflussen. (Symbolbild)
Quelle: ImagoEs ist nicht neu, dass Russland versucht, mit erfundenen Meldungen und Videos Einfluss auf Wahlen in Deutschland zu nehmen. Die sogenannte "Doppelgänger-Kampagne", bei der echte Nachrichtenseiten kopiert und mit Falschbehauptungen versehen werden, läuft seit mehreren Jahren.
Doch statt Friedrich Merz und anderen Top-Politikern hat eine neue Kampagne auch unbekanntere Kandidaten im Fokus. Seit Juni tauchen in sozialen Netzwerken Videos und Artikel auf, die vor allem deutsche Landespolitiker verleumden. Behörden sprechen von der sogenannten "Matrjoschka-Kampagne".
Am Flughafen Leipzig/Halle ist ein Frachtflugzeug kurz nach dem Start mit einem unbekannten Flugobjekt zusammengestoßen. Der gesamte Flugbetrieb war stundenlang blockiert.
05.08.2026 | 1:11 minHintergrund sind die anstehenden Landtagswahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.
Betroffen ist etwa der Kandidat der Linken, Eric Stehr, der für den Landtag in Sachsen-Anhalt im Wahlkreis Lützen, Teuchern und Weißenfels antritt.
Solche und andere Fake-Videos wurden von anonymen Accounts im Netz über den Linken-Kandidaten Eric Stehr verbreitet.
Linken-Politiker Stehr: Vorwürfe "so absurd"
In verschiedenen Videos, die mit Logos von Medien wie der "FAZ" oder "Spiegel TV" versehen sind, wird Stehr beschuldigt, Morde begangen zu haben, oder Sexpartys zu organisieren. Im ZDF schildert Stehr, wie er diese Kampagne gegen sich erlebt: "Ich soll ein Webcam-Model ermordet haben, mit dem mein Freund oder meine Freundin - es wurde beides genannt - fremdgegangen sei."
Der erste Fall, da wurde ich von einem Abgeordneten aus dem Landtag angesprochen, dass es ein Video über mich gibt. Da war ich erstmal sehr verunsichert.
Eric Stehr, Die Linke
Anfangs sei noch die Sorge gewesen, dass das den Wahlkampf beeinflussen könnte, aber die Vorwürfe seien "so absurd". "Das verfängt sich, glaube ich, nicht bei den Wählerinnen und Wählern", ist Stehr überzeugt. Dennoch versuche die Kampagne, einen psychisch zu belasten und vom Wahlkampf abzulenken. Warum ausgerechnet er Ziel wurde, könne sich Stehr nicht erklären. Er zeige die Fälle an, aber: "Eine Anzeige ist eher was für die Statistik, nicht dass da jemand verhaftet wird."
Drohnenvorfall am Leipziger Flughafen "passt ins Schema der russischen hybriden Angriffe gegen Deutschland", sagt Sicherheitsexperte Nico Lange bei phoenix.
05.08.2026 | 8:21 minAuch anderen Kandidaten werden falsche Gerüchte zu angeblichen Suchterkrankungen oder Korruption angehängt. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) ist ebenfalls Ziel von Videos. Dem ZDF sagte sie am Mittwoch:
Ich gehe davon aus, dass die Sicherheitsbehörden das unter Kontrolle haben, das beobachten und dass da, wo Desinformationen laufen, wo Deepfakes laufen, dass dagegen auch rechtlich vorgegangen wird.
Manuela Schwesig, SPD
In der vergangenen Nacht wurde am Flughafen Leipzig eine mit Sprengstoff ausgestattete Drohne gefunden. ZDFheute live analysiert, wie sicher unsere Flughäfen sind.
05.08.2026 | 18:47 minBehörden sehen begrenzte Reichweite der Kampagne
In Sicherheitskreisen in Berlin beobachtet man die Matrjoschka-Kampagne genau. Dass nicht mehr nur Spitzenpolitiker Ziel werden, sei eine neue Entwicklung, heißt es aus den Behörden. Es betreffe ausschließlich Politiker von Parteien, die Russland kritisch gegenüberstehen.
Die Kampagne sei "rein destruktiv", so Behördenvertreter. Bei der Verbreitung greife Russland auf ein etabliertes Bot-Netzwerk zurück, das auch bei anderen Kampagnen zum Einsatz komme. Die meisten der Posts hätten 100.000 bis 120.000 Views - wobei unklar sei, wie viele dieser Views echt oder durch das Netzwerk selbst künstlich erzeugt seien.
Dazu muss man sagen, dass diese Kampagne aktuell im Netz keine große Reichweite erzielt. Das ist natürlich keine Entwarnung oder Ähnliches.
Sprecher des Bundesinnenministeriums
Wer steckt hinter der "Doppelgänger"-Kampagne? Ein Hacker enttarnt Desinformations-Netzwerk.
12.02.2026 | 3:12 minLeak gibt Einblick in russische Strategie
Im Mai veröffentlichten Aktivisten Hunderte Seiten an Dokumenten und Screenshots einer schon länger bekannten russischen Desinformationsfabrik mit dem Namen "Social Design Agency" (SDA). Darin werden vergangene Aktionen und künftige Strategien beschrieben. Deutsche Behörden stufen das Leak als authentisch ein.
Thematisiert werden darin Kampagnen zur Wahlbeeinflussung und Aktionen unter falscher Flagge. SDA-Mitarbeiter beschreiben dort etwa, wie in ihrem Auftrag Schweineköpfe vor Moscheen in Frankreich abgelegt wurden. Auch die anfänglich Klimaaktivisten zugeordneten Beschädigungen mit Bauschaum an Hunderten Fahrzeugen in Berlin im Dezember 2024 werden im Leak positiv erwähnt.
Dass westliche Medien, insbesondere Faktenchecks, von ihnen erstellte Fake-Videos widerlegen, stuft das SDA dabei durchaus als Erfolg ein, da man so russischen Einfluss vergrößere und sich betroffene Politiker oft auch zu den erfundenen Aussagen äußern würden.
Cyberangriffe, Desinformation, Spionage: Solche verdeckten Attacken nehmen zu. Ein neues gemeinsames Zentrum von Polizei und Nachrichtendiensten soll sie schneller erkennen und abwehren.
16.06.2026 | 2:35 min"Selbst wenn die Kampagne aufgedeckt wird, feiern die Desinformationsakteure sich selbst", betont die Expertin Julia Smirnova vom Institut Cemas gegenüber ZDFheute. All das zahle auf das "strategische Ziel Russlands ein, Deutschland zu destabilisieren".
Mit solchen Kampagnen versucht Russland, Verunsicherung zu stiften, und Kandidat*innen demokratischer Parteien zu diskreditieren. Es soll ein Eindruck entstehen, dass Politiker*innen aller demokratischen Parteien angeblich korrupt sind.
Julia Smirnova, Cemas
Mit Blick auf die Landtagswahlen versuche die Kampagne aktuell, besonders die angebliche Spaltung von Ost- und Westdeutschland aufzugreifen, so Smirnova. Etwa werden erfundene Zitate westdeutscher Politiker über Menschen in Ostdeutschland verbreitet.
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