Spur des Clips führt nach Russland:Fake-Video schürt Angst vor Ausreiseverbot durch Bundeswehr
von Oliver Klein und Nils Metzger
Ein viraler Clip behauptet, die Bundeswehr verbiete Männern, Deutschland zu verlassen. Das ist frei erfunden, das Video Teil einer Kampagne. Was steckt dahinter - und wer?
"Mehr als eine Million Männer in Deutschland haben in den letzten Tagen Online-Nachrichten bekommen", beginnt die Sprecherin in dem knapp eine Minute langen Video. Sie spricht mit deutlichem, mutmaßlich osteuropäischem Akzent. Eingeblendet ist das Logo des Auslandssenders Deutsche Welle (DW).
Vor längeren Auslandsreisen würde man nun eine Genehmigung der Bundeswehr benötigen, heißt es, gezeigt werden Bilder des Terminal 1 am Frankfurter Airport. Die Polizei sei an Flughäfen "verstärkt im Einsatz" und kontrolliere "vor allem Männer zwischen 17 und 45 Jahren". Allein im April sei "40.000 Männern die Ausreise verweigert" worden.
Das Video wurde vor allem von englischsprachigen Accounts bei X gepostet, die Aufrufe dort gehen in die Millionen. Auch bei Facebook, LinkedIn oder Telegram findet sich der Clip. Und auch einzelne deutsche Accounts teilen das Video, einer von ihnen erzielte über drei Millionen Views. "Jetzt geht Grenzkontrolle wieder, solange es gegen das eigene Volk geht funktionierts" (sic!), heißt es dazu. Die Botschaft: Die Bundesregierung sperre die eigenen Bürger ein, um sie dann in den Krieg zu schicken.
Wer steckt hinter der "Doppelgänger"-Kampagne? Ein Hacker enttarnt Desinformations-Netzwerk.
12.02.2026 | 3:12 minFalschbehauptung hat einen realen Bezug
Doch der Clip hat mit der Deutschen Welle nichts zu tun - er ist eine Fälschung. Die Bundeswehr hat keine derartige Nachrichten verschickt, und es wurde niemand auf Grundlage des Wehrdienstgesetzes an der Ausreise gehindert, wie die Bundeswehr der DW bestätigte.
Die Behauptung hat jedoch einen realen Bezug: Hintergrund ist das neue Wehrdienstgesetz, in dem sich tatsächlich die Regelung findet, dass sich Männer zwischen 17 und 45 Jahren vor längeren Auslandsaufenthalten eine Genehmigung der Bundeswehr einholen müssen. Das löste Anfang des Monats zunächst heftige Diskussionen aus. Die Bundeswehr sorgte dann für eine generelle Ausnahmeregelung und stellt nun auf ihrer Webseite klar: "Es muss sich vor der Abreise niemand abmelden."
Hacker enttarnt Desinformations-Netzwerk - Hinter der Recherche
12.02.2026 | 10:33 minFälschung leicht zu entlarven
Die Fälschung lässt sich leicht entlarven. Schon der erste eingeblendete Satz enthält einen groben Grammatikfehler: "Die Bundeswehr wurde im April 40.000 Männern die Ausreise versperrt", heißt es dort in holprigem Deutsch.
Eine Bilderrückwärtssuche zeigt, dass das Foto mit der angeblichen SMS der Bundeswehr in Wirklichkeit aus der Zeit der Corona-Pandemie stammt. Damals informierte die Bundesregierung via SMS alle, die aus dem Ausland nach Deutschland kamen über die Einreise-Regeln.
Ein Foto, das Medien für die Berichterstattung darüber nutzten, wurde für den Clip manipuliert: Die Fälscher ersetzten den Text der SMS und änderten auch die Telefonnummer des Absenders in die Nummer des Bürgerdialogs der Bundeswehr.
Links ein Foto mit der Original-SMS der Bundesregierung aus Corona-Zeiten - rechts die Fälschung.
Quelle: Imago / https://x.com/DeutscheWelleEine Szene in dem Clip, in der drei Polizisten an einem Flughafen zu sehen sind, stammt aus dem Jahr 2018. Eine weitere Szene nahmen die Fälscher aus einem Video der Deutschen Welle über die Bundeswehr aus dem vergangenen Mai.
Woher stammt das Fake-Video?
ZDFheute-Recherchen zeigen: Die Machart des Clips und die Verbreitungswege tragen die Handschrift bereits bekannter russischer Desinformationskampagnen.
Bei der sogenannten "Doppelgängerkampagne" etwa verbreiten Accounts in sozialen Medien seit 2022 immer wieder Videos und Artikel im Design und Layout bekannter westlicher Medien, um prorussische Falschnachrichten in Umlauf zu bringen. Die Inhalte dieser teilweise täuschend echt aussehenden Kopien zielen darauf ab, die Unterstützung für die Ukraine zu diskreditieren und westliche Gesellschaften politisch weiter zu spalten.
Ähnlich agiert auch die russische Desinformationskampagne "Storm-1516". Der neue Fake-Clip der Deutschen Welle wird dabei von X-Accounts geteilt, die schon früher Storm-1516-Inhalte in Umlauf gebracht haben. Die Kampagnen werden dabei genau auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten und an aktuelle Streitthemen angepasst - zuletzt etwa die Wahl in Ungarn.
Das neue Video wird meist zusammen mit englischsprachigen Posts verbreitet, richtet sich also vorwiegend an ein Publikum außerhalb Deutschlands. In Teilen der USA verfangen Inhalte, die Deutschland und die Europäische Union als autoritäre Regime darstellen. Die Trump-Administration griff wiederholt solche Vorwürfe auf, um Europa unter Druck zu setzen - etwa Vizepräsident JD Vance in seiner einschneidenden Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025.
Falschinformation, Cyberattacken, Sabotage und Spionage: Die Bundesregierung wirft Russland hybride Angriffe gegen Deutschland vor. Im Dezember 2025 wurde der russische Botschafter einbestellt.
12.12.2025 | 2:24 minExpertin sieht Storm-1516 am Werk
Auch die Expertin für russische Desinformationskampagnen Julia Smirnova vom Berliner Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas) schreibt auf Anfrage von ZDFheute, dass die Verbreitungstaktik und das Distributionsnetzwerk darauf hinweisen, dass der Clip "wahrscheinlich Teil von Storm-1516 oder einer verbundenen Kampagne ist."
"Das Video vermittelt das Narrativ einer zunehmender Militarisierung Deutschlands, die mit Einschnitten in Freiheiten und Rechte ihrer Staatsbürger:innen einhergehe", erklärt Smirnova.
Das Ziel solcher Kampagnen ist, die Verteidigungsmaßnahmen der Bundesregierung zu diskreditieren.
Julia Smirnova, Cemas
Der Kreml versuche seit dem Beginn der Großinvasion der Ukraine, die Aufrüstungsmaßnahmen europäischer Länder, die als Reaktion auf die militärische Aggression Russlands erfolgten, als Kriegstreiberei darzustellen, so die Expertin.
Immer wieder gibt es Versuche Russlands, durch hybride Bedrohungen die politische Debatte auch in Deutschland zu beeinflussen, vor allem bei polarisierenden Themen.
12.09.2025 | 1:22 minX verdiente offenbar an Verbreitung von Propaganda
Brisant: Verglichen mit anderen Sozialen Netzwerken hat das Video bei X eine deutlich größere Reichweite erhalten - was erneut nahelegt, das die Plattform Desinformationskampagnen wie Storm-1516 kaum Grenzen setzt. Im Gegenteil: Weil das Video teils in Form von bezahlten Anzeigen promoted wurde, verdiente das Netzwerk offenbar sogar noch daran.
X müsse solche Einflussnetzwerke "pro-aktiv identifizieren und zerschlagen", fordert Smirnova. "X muss mehr Ressourcen darin investieren, zu verhindern, dass autoritäre Staaten wie Russland oder Iran die Plattform für massenhafte Propaganda nutzen."
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