Biolabore in der Ukraine: Was die neuen US-Dokumente belegen

Faktencheck

US-Geheimdienst-Chefin postet Dokumente:Biolabore in der Ukraine: Was steckt hinter der Aufregung?

von Katja Belousova, Nils Metzger

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Neu veröffentlichte Dokumente der US-Geheimdienste zu Biolaboren in der Ukraine gehen durchs Netz. Doch die Neuigkeiten sind wenig spektakulär und greifen alte Desinformation auf.

Tulsi Gabbard, ehemals Direktorin des Nationalen Nachrichtendienstes (DNI), sagt am 19.03.2026, im US-Kapitol in Washington, DC, USA, vor dem Sonderausschuss für Nachrichtendienste des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten zur Anhörung über die „Jährliche weltweite Bedrohungsanalyse 2026“ aus.

Kurz vor Ende ihrer Amtszeit hat US-Geheimdienstkoordinatorin Tulsi Gabbard Dokumente zu Biolaboren in der Ukraine veröffentlicht. Was steht darin?

Quelle: Imago

Ende Juni tritt Tulsi Gabbard von ihrem Amt als Geheimdienstkoordinatorin der USA zurück. Kurz vorher sorgt sie nun mit einer Veröffentlichung für Aufregung im Netz - gibt damit letztlich aber vor allem alter Desinformation neuen Aufwind.

Am Freitag veröffentlichte ihr Büro neue Geheimdokumente mit Erkenntnissen zu angeblich gefährlichen Biolaboren in der Ukraine. Diese Informationen seien laut Gabbard von der Regierung unter Ex-US-Präsident Joe Biden bewusst verheimlicht worden.

Trotz der offensichtlichen Gefahr von weltweiten katastrophalen Folgen (...) haben Mitglieder im Nationalen Sicherheitsteam der Biden-Administration die Bürger Amerikas über die Existenz dieser US-finanzierten und unterstützten Biolabore belogen (...).

Tulsi Gabbard, US-Geheimdienstkoordinatorin

Das Video Gabbards wurde unter anderem auf X Zehntausende Male geteilt, unter anderem von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr.. Doch ist die Aufregung gerechtfertigt?

Video von Tulsi Gabbard

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Worum geht es bei diesen Vorwürfen?

Als Koordinatorin ist Gabbard seit Februar 2025 für die Abstimmung der diversen US-Geheimdienste zuständig; ein Amt mit großer Verantwortung. Jedoch ist Gabbard umstritten, sie wird seit Jahren für das Verbreiten insbesondere russischer Desinformation kritisiert.

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Auch die Gerüchte um Biolabore in der Ukraine gehören schon lange zu den Narrativen, die von russischen und prorussischen Akteuren befeuert werden - insbesondere um die Invasion in die Ukraine 2022 zu legitimieren. Kiew wird unterstellt, die USA hätten Labore in der Ukraine für gefährliche Forschung an biologischen Waffen genutzt, was eine Bedrohung für Russland gewesen sei.

Gabbard schreibt in ihrer Mitteilung von US-finanzierten Biolaboren, in denen "gefährliche Gain-of-Function-Forschung mit sehr wenig Transparenz und Aufsicht" durchgeführt werde. Gain-of-Function bezeichnet einen Forschungsbereich, bei dem Krankheitserreger im Labor gezielt mit zusätzlichen Eigenschaften versehen werden, um ihre Wirkungsweise besser zu verstehen. Befürworter sehen darin einen Weg, um das Entstehen künftiger Pandemien zu verhindern und Gegenmittel zu entwickeln. Kritiker verweisen auf Gefahren, sollten in den Laboren Fehler geschehen.

Was sagen Gabbards neue Dokumente aus?

Tatsächlich erwähnen die vier PDF-Seiten mit Geheimdienst-Informationen, die Gabbard als Beleg in ihrem Statement verlinkt, Gain-of-Function-Forschung nicht explizit. Sie umfassen vor allem kurze Projektübersichten mit den Namen von ukrainischen Forschungseinrichtungen, die in den vergangenen 20 Jahren Geld der US-Regierung erhalten haben.

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Die Dokumente beschreiben mehrere Bauvorhaben in Kooperation mit dem ukrainischen Gesundheitsministerium oder der ukrainischen Veterinärbehörde. Fokus sind häufig Vogelgrippe und Schweinepest - zwei Gruppen von Krankheiten, die enorme Auswirkungen auf Menschen und Tiere weltweit haben. Laut einer Übersicht sollten ukrainische Forscher besser darin ausgebildet werden, die Verbreitung dieser Krankheiten verfolgen oder Erreger besser identifizieren zu können.

Dass es in der Ukraine von den USA unterstützte Labore gibt, an denen auch an gefährlichen Krankheitserregern geforscht wird, ist nicht neu. Das erfolgt im Zuge des "Biological Threat Reduction Program" (BTRP), zu dem es seit Jahren öffentlich zugängliche Informationen gibt. Die Existenz dieser Labore und die dortige Forschung an Krankheitserregern wurden der US-Bevölkerung also nicht verheimlicht, wie Gabbard insinuiert.

Im Rahmen dieses Programms erhalten Labore seit 2005 Geld aus den USA, um sie zu modernisieren und neues Equipment beschaffen zu können. Die Zahlungen dienen also der Verbesserung der Sicherheit - ähnliche Kooperationen unterhalten viele Staaten weltweit.

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Gibt es Hinweise auf biologische Waffen?

Die von Gabbard veröffentlichten Dokumente geben keine Hinweise auf von Russland immer wieder angeführte Forschungsprogramme für biologische Waffen.

Besondere Aufmerksamkeit im Netz erhält ein Labor in der Hafenstadt Odessa, da sich dort laut den Dokumenten ein "Biowaffen-Lager" befinde. Die Erklärung ist aber wenig spektakulär. Der Erklärungstext im Geheimdienst-Dokument direkt daneben verweist auf "Lager für Erreger aus der Sowjet-Zeit" und sogenannte Referenzlabore. Um im Notfall gefährliche Erreger schnell identifizieren zu können, halten besonders dafür vorgesehene Labore einzelne Exemplare dieser Erreger vorrätig. Das ist auch in Deutschland so, Waffenprogramme sind das nicht.

Was sagen andere offizielle Stellen zu den Vorwürfen?

Laut US-Angaben unterstützt das BTRP "die ukrainische Regierung bei der Umwandlung ehemaliger sowjetischer Forschungsanlagen für biologische Waffen in Einrichtungen zur friedlichen und sicheren biologischen Detektion und Diagnostik, um die Gefahren durch gefährliche Krankheitserreger - seien sie nun natürlich vorkommend, unbeabsichtigt oder absichtlich freigesetzt - zu verringern."

Das ukrainische Außenministerium reagierte am Samstag auf die Veröffentlichung und stellte klar, dass es sich dabei um "Diagnose-, Forschungs- oder Referenzlabore im öffentlichen Gesundheitswesen, in der Veterinärmedizin oder in anderen wissenschaftlichen Einrichtungen" handle.

Die ukrainische Seite hat nie irgendwelche Aktivitäten unternommen, die mit der Entwicklung, Produktion oder Anhäufung von biologischen Waffen in Verbindung stehen.

Ukrainisches Außenministerium

Der Umstand, dass es sich bei den Dokumenten um freigegebene Geheimdienstunterlagen handelt, lässt sie automatisch bedeutsam erscheinen. Tatsächlich stand eines der enthaltenen Dokumente jedoch seit mindestens 2023 frei verfügbar auf der Internetseite der US-Botschaft in Kiew.

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Karte mit falschen Ortsmarkierungen

Teil von Gabbards Veröffentlichung ist auch eine Karte, auf der mehrere Laborstandorte in der Ukraine eingezeichnet sind.

Beobachtern ist jedoch aufgefallen, dass mehrere der Ortsmarkierungen dort unklar oder falsch sind. Kiew liegt auf der Karte deutlich südlicher als in Wirklichkeit, zudem verwundert ein Standort namens "Cherniv". Der aus Russland stammende Wirtschaftswissenschaftler Konstantin Sonin merkt auf X an: "Es gibt Chernihiv und Chernivtsi, aber beide liegen Hunderte von Kilometern entfernt."

Diese Karte von Laborstandorten in der Ukraine gehört zu den neu veröffentlichten Dokumenten.

Diese Karte von Laborstandorten in der Ukraine gehört zu den neu veröffentlichten Dokumenten. Gefährliche Biowaffenprogramme belegt sie nicht und zu manchen Ortsmarken bleiben Fragen offen.

Quelle: Direktorin der Nationalen Nachrichtendienste

Die meisten der auf der Karte markierten Labore haben die Sicherheitsstufe 2 von maximal 4. Für die Menschheit potenziell hochgefährliche Gain-of-Function-Forschung wie von Gabbard angedeutet, kann dort kaum betrieben werden.

Unternehmen, die in Russlands Fokus stehen, tauchen auf

Die neuen Dokumente erwähnen auch US-Unternehmen, die im Auftrag der Regierung an der Umsetzung der Ukraine-Projekte beteiligt seien - etwa die Firma Black & Veatch.

Auch das ist nicht neu. Schon im März 2022, kurz nach Russlands Invasion, nannte der russische UN-Botschafter Vassily Nebenzia Black & Veatch im Zuge seiner Verschwörungserzählung, der zufolge "ukrainische Behörden dem Pentagon gestatteten, auf dem Territorium der Ukraine gefährliche biologische Experimente durchzuführen". Stichhaltige Beweise für diesen Vorwurf liefern aber weder Russland noch die nun von Gabbard veröffentlichten Dokumente.

Ich habe die Medienberichte über Vorwürfe bezüglich biologischer Waffenprogramme gesehen. Den Vereinten Nationen sind keine biologischen Waffenprogramme bekannt.

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Teil einer russischen Desinformations-Kampagne

Bereits Ende Mai hatte eine Recherche des russischen Investigativmediums "The Insider" offengelegt, dass die Biowaffen-Erzählung Teil einer orchestrierten russischen Desinformationskampagne war.

Darin beschrieb ein Team um Journalist Christo Grozev die Aktivitäten einer Hackergruppe des russischen Geheimdiensts GRU. "In den Jahren vor der Covid-19-Pandemie verbreiteten sie aktiv eine Reihe von Falschmeldungen über die angeblich ruchlosen Aktivitäten von US-finanzierten Biolaboren in Georgien, der Ukraine und einer Reihe weiterer Staaten an der Peripherie Russlands", schreiben die Journalisten.

Fazit: Zwar drücken Gabbards aktuelle Aussagen primär die Sorge um die Sicherheit der Labore in der Ukraine angesichts von Kampfhandlungen aus. Sie stellt jedoch Programme, die eigentlich der Verbesserung von Sicherheit dienen sollen, unter Verdacht. Und befeuert gleichzeitig Verschwörungserzählungen im Interesse Russlands. Wirklich neu ist an den Informationen nichts.

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