Möglicher Kurswechsel des US-Präsidenten:Ist Donald Trump plötzlich auf der Seite der Ukraine?
von Jan Fritsche
Kritiker werfen US-Präsident Trump seit langem eine Nähe zu Russlands Machthaber Putin vor. Jetzt mehren sich die Anzeichen für eine Unterstützung der Ukraine. Ein Kurswechsel?
Vor der Sommerpause ziehen wir Bilanz: Wo war Donald Trump in den vergangenen Monaten erfolgreich - wo nicht? Was war die größte Überraschung - was die größte Peinlichkeit?
29.07.2026 | 69:14 minLange Zeit hat US-Präsident Donald Trump den Eindruck gemacht, im russischen Krieg gegen die Ukraine eher auf der Seite von Wladimir Putin zu stehen. US-Waffenlieferungen wurden eingestellt, Trumps Verhandler waren regelmäßig zu Gast in Moskau, nicht aber in Kiew. Das könnte sich jetzt ändern.
Neue diplomatische Initiative für Frieden?
Elmar Theveßen, ZDF-Studioleiter in Washington, sagt im auslandsjournal-Podcast "Der Trump Effekt": "Steve Witkoff soll, so hören wir, zum ersten Mal nach Kiew kommen. Der Chefunterhändler von Donald Trump war bisher nur in Moskau - nie in Kiew." Das werde von Beobachtern als großer Fortschritt gelesen, als möglicher Beginn einer neuen diplomatischen Initiative.
Der Grund für die neue Entwicklung könnte laut Theveßen ein ganz banaler sein. US-Quellen berichteten, das Weiße Haus sehe den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj inzwischen eher als Gewinnertyp. "Donald Trump mag Gewinnertypen", sagt Theveßen.
Er will am Ende auf der richtigen Seite der Geschichte sein. Und das scheint vielleicht der einzige Grund zu sein, weshalb er auf einmal eher die Ukraine wieder unterstützt.
Elmar Theveßen
Der ukrainische Präsident Selenskyj ist in den USA eingetroffen. In Washington will der mit US-Präsident Trump unter anderem über weitere Unterstützung bei der Raketenabwehr sprechen.
28.07.2026 | 0:18 minSelenskyj - erst angepöbelt und nun mit US-Lizenzen ausgestattet
Für Ulf Röller, ZDF-Studioleiter in Brüssel, ist das Auftreten Selenskyjs das Comeback des bisherigen Jahres. "Von jemandem, der noch vor einem guten Jahr angepöbelt wurde von Trump, 'Sie haben überhaupt nichts auf Ihrer Hand', zu jemandem, der jetzt rausmarschiert mit Lizenzen."
Dem ukrainischen Präsidenten zufolge hat Trump zugesagt, Lizenzen für den Bau von Patriot-Raketen zu erteilen. Für die Ukraine wäre das enorm wichtig, um die eigene Luftabwehr zu stärken. "Das ist eine wahnsinnige Entwicklung und ein wahnsinniger Erfolg", sagt Röller. "Ein Land, das während eines Krieges eine wahnsinnige Drohnentechnologie entwickelt und einfach nicht aufgibt - das ist ein Comeback, das eigentlich fast unvorstellbar war für mich."
Der Riss zwischen Netanjahu und Trump scheint auch nach den Gesprächen nicht gekittet, so ZDF-Korrespondentin Bates. Dagegen habe sich zwischen Selenskyj und Trump etwas gedreht.
28.07.2026 | 2:48 minFrühere Spekulationen über Ende der Ukraine
"Ich würde das sogar noch ein bisschen ausweiten", sagt ZDF-Sonderkorrespondentin Katrin Eigendorf im Podcast. "Erinnert euch an Selenskyj nach dem Treffen im Weißen Haus, wo er so zusammengefaltet wurde. Wie viele haben spekuliert, das ist das Ende der Ukraine." Ohne amerikanische Unterstützung würde das Land nicht in der Lage sein, dem Krieg weiter standzuhalten.
"Sie haben es trotzdem geschafft, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden", sagt Eigendorf. "Das würde ich über Selenskyj hinaus den Ukrainern, also dem ganzen Land, als positiv anrechnen - sie als Gewinner sehen."
Trump trifft Netanjahu und auch Selenskyj in Washington. Doch seine Außenpolitik sorgt für Streit im MAGA-Lager. USA-Experte Julian Müller-Kaler ordnet die Konflikte bei ZDFheute live ein.
28.07.2026 | 28:32 minUkrainischer Präsident hört zu
Dabei stand Selenskyj zuletzt auch innenpolitisch unter Druck. Seine Kabinettsumbildung und die Entlassung des beliebten Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow haben für Proteste gesorgt. Selenskyj reagierte darauf - etwa, indem er Fedorows Gegenspieler, Armeechef Olexander Syrskyj, entließ.
Das sei auch in den US-Medien aufgefallen, berichtet Elmar Theveßen: "Guck mal, da ist doch ein Beispiel, dass ein Präsident unter Druck und im Krieg trotzdem ein Demokrat ist, der zuhört und reagiert auf das, was die Bevölkerung sagt." In den USA sei das momentan anders. Trump sei "sich selbst genug. Er weiß, was er will und ihm ist egal, was Kritiker vielleicht sagen und denken."
Patriot-Lizenzen: Kein echtes Konzept?
Auch Theveßen sieht Selenskyj und die Ukraine als Gewinner der vergangenen Monate. Es gebe aber eine Einschränkung. Zwar habe Trump Selenskyj die Patriot-Lizenzen versprochen, aber "so jedenfalls berichten amerikanische Medien - ohne dass der Rüstungskonzern, dem diese Patriot-Raketen und die Systeme gehören, davon wusste".
Das sei bei Trump ein typisches Muster, sagt Theveßen: "Er postuliert einfach mal was und hat gar nicht die Arbeit vorher reingesteckt, dass es ein echtes Konzept ist." Der US-Präsident könne seine Meinung jederzeit wieder ändern. Außerdem könne es dauern, bis der Deal dann wirklich umgesetzt sei. Trotzdem, sagt Theveßen im "Trump Effekt", "war es ein ganz wichtiges Signal, weil offenbar wieder ein bisschen die Diplomatie in Gang gekommen ist".
Jan Fritsche ist Redakteur und Reporter beim ZDF auslandsjournal.
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