Debatte über Pläne zu Krankschreibungen:Spahn verteidigt Attestpflicht: Im Zweifel eher arbeiten
Unionsfraktionschef Spahn hat die geplanten Verschärfungen bei Krankschreibungen verteidigt. Es gehe nicht um Misstrauen gegenüber den Beschäftigten, sondern um mehr Fairness.
Unionsfraktionschef Jens Spahn: "Die Frage stellt sich schon, ob die Deutschen so viel kränker sind" als andere in Europa. (Archivbild)
Quelle: Action PressUnionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) hat die von der Koalition geplante Einführung einer verpflichtenden Krankschreibung ab Tag eins verteidigt. Dies werde die Zahl der Krankmeldungen reduzieren, sagte Spahn im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF:
Wer tatsächlich vielleicht an dem jeweiligen Morgen nicht wirklich krank ist, aber noch überlegt, ob er hingehen sollte, der entscheidet sich dann im Zweifel vielleicht doch fürs Arbeiten.
Jens Spahn, Unionsfraktionschef
Krankschreibung, Minijobs und befristete Arbeitsverträge: Die Koalition hat sich auf mehrere Reformen verständigt. Auf was sich Arbeitnehmer einstellen müssten - ZDFheute live.
03.07.2026 | 25:38 minUnion und SPD hatten sich am Mittwochabend auf schärfere Regeln bei Krankschreibungen geeinigt - die genaue Ausgestaltung ist aber noch offen. Kanzler Friedrich Merz (CDU) verwies außerdem bereits darauf, dass Unternehmen davon abweichen können, etwa durch tarifliche oder Betriebsvereinbarungen.
Spahn: Krankenstand in Deutschland sehr hoch
Spahn betonte, auch mit der Neuregelung gelte weiterhin: "Wer wirklich krank ist, der soll natürlich auch zu Hause bleiben." Deutschland habe aber "mit die höchste Zahl an Krankheitstagen, etwa 18 Krankheitstage im Jahr pro Arbeitnehmer".
Die Frage stellt sich schon, ob die Deutschen so viel kränker sind tatsächlich als die anderen in Europa - und deswegen braucht es da Maßnahmen.
Jens Spahn, Unionsfraktionschef
Spahn wies auch die Warnung der Ärzteschaft zurück, die geplante Attestpflicht werde zu übervollen Wartezimmern führen. "Es gibt auch Videosprechstunden, die man mit dem Arzt dann haben kann."
Ist der Krankenstand in Deutschland wirklich so hoch? In den offiziellen Daten hat es tatsächlich einen starken Anstieg gegeben, dieser geht jedoch auf die Einführung des elektronischen Meldeverfahrens zurück. Krankschreibungen werden seit 2022 automatisch an die Krankenkassen übermittelt. Die Zahl der erfassten Fehltage stieg so von rund 15 Kalendertagen im Jahr 2019 auf 20 Tage im Jahr 2022 und bleibt seitdem auf diesem Niveau. Allerdings eignen sich diese Zahlen nicht für einen internationalen Vergleich, weil die Meldesysteme zu unterschiedlich sind.
Internationale Vergleichbarkeit liefern OECD-Daten zu einer EU-Arbeitskräftebefragung. Sie gibt für Beschäftigte in Deutschland im Jahr 2025 einen Wert von 3,5 Wochen krankheitsbedingter Abwesenheit pro Jahr an, was etwa 17 bis 18 Arbeitstagen entspricht. Allerdings liegt Deutschland in dem Ranking höchstens im oberen Mittelfeld. Norwegen ist mit 5,7 Wochen pro Jahr Spitzenreiter. Auch Spanien (5,0), Frankreich (4,1) und Belgien (3,9) liegen leicht vor Deutschland. Sehr geringe Fehlzeiten gibt es etwa in Italien (0,6) oder Griechenland (0,2).
Quelle: AFP, ZDF
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Merz: "Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis"
Kanzler Merz erklärte dazu in der ZDF-Sendung "maybrit illner": "Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis. Sie müssen vom ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung haben", sagte der CDU-Politiker, ohne dies weiter zu erläutern.
"maybrit illner spezial": Bundeskanzler Friedrich Merz stellte sich am Donnerstag, 2. Juli 2026, den Fragen von Maybrit Illner.
02.07.2026 | 47:07 minSpahn betonte: Die geplante Reform drücke kein Misstrauen gegenüber Beschäftigten aus, sondern fördere eher die Fairness gegenüber den Kollegen. "Jeder kennt in seinem echten, wahren Leben, im Bekanntenkreis, Nachbarschaft, Freunde, vielleicht auf Arbeit, immer wieder auch die Situation, wo insbesondere montags und freitags es die sogenannten Bettkantenentscheidungen gibt."
Man sitzt auf der Bettkante und überlegt: Passt das heute?
Jens Spahn (CDU), Unionsfraktionschef
Ähnlich formulierte es Kanzleramtschef Thorsten Frei: "Fakt ist eben, dass wir insbesondere zum Wochenstart und Wochenende besonders viele Krankheitstage haben, das kann man, meine ich, nicht medizinisch erklären", sagte der CDU-Politiker im RTL/ntv-"Frühstart". Die geplante Neuregelung habe das Ziel, das Arbeitsvolumen zu erhöhen, was auch notwendig sei.
Kanzler Merz kritisiert: Die Deutschen sind zu oft krank. Hat er Recht? ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Britta Buchholz hat sich die Gründe für den (hohen) Krankenstand angeschaut.
23.01.2026 | 11:21 minKlingbeil: "Klassischer Kompromiss"
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf sagte im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF auf die Frage, wie die geplanten Verschärfungen bei seiner Partei ankämen: "Es gibt da natürlich viel Widerspruch, auch verständlichen Widerspruch."
Die Unterstellung, dass Menschen an der Bettkante die Entscheidung träfen, ob sie krank seien, entspreche nicht dem, wie die SPD auf Menschen blicke. "Es war der Kompromiss, der notwendig war", betonte Klüssendorf. "Die Einführung eines Karenztages, das heißt, krank sein ohne Lohnfortzahlung, war für uns keine Option", sagte der SPD-Generalsekretär zum Verlauf der Verhandlungen im Koalitionsausschuss.
SPD-Chef Lars Klingbeil zeigt sich im heute journal optimistisch: Man werde alle geplanten Reformen auch umsetzen. Deutschland sei ein blockiertes Land. Das müsse sich ändern.
02.07.2026 | 7:55 minAuch Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sprach von einem "klassischen Kompromiss". Wichtig sei, dass niemand krank zur Arbeit gehen müsse, betonte der SPD-Politiker am Donnerstagabend im ZDF heute journal. Die Frage sei nun, wie genau die Änderungen umgesetzt werden. Es komme auf die Gesetzgebung an.
Da wird man jetzt gute pragmatische Lösungen finden müssen.
Lars Klingbeil (SPD), Bundesfinanzminister
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