"Lanz"-Debatte zu Reformplänen: "Ausbeutung in Reinform"

"Lanz"-Debatte zum Koalitionsausschuss:Journalistin Anna Lehmann: "Ausbeutung in Reinform"

von Bernd Bachran

|

Anna Lehmann von der taz warnt bei "Markus Lanz" angesichts der Reformen vor Ausbeutung von Beschäftigten. Veit Medick vom "Stern" fordert eine positivere Darstellung der Reformen.

Markus Lanz vom 1. Juli 2026: Julia Löhr, Markus Lanz, Anna Lehmann, Veit Medick

Sehen Sie hier die Sendung "Markus Lanz" vom 1. Juli 2026 in voller Länge.

01.07.2026 | 60:16 min

Die von der schwarz-roten Koalition geplanten Reformen in den Bereichen Steuern, Arbeitszeiten und Rente würden in der öffentlichen Diskussion fast ausschließlich mit Verschlechterungen verbunden - das kritisierte der Politik-Ressortleiter des "Stern", Veit Medick, am Mittwochabend bei "Markus Lanz". Alles werde teurer, alles werde schlechter, so der Tenor.

Wir konzentrieren uns jetzt seit Monaten auf diesen Reformbegriff, und ich glaube, das ist schon ein Versäumnis dieser Koalition, dass dieser Begriff so wahnsinnig negativ assoziiert wird.

Veit Medick, Politik-Ressortleiter des "Stern"

Am Mittwoch hatten sich die Spitzen von Union und SPD zum Koalitionsausschuss getroffen, um noch vor der Sommerpause weitreichende Reformen auf den Weg zu bringen. Nach Informationen des ZDF einigte sich die Koalition auf das Reformpaket, Details sollen am Donnerstag vorgestellt werden.

Es fehle eine überzeugende Positiverzählung und eine klare Begründung für die Reformen, so Medick bei "Markus Lanz". Diese dienten schließlich nicht dazu, Menschen zu belasten, sondern sollten das Land zukunftsfähig machen, Lebensqualität sichern und die Stabilität Deutschlands erhalten.

Alexander Hoffmann (l), stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, stehen während dem Koalitionsausschuss auf einem Balkon des Bundeskanzleramts.

Acht Stunden beraten die Koalitionsspitzen über Reformen bei der Steuer, Rente und dem Gesundheits- und Pflegesystem. Es geht um Geld, aber auch um ein wichtiges Signal.

02.07.2026 | 2:06 min

Medick: Umgang zwischen Koalitionspartnern ruhiger geworden

Lobend hob Medick hervor, dass die Konflikte innerhalb der Regierungskoalition inzwischen seltener öffentlich ausgetragen würden. Seit der Debatte über die Ergebnisse der Rentenkommission erlebe die Koalition eine neue Phase: Der Umgang miteinander sei ruhiger und etwas wohlwollender geworden.

"Ich finde es legitim, dass die beiden Partner ihre harten ideologischen Unterschiede, die sie an der Stelle haben, auch austragen. Das passiert aber überraschend eher im Hintergrund", so Medick. Man versuche, dem anderen auch was zu gönnen. "Und trotzdem: Hinter den Kulissen geht es schon zur Sache."

Lehmann: "Ausbeutung in Reinform"

Ein zentraler Streitpunkt der geplanten Reformen ist die Arbeitszeit. Zwar hatten Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart, eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit zu ermöglichen, doch mittlerweile regt sich heftiger Widerstand - und das sowohl vonseiten der Gewerkschaften als auch aus Teilen der Arbeitgeberverbände. Auch eine Lockerung des Kündigungsschutzes ist geplant.

sgs zimmermann steuer

Im Kanzleramt suche man noch immer eine Lösung in Sachen Steuerreform, sagt Diana Zimmermann in Berlin. Dort ringt die Koalition auch in anderen Bereichen um Reformen.

01.07.2026 | 2:51 min

Die Leiterin des Parlamentsbüros der taz, Anna Lehmann, hat ihre Probleme mit der geplanten Neuregelung der Arbeitszeiten und vor allem der Lockerung des Kündigungsschutzes: "Es genügt nicht zu sagen: 'Ihr müsst einfach nur länger arbeiten und die Betriebe müssen in der Lage sein, die Leute schneller zu kündigen.'", sagt sie bei "Markus Lanz". "Es nützt den VW-Beschäftigten wenig, wenn gesagt wird: 'Euer Kündigungsschutz wird gelockert', wenn sie eh rausfliegen."

Lehmann wies darauf hin, dass in vielen Branchen bereits heute Zwölf-Stunden-Schichten üblich seien - etwa in Redaktionen, Krankenhäusern oder der Chemieindustrie. "Alles ist möglich, wenn es zwischen den Sozialpartnern vereinbart wird."

Wenn du allerdings keine Sozialpartnerschaft hast, dann wirst du erleben, dass gerade Beschäftigte, die nicht tariflich abgesichert sind, einfach dem Weisungsrecht des Arbeitgebers unterworfen sind. Und das ist Ausbeutung in Reinform.

Anna Lehmann, Leiterin des Parlamentsbüros der taz

andrea-maurer

Steuern, Rente, Gesundheit, Pflege: Union und SPD kommen zu einer entscheidenden Sitzung zusammen. "Es ist das ganz große Paket, das jetzt geschnürt werden soll", so Andrea Maurer.

01.07.2026 | 1:20 min

Löhr: Es geht nur um die Frage, welche Reformen "vermittelbar" sind

Die Wirtschaftskorrespondentin im Hauptstadtbüro der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Julia Löhr, berichtete bei "Markus Lanz" über Aussagen von Teilnehmern früherer Koalitionsausschüsse, die diese in Hintergrundgesprächen gemacht hätten: "Dass es ganz oft um die Frage ging: 'Was ist vermittelbar?'", so Löhr.

"Also nicht so sehr: 'Was ist eigentlich notwendig, was ist ökonomisch sinnvoll für das Land?', sondern tatsächlich darum: 'Was ist vermittelbar? Was ist vermittelbar vor zwei bis drei sehr schwierigen Landtagswahlen, wo sowohl die Union als auch die SPD verdammt viel zu verlieren haben?'"

Wichtiger Hinweis in eigener Sache

Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.

Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.

→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen


Über dieses Thema berichtete "Markus Lanz" am 02.07.2026 ab 23:30 Uhr.

Mehr zum Koalitionsausschuss

  1. Bundeskanzleramt in Berlin bei der Abenddämmerung

    Siebeneinhalb Stunden beraten:Koalition einigt sich auf Reformpaket

    mit Video3:03

  2. Presseunterrichtung zu den Ergebnissen der Beratungen des Koalitionsausschusses
    FAQ

    Koalitionsausschuss im Kanzleramt:Diese Entscheidungen wollen Union und SPD jetzt fällen

    von Andrea Maurer und Dominik Rzepka
    mit Video1:29

  3. Alexander Dobrindt, Bundesinnenminister, Lars Klingbeil, Bundesminister der Finanzen und Vizekanzler, und Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Sitzung des Bundeskabinetts.
    Analyse

    Vorschläge von allen Seiten:Vor entscheidendem Koalitionstreffen: Die Nervosität steigt

    von Diana Zimmermann
    mit Video2:34