Prien stellt neues Kita-Gesetz vor:Kinder besser fördern - mit weniger Geld
von Johannes Lieber
In Deutschland hängen Bildungschancen immer noch stark vom Geld der Eltern ab. Die Familienministerin will das jetzt mit einem Kita-Gesetz ändern - muss aber Einschnitte vornehmen.
Die Bundesregierung will die frühkindliche Bildung mit Milliarden-Investitionen stärken. Vorgesehen sind etwa einheitliche Sprachtests mit vier Jahren.
02.09.2026 | 0:20 minDie Studienlage ist klar. Kinder aus guten sozialen Verhältnissen haben in Deutschland deutlich bessere Bildungschancen als Kinder aus benachteiligten Gruppen. Mit dem neuen Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz will Familienministerin Karin Prien (CDU) dieses Problem jetzt in den Kindertagesstätten angehen.
In der Bundesregierung eint uns das Ziel, dass Bildungschancen nicht davon abhängen sollten, in welche Familien oder an welchem Ort ein Kind geboren wird.
Karin Prien (CDU), Bundesfamilienministerin
Bildungschancen hängen an den Eltern
Wie ungerecht das deutsche Bildungssystem ist, zeigen aktuelle Zahlen des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Haben die Eltern kein Abitur und wenig Geld zur Verfügung, liegt die Wahrscheinlichkeit bei nur 16,9 Prozent, dass ihr Kind das Gymnasium besuchen wird. Die Chance liegt bei 80,3 Prozent, wenn beide Eltern Abitur haben und zusammen mehr als 6.000 Euro netto verdienen.
Interessant dabei: Zwar hat es einen negativen Einfluss, wenn die Eltern einen Migrationshintergrund haben, Faktoren wie Bildung und Einkommen der Eltern spielen aber eine deutlich wichtigere Rolle bei den Chancen der Kinder.
Weil die Geburtenzahlen sinken, fallen in Kitas immer mehr Stellen weg. Prof. Kai Maaz betont: "Man wäre gut beraten, dieses Personal im System zu lassen" - für gute Bildung und Betreuung.
21.08.2026 | 6:14 minEine Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe legt zudem nahe, dass sich Ungleichheiten, zum Beispiel im Wortschatz der Kinder, schon weit vor ihrem Schuleintritt entwickeln - also in der Kita-Zeit. Ein Unterschied, der sich über die gesamte Schullaufbahn nicht mehr angleicht. Kinder, die also in der Kita schon hinterherhängen, werden auch in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben.
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) bei ihrem Statement zum neuen Gesetz.
Quelle: ddpKinder sollen Sprach- und Entwicklungstest durchlaufen
Deshalb nimmt die Familienministerin jetzt die Kitas in den Fokus. Konkret sollen neue Qualitätsstandards geschaffen werden. Alle Kinder sollen spätestens in ihrem fünften Lebensjahr einen Sprach- und Entwicklungstest durchlaufen. Fallen Mängel auf, soll das Kind speziell gefördert werden. Dafür sollen die Kitas zusätzliches Personal bekommen.
Getestet werden sollen unter anderem Sprach- und Mathematikkenntnisse, aber auch die Fähigkeit zur Selbstregulierung. Kitas in sozialen Brennpunkten sollen darüber hinaus noch zusätzlich gefördert werden. Über die genaue Verteilung der Mittel sollen die einzelnen Bundesländer entscheiden - die sind für die Kitas verantwortlich.
Die Studie des Leibniz-Instituts weist aber auch auf einen Webfehler im Gesetz hin. Eltern aus niedrigeren sozialen Schichten schicken ihre Kinder auch seltener in Kindertagesstätten. Von einer Förderung der Kitas können die dann gar nicht profitieren.
Erziehungswissenschaftlerin Susanne Viernickel im Gespräch
15.10.2024 | 5:08 minFörderung wird halbiert
Die Kitas müssen die neuen Standards aber wohl mit weniger Geld umsetzen, als bisher zur Verfügung stand. Das alte "KiTa-Qualitätsgesetz" läuft zum Ende des Jahres aus. Mit dem auf vier Jahre begrenzten Programm gab es jährlich rund zwei Milliarden Euro für die Kitas, künftig wird es nur noch rund eine Milliarde sein.
Schuld sei die Haushaltslage, so die Ministerin. Die Bundesländer hätten mit dem Sondervermögen und der Lockerung der Schuldenbremse aber Mittel, um selbst in bessere Kitas zu investieren. Zudem ist die Förderung auf acht Jahre ausgelegt, was Planungssicherheit schaffen soll.
Die Betreuung während Randzeiten ist für viele Alleinerziehende eine Herausforderung. In Rostock bietet eine Kita eine 24-Stunden-Betreuung an.
21.04.2025 | 1:28 minSozialverbände wie der Paritätische Wohlfahrtsverband schlagen dennoch Alarm und befürchten, dass "wichtige Unterstützungsangebote" wegbrechen.
Expertin: "Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit"
Aber kann dieses Gesetz die Bildung in Deutschland wirklich gerechter machen? Die Bildungsexpertin Rahel Dreyer hält "die Grundrichtung des Gesetzesentwurfes für richtig". Er sei eine "Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit". Doch auch sie befürchtet, dass die Mittel nicht ausreichen könnten:
Wenn bundesweit neue Qualitätsanforderungen formuliert werden, dann braucht es auch langfristig eine verlässliche und bedarfsgerechte Beteiligung des Bundes an der Finanzierung.
Prof. Dr. Rahel Dreyer, Alice-Salomon-Hochschule Berlin
Der Sprach- und Entwicklungstest komme im Alter von maximal vier Jahren zudem "relativ spät", so die Expertin. Auch die Verengung auf einzelne Kompetenzbereiche wie Sprache oder Mathematik reicht laut Dreyer nicht aus. So sollen Kinder in der Kita auch etwas über "tragfähige Beziehungen, über Spiel und über Beteiligung" lernen.
"Am Ende", so die Expertin, "entscheidet sich die Qualität eines Gesetzes nicht daran, wie viele Standards darin stehen, auch wenn ich die ja total wichtig finde und die immer selber auch wieder fordere, ob sich dadurch der Alltag und die Bildungschancen der Kinder wirklich verbessern."
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