Anschlag in Magdeburg: Geständnis und wirre Verteidigung

Prozess hat begonnen:Magdeburg-Anschlag: Geständnis und wirre Verteidigung

von Leon Fried

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Kurz vor Weihnachten 2024 war Taleb A. in Magdeburg mit dem Auto in eine Menschenmenge gerast. Vor Gericht gestand er die Tat - und erging sich in einer Schimpftirade.

10.11.2025, Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Justizbeamte führen Taleb al-Abdulmohsen auf dem Gelände der Landesbereitschaftspolizei zu einem Hubschrauber. Am Morgen begann der Prozess gegen Taleb al-Abdulmohsen, der am 20. Dezember 2024 über den Magdeburger Weihnachtsmarkt gefahren war. Bei dem Anschlag wurden sechs Menschen getötet. Zudem wurden mehr als 300 Menschen verletzt oder traumatisiert. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft dem Täter versuchten Mord in 338 Fällen vor

Etwa elf Monate nach dem Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mit sechs Toten und hunderten Verletzten hat der Prozess gegen Taleb A. begonnen.

10.11.2025 | 2:22 min

Er wird schon wieder aufgebaut: der Magdeburger Weihnachtsmarkt - allerdings ist er vorerst in der bisher geplanten Form nicht genehmigt. Der Grund: Bedenken zum Sicherheitskonzept. An genau jener Stelle ist er vorgesehen, an der Taleb A. am 20. Dezember 2024 mit einem gemieteten SUV in die Menschenmenge raste, gezielt Marktbesucher erfasste, sechs Menschen tötete und mehr als 300 teils schwer verletzte.

Gut eineinhalb Kilometer weiter im Osten der Stadt muss sich Taleb A. seit diesem Montag vor dem Landgericht für seine Tat verantworten. Angeklagt ist er wegen sechsfachen Mordes und versuchten Mordes in mehr als 300 Fällen.

Gerichtsgebäude in Magdeburg extra für den Prozess aufgebaut

Am Morgen wird er mit dem Hubschrauber aus der Untersuchungshaft in ein eigens dafür errichtetes provisorisches Gerichtsgebäude gebracht. In ganz Sachsen-Anhalt gab es keinen Gerichtssaal, der für sämtliche Nebenkläger Platz geboten hätte.

Blick über die mehreren hundert Plätze für die Nebenkläger im Verhandlungssaal im Interims-Gerichtsgebäude für den Prozess gegen den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt, im Hintergrund eine schusssichere Glaskabine für den Angeklagten.

In diesem Interims-Gerichtsgebäude findet der Prozess gegen Taleb A. statt.

Quelle: dpa

Fast 180 Nebenkläger sind es, nicht alle wollen an der Verhandlung teilnehmen. Einige haben bereits im Vorfeld erklärt, dies psychisch nicht durchstehen zu können. Anderen war es wichtig, zu kommen und Antworten auf die Frage, was Taleb A. bei seiner mörderischen Tat antrieb, zu erhalten.

Verlesung der Anklage dauert mehrere Stunden

Im Gerichtssaal blicken sie dem Mann, der es auf ihr Leben und das ihrer Angehörigen abgesehen hatte, direkt ins Gesicht. Taleb A. verfolgt den Prozess aus einer schusssicheren Glasbox am anderen Ende des Saales und bekommt gleich zu Beginn der Verhandlungen die Auswirkungen seines Anschlags vor Augen geführt.

Mehrere Stunden lang tragen die beiden Staatsanwälte die Anklageschrift vor, gehen detailliert darauf ein, wie Taleb A. Weihnachtsmarktbesucher mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde anfuhr, welche grausamen Verletzungen viele davontrugen, wie sie noch heute darunter leiden.

Magdeburg: "Ein Mammutprozess"

Der Prozess um den Weihnachtsmarkt-Amokfahrer Taleb A. beginnt. Es werde ihm "sechsfacher Mord und versuchter Mord in mehr als 300 Fällen vorgeworfen", berichtet ZDF-Reporter Leon Fried.

10.11.2025 | 2:50 min

Schimpftiraden und Verschwörungsmythen

Mit teils stoischer Miene verfolgen viele der Anwesenden die Ausführungen. Besonders schwer zu ertragen dürften für die Opfer aber die Erklärungen sein, die Taleb A. abgibt, als er sich am Nachmittag zur Anklage äußern darf. Bei dieser Gelegenheit holt der Angeklagte zu einer zeitweise wirren Verteidigungsrede aus.

Er gesteht zwar die Tat, entschuldigt sich bei einzelnen Angehörigen. Doch immer wieder versteigt er sich in wüste Schimpftiraden: Er wirft den Behörden vor, die Bevölkerung zu täuschen. Angela Merkel bezichtigt er, Deutschland verraten zu haben. Und schließlich ruft er dazu auf, die bisher regierenden Parteien bei der bevorstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt abzuwählen.

Experte kritisiert neues Gutachten

Ein Gutachten zum Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt kritisiert erhebliche Sicherheitsmängel. Terrorabwehr-Experte Schneider kritisiert aber auch das Gutachten selbst.

29.08.2025 | 16:31 min

Viele Betroffene wenden sich zwischenzeitlich mit dem Gesicht von Taleb A. ab, wollen ihn während seiner Wutrede nicht anschauen. Zwar war schon im Vorhinein bekannt, dass Taleb A. in Verschwörungsmythen gefangen ist, dass er in Tausenden Internetposts vor einer vermeintlichen Islamisierung Deutschlands warnte und ankündigte, das verhindern zu wollen. Doch mit einem solchen Auftritt des Angeklagten hatte kaum jemand gerechnet.

Tatmotiv bisher ungeklärt

Interessant dürfte sein, welche Schlussfolgerungen das Gericht im weiteren Verlauf des Prozesses im Hinblick auf das Tatmotiv aus Taleb A.s Äußerungen zieht. Denn bisher ist umstritten, warum der 51-jährige Arzt, der vor 19 Jahren aus Saudi-Arabien nach Deutschland kam, zum Mörder wurde.

Generalbundesanwalt Jens Rommel hatte bereits im Januar gegenüber dem SWR erklärt, der Angriff auf den Weihnachtsmarkt weise aus seiner Sicht den "Charakter einer Amokfahrt aus persönlicher Frustration auf". Die für Terrorismusverfahren zuständige Bundesanwaltschaft lehnte eine Übernahme des Falls deshalb ab.

Trauer in Magdeburg

Der Täter von Magdeburg, Taleb A., hat aus der Untersuchungshaft Kontakt mit fünf Opfern seiner Amokfahrt aufgenommen, per Brief. Die Politik zeigt sich empört und fordert, Opfer besser zu schützen.

06.08.2025 | 2:38 min

Gutachter sieht politisches Motiv

Der Radikalisierungsforscher Hans Goldenbaum war in einem Gutachten, das dem ZDF vorliegt, zu einem anderen Schluss gekommen: Er sieht ein politisches Motiv.

Nach Auswertung von fast 2.000 Internetposts, die der Täter in den zwölf Wochen vor der Tat veröffentlichte, kommt er zu dem Ergebnis: Taleb A. handelte mit dem Kalkül, internationale Aufmerksamkeit für die vermeintliche "Agenda der Islamisierung" in Deutschland zu erregen. Zudem habe A. das Ziel verfolgt, die "deutsche Nation" für eben jene behauptete Islamisierung zu bestrafen.

Das Gericht hat sich nun 46 Verhandlungstage gegeben, dem auf den Grund zu gehen. Taleb A. droht eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Ein vorläufiges forensisch-psychiatrisches Gutachten war zu dem Schluss gekommen, dass er voll schuldfähig und weiterhin gefährlich für die Allgemeinheit ist.

Vorerst keine Genehmigung für Weihnachtsmarkt in Magdeburg

Parallel zum Magdeburger Strafprozess versucht auch ein Untersuchungsausschuss des Landtags in Sachsen-Anhalt, Aufklärung zu schaffen. In einer Zwischenbilanz attestierten die Abgeordneten Stadt, Polizei sowie Veranstalter schwere Versäumnisse bei der Umsetzung und Überprüfung des Sicherheitskonzepts für den Weihnachtsmarkt 2024.

Am Abend des ersten Verhandlungstages wird bekannt, dass die Stadt Magdeburg dem Veranstalter in diesem Jahr vorerst keine Genehmigung für die Durchführung des Weihnachtsmarkts erteilt. Zu groß seien nach wie vor die Mängel beim Sicherheitskonzept.

Leon Fried ist Reporter in der ZDF-Redaktion Recht und Justiz.

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