Vor Landtagswahl in Sachsen-Anhalt:Schulleiter: "Mein Parteibuch ist das Grundgesetz"
von Annette Pöschel
Bildung zählt zu den Wahlkampfthemen in Sachsen-Anhalt. Die AfD will die Schulpflicht abschaffen und fordert ein "Neutralitätsgebot". Ein Schulleiter spricht über mögliche Folgen.
Faires Streiten, Zuhören, einander akzeptieren sind Grundlagen eines demokratischen Miteinanders, doch längst nicht mehr selbstverständlich. Deshalb integrieren viele Schulen das in den Lehrplan.
20.06.2026 | 4:00 minMarco Ladewig hat als erster in seiner Familie studiert und promoviert. Er ist stolz auf seinen Weg - auch darum ist er Lehrer geworden. Er möchte seine Schülerinnen und Schüler beim Erwachsenwerden begleiten, dass aus ihnen "selbstwirksame Menschen" werden, wie er sagt, und dafür brauche es Schule, denn "Bildung ist Beziehungsarbeit".
Schule als Ort der Demokratie
"Wir sind letztendlich die Keimzelle von gesellschaftlichem Zusammenhalt", sagt Ladewig, der Schulleiter an einem Gymnasium in Haldensleben in Sachsen-Anhalt ist. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen lernen die Kinder und Jugendlichen hier auch soziale Kompetenzen: den anderen wahrzunehmen in seinem Anderssein, gegensätzliche Meinungen zu tolerieren oder auch Konflikte zu lösen. Etwa wenn es darum geht, einen Kuchenbasar zu organisieren oder die nächste Klassenfahrt zu besprechen.
Dabei lernen sie eine demokratische Streitkultur und die Fähigkeit, in einer immer komplizierter werdenden Welt selbst zu denken. Und Denken entsteht durch Vielfalt, durch Diskurs, durch Kontroversität.
Marco Ladewig, Schulleiter
Mehr als 126.000 Schüler aus 843 Schulen beteiligen sich am Anne Frank Tag, einem Aktionstag gegen Antisemitismus. Das Motto zum zehnjährigen Bestehen: "Geschichte erzählen".
12.06.2026 | 0:38 minWenn die AfD in ihrem Wahlprogramm zur Wahl in Sachsen-Anhalt davon spricht, dass eine angebliche "Pseudodemokratie" von Schulen verbannt werden müsse, stattdessen Lehrer wieder Autoritäten sein sollen, die auf Leistung setzen und das bloße Vermitteln von "Kulturtechniken", dann verkenne sie demnach den Kern von Schulbildung, sagt Ladewig.
Ich habe als Beamter einen Eid geleistet auf die Verfassung dieses Landes. Und meine oberste Maxime ist das Schulgesetz: Im ersten Paragaphen steht ganz klar, dass wir Demokratiebildung betreiben. Und das nicht nur bezogen auf einen Fachunterricht, sondern ganzheitlich.
Marco Ladewig, Schulleiter
Die AfD startete ihre Wahlkampagne für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Aktuell liegt sie in den Umfragen vorn. Für die CDU könnte eine Regierungsbildung schwierig werden.
06.06.2026 | 4:10 minBildungspflicht vs. Schulpflicht
Darum lehnt Marco Ladewig auch die Idee einer Bildungspflicht - wie sie die AfD fordert - ab, die faktisch die Schulpflicht aushebeln würde. Wenn Eltern entschieden, ihre Kinder lieber zu Hause zu unterrichten, dann nähmen sie ihnen die Möglichkeit andere Lebenswelten kennen zu lernen, Freundschaften jenseits der eigenen Blase zu schließen.
An seinem Gymnasium in Haldensleben lernen Schüler aus 34 Ortschaften - mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund. Zehn Prozent seiner Schüler haben eine Migrationsgeschichte.
Das Aushalten, dass ein Schüler eine andere Meinung hat als ich, das geht dann verloren. Weil ich zu Hause in meiner kleinen familiären Bubble bin und nur noch mit dem Wissen versorgt werde, was ich ausarbeiten soll.
Marco Ladewig, Schulleiter
Hinzukomme im Zeitalter von KI: "Wie will ich denn sicherstellen, dass der Schüler, die Schülerin wirklich noch selbstständig denkt und lernt und arbeitet?", sagt Ladewig.
Am Veldenz-Gymnasium in Lauterecken gehört KI fest zum Unterricht der achten Klassen. In einer verpflichtenden KI-AG lernen die Jugendlichen, Chancen und Risiken einzuordnen.
10.02.2026 | 2:35 minWas die AfD mit dem "Neutralitätsgebot" fordert
Die AfD bezichtigt in ihrem Wahlprogramm einige Lehrer der einseitigen politischen Indoktrination und fordert daher ein "strenges Neutralitätsgebot". Dem widerspricht Marco Ladewig, auch wenn er sich von parteipolitischer Einflussnahme abgrenzt.
Er sei dem sogenannten Beutelsbacher Konsens verpflichtet, der eine "Überwältigung" von Schülern untersagt, aber gleichwohl fordert, dass gesellschaftliche Kontroversen abgebildet werden. Darüber hinaus beruft er sich auf die Verfassung: "Mein Parteibuch ist das Grundgesetz", sagt er.
Das bedeute, dass er bei Angriffen auf die Menschenwürde und Verletzung der Grundrechte nicht nur "moderierend" daneben stehen könne, wie von der in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD gefordert wird.
Was ist der Beutelsbacher Konsens?
In Beutelsbach trafen sich vor 50 Jahren, also 1976, Bildungs-Experten und Fachleute der politischen Bildung. In der Diskussion über die notwendige Trennung von Politik und politischer Bildung konnten sie sich angesichts ihrer unterschiedlichen Positionen lediglich auf einen Minimalkonsens einigen. Der seitdem sogenannte "Beutelsbacher Konsens" umfasst drei Prinzipien:
Kein Schüler darf dazu gedrängt werden, eine bestimmte Meinung anzunehmen. Stattdessen müssen Lehrer pädagogische Angebote machen, um die Urteilskraft zu fördern.
Die persönliche Meinung des Lehrers ist im Unterrichtsgeschehen nicht maßgeblich. Dagegen müssen jedoch diverse Meinungen und Forschungsansätze aus Politik und Wissenschaft auch im Unterricht entsprechend abgebildet werden.
Das Ziel der Bildung in Deutschland ist der mündige Erwachsene, der seine Entscheidungen aufgrund von Abwägung und Analyse bestehender Fakten fällt. Auf dem Weg dorthin gehört es auch dazu, dass Schülerinnen und Schüler befähigt werden, die Konsequenzen politischer Entscheidungen für ihr Leben, für eigene Interessen zu analysieren.
Unter anderem fehlt es vielerorts an qualifiziertem Personal, die soziale Ungleichheit ist weiterhin groß. Eine Schule in Bremen zeigt, wie sich die Chancengerechtigkeit verbessern lässt.
15.06.2026 | 1:30 minDruck auf Lehrkräfte
Gleichzeitig beschreibt der Schulleiter einen seit Jahren wachsenden Druck auf Schulen und Lehrkräfte. Meldeportale, Social-Media-Kampagnen und Vorwürfe der Indoktrination verunsicherten einige Lehrerinnen und Lehrer. Auch er habe das schon einmal erfahren.
Als er zur Wiederwahl von Donald Trump seinen Schülern ein Diskussionsangebot machte, sei ihm im Internet fälschlicherweise vorgeworfen worden, gegen den US-Präsidenten Stimmung zu machen. Marco Ladewig konnte die Sache klären. Anders war es bei einem Lehrer in der Altmark: Er hat eine Abmahnung erhalten, nachdem die AfD eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihn angestrengt hatte. Der Betroffene klagt dagegen.
In Sachsen-Anhalt wird in drei Monaten ein neuer Landtag gewählt - der Wahlkampf läuft bereits. Im Mittelpunkt stehen die wirtschaftliche Lage des Bundeslandes und sein demographischer Wandel.
17.06.2026 | 2:32 minLadewig hat mit seinem Kollegium einen Leitfaden ausgearbeitet, der genau festlegt, was sie dürfen, was sie müssen - um sich gemeinsam den Rücken zu stärken.
Am Ende würden all diese Forderungen, was abgeschafft gehöre, weder der Institution Schule noch den Schülern selbst helfen, findet Ladewig. Er wünscht sich, dass die Politik den Lehrerinnen und Lehrern Raum gibt für ihre Ideen und Zeit, sich auf die Kinder und Jugendlichen einzustellen, auf ihre Bedürfnisse.
Annette Pöschel ist Korrespondentin im ZDF-Landesstudio Sachsen-Anhalt.
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