Wirkung umstritten:Wie ein neues Gesetz kritische Infrastruktur schützen soll
von Johannes Lieber
Der Bundestag hat heute das KRITIS-Dachgesetz beschlossen. Es soll Betreiber verpflichten, ein Mindestmaß an Schutz ihrer Anlagen sicherzustellen. Erste Probleme sind absehbar.
Der Bundestag hat ein Gesetz zum Schutz kritischer Infrastruktur auf den Weg gebracht. Auch soll Deutschland mit einem Schutzraumkonzept bei militärischen Bedrohungen besser abgesichert werden.
29.01.2026 | 3:13 minSchon vor dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz zu Beginn des Jahres wurde im Bundestag beraten, wie die kritische Infrastruktur besser geschützt werden kann. Durch die mutmaßlich linksextremistische Attacke stand das KRITIS-Dachgesetz auf einmal im Scheinwerferlicht.
Deutschland ist Ziel von Sabotage, Spionage, Desinformation und auch von Terror. Es gehört natürlich zur Aufgabe der Politik, sich dagegen zu rüsten, sich resilient zu machen und auch zurückzuschlagen.
Alexander Dobrindt (CSU), Bundesinnenminister
Was wird sich durch das Gesetz verändern?
Mit dem neuen Gesetz werden einheitliche Mindestanforderungen an die Betreiber von kritischer Infrastruktur gestellt. Dazu zählen unter anderem Unternehmen im Energie- und Transportsektor, aber beispielsweise auch die Abfallentsorgung.
Die Regelungen zielen laut Regierung besonders auf die "physische Resilienz", also wohl Schutzzäune und Notstromversorgung. Konkrete Maßnahmen werden im Gesetz nicht vorgeschrieben. Auch fehlt, nach welchen Kriterien ausgewählt wird, welche Anlagen besonders geschützt werden sollen. Diese Punkte sollen in zukünftigen Verordnungen konkretisiert werden.
Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz hat gezeigt, wie verwundbar wichtige Versorgungseinrichtungen sind. "Kritische Infrastrukturen werden ziemlich allein gelassen", so der BSKI-Vorsitzende Holger Berens.
29.01.2026 | 5:14 minDie Betreiber müssen ihre Anlagen jetzt zudem regelmäßig überprüfen lassen und die Behörden im Katastrophenfall "unverzüglich" in Kenntnis setzen. Zudem sollen die Betreiber auch eigene Risikoanalysen regelmäßig durchführen und ihre Schutzpläne entsprechend anpassen.
Grundsätzlich sind Unternehmen, die mehr als 500.000 Menschen versorgen, vom Gesetz betroffen. Die Bundesländer können aber eigenständig niedrigere Werte festlegen. Ergreifen die Betreiber nicht genügend Schutzmaßnahmen, drohen Bußgelder von 100.000 bis eine Million Euro.
Welche weiteren Regelungen hat die Regierung geplant?
Zahlreiche Experten und Branchenvertreter kritisierten nach dem Anschlag in Berlin zu weitreichende Transparenzpflichten. So sind beispielsweise Pläne für Stromnetze oder Bahnanlagen öffentlich einsehbar, was sie auch verwundbarer für Angriffe macht.
Kerstin Andreae, die Geschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft, sprach im Rahmen dessen davon, dass die kritische Infrastruktur "quasi auf dem Silbertablett" präsentiert werde.
Die Koalition aus Union und SPD will kritische Infrastruktur wie Stromnetze besser vor Angriffen schützen.
29.01.2026 | 2:04 minDie Bundesregierung will sich diesem Thema in einem weiteren Gesetz nun annehmen. Der Bundestag hat heute neben dem Gesetz einen entsprechenden Entschließungsantrag beschlossen. Eine Änderung der Transparenzregeln ist nicht Teil des KRITIS-Dachgesetzes, welches heute verabschiedet wurde.
Wie viel bringt das neue Gesetz?
Ob das neue Gesetz ausreicht, um die kritische Infrastruktur ausreichend gegen Bedrohungen aus dem In- und Ausland zu schützen, ist mindestens umstritten. Das Gesetz gebe die Vorgaben für ein "deutlich verbessertes Schutzniveau", so der Präsident des Digital-Verbands Bitkom, Ralf Wintergerst. Die Politik sei jetzt aber auch gefordert, die Unternehmen konkret mit Förderprogrammen zu unterstützen.
Kritischer bewertet der Bundesverband der Deutschen Industrie das Gesetz. Es sei ein "positives Signal", welches aber "hinter den Notwendigkeiten in der aktuellen Bedrohungslage" zurückbleibe, so der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Holger Lösch.
Schutz kritischer Infrastruktur: Staatssekretär de Vries äußerte sich im ZDF-Morgenmagazin zu den Gefahren.
28.01.2026 | 0:38 minDer deutsche Städtetag bemängelt zudem, dass die Länder zusätzliche Auflagen und Verschärfungen beschließen dürfen. Besser wäre eine bundesweite Regelung gewesen, um einen "Flickenteppich" zu verhindern, so Hauptgeschäftsführer Christian Schuchardt.
Wie reagiert die Opposition auf das Gesetz?
Scharfe Kritik kam besonders von den Grünen. Laut dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Konstantin von Notz bekomme Bundesinnenminister Alexander Dobrindt bis auf "viel warme Luft und ein paar Buzzwords" nichts "Relevantes auf die Kette". Die Maßnahmen seien "zu wenig und zu spät", so von Notz.
Auch Jan Köstering von den Linken kritisierte den Entwurf. "Statt echter Sicherheit" bekomme man jetzt nur "neue Meldepflichten und neue Bürokratie".
Auch Steffen Janich von der AfD kritisierte das Gesetz als "unvollkommen". Seine Fraktion stimmte dem Entwurf dennoch zu, um "schlimmere Folgen" zu verhindern, so Janich.
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