Kritische Infrastruktur:Blackout-Gefahr: Wie verwundbar ist unser Stromnetz?
von Julia Klaus, Hans Koberstein, Christian Salewski
Das Stromnetz hat Schwachstellen, die kaum geschützt und leicht angreifbar sind. Frontal-Recherchen zeigen: Die Versorgung von Stadtteilen und Dax-Konzernen könnte gefährdet sein.
Der Bund setzt eine Million Euro für Hinweise auf die Täter aus, die für den Stromausfall in Berlin verantwortlich sein sollen. Der Fall wirft Fragen nach der Sicherheit des Stromnetzes auf.
27.01.2026 | 1:25 min
Attentäter hatten in Berlin-Lichterfelde Anfang des Jahres freiliegende Kabel in Brand gesetzt. Zehntausende Haushalte waren fünf Tage ohne Strom. Jetzt zeigen Recherchen von ZDF frontal: Freiliegende Hochspannungs-Kabel an empfindlichen Stellen gibt es auch in anderen Städten. Sie versorgen ganze Stadtteile und auch Dax-Konzerne, etwa ein Mercedes-Werk und einen Standort des Flugzeugbauers Airbus. Derartige Schwachstellen lassen sich in öffentlich zugänglichen Stromnetz-Karten im Internet recherchieren.
Redaktioneller Hinweis: Die besonders verwundbaren Punkte werden an dieser Stelle nur allgemein beschrieben, um keine potenziellen Anschlagsziele zu offenbaren.
Stets sind es Leitungen, die im Stromnetz für die Versorgung besonders wichtig sind: Im Westen etwa bei Köln, im Osten bei Chemnitz und im Norden bei Schwerin und bei Hamburg. Auf Nachfrage von ZDF frontal teilen die zuständigen Netzbetreiber mit, aus Sicherheitsgründen keine weiteren Informationen zu einzelnen Standorten mitteilen zu können.
Nach dem Anschlag auf die zentrale Stromversorgung versank der Berliner Südwesten Anfang Januar im Blackout. Was lief schief im Krisenmanagement der Hauptstadt?
20.01.2026 | 7:53 minExperte fordert besseren Schutz
Professor Kai Strunz von der TU Berlin fordert bei den vom ZDF aufgedeckten Schwachstellen einen besseren baulichen Schutz.
Allen Masten ist gemeinsam, dass da kaum ein baulicher Schutz besteht. Um wirklich gegen Sabotage wirksam zu schützen, bräuchte ich eine sicherlich wesentlich robustere, höhere und brandsichere Einhausung.
Professor Kai Strunz, Technische Universität Berlin
Strunz sieht die Netzbetreiber in der Pflicht, sie seien für den Anlagenschutz zuständig. "Es schleicht sich offensichtlich manchmal eine gewisse Leichtsinnigkeit ein", vermutet Strunz und kritisiert, "dass man gewisse neuralgische Punkte einfach unterschätzt und vielleicht auch - Prinzip Hoffnung - glaubt, dass hoffentlich nichts passiert."
Nach einem Anschlag ist in Teilen Berlins seit Tagen der Strom ausgefallen. Gerade kleine Unternehmen können bei Stromausfall jedoch nicht weiterarbeiten.
06.01.2026 | 1:11 minMontagewerke von Dax-Konzernen betroffen?
In Norddeutschland könnte nach ZDF-Recherchen ein Werk des Flugzeug- und Rüstungskonzerns Airbus betroffen sein. Die Kabel am Hochspannungsmast sind frei zugänglich und baulich nicht geschützt. Airbus will sich dazu nicht äußern, "aus Sicherheitsgründen" teile man "keine sensiblen Informationen zum Schutz unserer Infrastruktur" mit. Auch der zuständige Netzbetreiber hält sich bedeckt, will nichts zu einzelnen Anlagen seines Stromnetzes sagen.
Ähnlich in Süddeutschland, wo ein Werk des Autobauers Mercedes-Benz von einer Hochspannungsleitung versorgt wird. Auch dort ein baulich ungeschützter Strommast mit freiliegenden Kabeln. Mercedes-Benz will sich auf ZDF-Nachfrage nicht äußern. Doch der Verteilnetzbetreiber, dem der Mast gehört, scheint das Problem erkannt zu haben und erklärt, der Mast werde observiert. Und es gebe "Planungen, auch baulicher Natur", um den Strommast zu schützen.
Bundesverband der Energiewirtschaft sieht Handlungsbedarf
Der Bundesverband der Energiewirtschaft (BDEW) reagiert auf die ZDF-Recherchen. Die BDEW-Vorsitzende Kerstin Andreae vertritt auch Verteilnetzbetreiber und verweist auf eine neue Sicherheitslage im Land und sieht Handlungsbedarf.
Die Punkte brauchen einen besseren baulichen Schutz. Wir sind in einer neuen Situation. Man hat vor vielen Jahren nicht mit solchen Anschlagssituationen gerechnet, wie wir sie jetzt gehäuft erleben und vermutlich leider gehäufter erleben werden.
Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft
Ein Versäumnis der Netzbetreiber sieht Andreae nicht und verweist auf die Politik. Der physische Schutz von kritischer Infrastruktur gehöre "ganz oben auf die politische Agenda", so Andreae gegenüber ZDF Frontal. Das sogenannte "Kritis-Dachgesetz" soll den Schutz der kritischen Infrastruktur stärken und diese Woche im Bundestag verabschiedet werden.
Seit dem Anschlag auf einen Strommast nahe der Tesla-Fabrik in Brandenburg tappen die Ermittler im Dunkeln. Wer sind die Brandstifter der "Vulkangruppe"?
23.04.2024 | 10:01 minVon Tesla lernen
Auch ohne das neue Gesetz müssen Netzbetreiber für einen sicheren Betrieb des Stromnetzes sorgen. Wie das aussehen kann, ist am Tesla-Werk bei Berlin zu besichtigen.
Geschützter Mast nahe Tesla-Werk in Grünheide
Quelle: ZDF FrontalDort stand nach einem Brandanschlag auf einen Strommast 2024 das Werk tagelang still. Heute ist der Mast baulich mit hohem Zaun und Nato-Draht geschützt und Videokameras sind installiert.
Sehen Sie die gesamte Recherche heute Abend um 21 Uhr bei ZDF Frontal.
Nach Brandanschlag in Berlin:Keine Chance gegen Vulkangruppe?
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von Johannes LieberVideo1:39Nachrichten | heute journal:Experte kritisiert Krisenmanagement in Berlin
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