Fachkräftemangel: Warum Betriebe auf Studienabbrecher setzen

Abbruch als Chance:Warum Betriebe auf Studienabbrecher setzen

von Jakob Rhein
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Der Fachkräftemangel trifft viele Branchen hart. Oft fehlen auch geeignete Auszubildende. Eine Gruppe junger Menschen rückt deshalb stärker in den Fokus der Betriebe.

Ausbildung in einem Chemielabor in Bayern: Immer mehr Unternehmen werben um Studienabbrecher.

Ausbildung in einem Chemielabor in Bayern: Immer mehr Unternehmen werben um Studienabbrecher.

Quelle: ZDF

Vor vier Jahren geriet Veronika Meindl in eine schwierige Phase. Die heute 23-Jährige studierte damals Chemie an der Universität Bayreuth - mitten in der Corona-Pandemie. Vorlesungen liefen nur online, Begegnungen mit Kommilitonen blieben aus: "Mir hat total die Struktur gefehlt", erinnert sie sich.

Veronika Meindl zieht die Notbremse. Sie bricht ihr Studium ab. "Da waren auch einige Schamgefühle dabei, weil man etwas nicht schafft, was man eigentlich schaffen wollte", sagt sie rückblickend: "Das war mir peinlich." Doch schnell reift in ihr ein neuer Plan: Statt Theorie will sie Praxis - eine Ausbildung soll es sein.

Der Neuanfang gelingt. Heute macht Veronika Meindl beim Labor Friedle im bayerischen Tegernheim eine Ausbildung zur Chemielaborantin. In wenigen Tagen startet sie in ihr drittes Lehrjahr und ist glücklich mit ihrer Entscheidung:

Hier habe ich einen geregelten Arbeitsalltag. Ich mag es praktisch zu arbeiten. Das tut mir gut, auch mental.

Veronika Meindl

Steinmetzlehrling Kai Niklas Kanehl steht vor Grabsteinen auf einem Friedhof. Im Hintergrund arbeiten sein Chef und ein weiterer Lehrling an einer Grabstelle.

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Ein Gewinn für Unternehmen

Vom Studienabbruch rein in die Ausbildung. Für ihren Chef, Geschäftsführer Albrecht Friedle, ist das eine Art Erfolgsrezept: Vier von derzeit sieben Auszubildenden in seinem Betrieb haben zuvor ihr Studium ohne Abschluss beendet. "Menschen, die schon mal Vorlesungen besucht oder Praktika gemacht haben, bringen einfach gute Voraussetzungen für eine Ausbildung mit", sagt er.

Bei Schulabgängern beobachtet der Geschäftsführer dagegen im Schnitt ein geringeres Niveau als noch vor einigen Jahren. Für ihn werde es immer schwieriger, aus dieser Gruppe geeignete Bewerber zu finden:

Da gab es schon welche, die den Dreisatz nicht mal beherrschen. Und das ist schon eine grundlegende mathematische Voraussetzung, um hier tätig zu sein.

Albrecht Friedle, Geschäftsführer Labor Friedle

Studienabbrecher seien in ihrer Entwicklung oft weiter, beobachtet der Geschäftsführer. Und das führt dazu, dass Unternehmen und Betriebe aktiv um sie werben. Immerhin ist diese Gruppe nicht klein. In den vergangenen Jahren lag die Abbruchquote nach Erhebungen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zwischen 25 und 30 Prozent.

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Aktiv werben um Studienabbrecher

"Wir sprechen gezielt Hochschulen an, stellen dort unsere Angebote ein und bitten um Veröffentlichung auf den Plattformen", erklärt Albrecht Friedle. Auch andere Betriebe - etwa die Sparkasse Passau - setzen auf Präsenz bei Messen, um junge Menschen zu erreichen, die mit ihrem Studium hadern und über einen Abbruch nachdenken.

Exakte Daten dazu, wie viele Menschen von einem Studium in eine Ausbildung wechseln, gibt es nicht - dafür aber Anhaltspunkte: Von den 414.000 Ausbildungsbewerbern, die im Juli der Bundesagentur für Arbeit gemeldet waren, gaben gut 18.000 an, vorher oder momentan eine Hochschule oder Akademie zu besuchen. Die absolute Zahl dürfte noch einmal deutlich höher liegen, weil sich nicht alle Bewerber bei der Arbeitsagentur melden.

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Mit Studienabbrechern gegen den Fachkräftemangel

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Trotzdem bleiben nach wie vor viele Ausbildungsstellen unbesetzt. Im vergangenen Jahr waren es knapp 70.000. Vor allem in handwerklichen Berufen werden Fachkräfte gesucht. Ökonom Wohlrabe betont:

Studienabbrecher können an dieser Stelle durchaus eine Teillösung für das Fachkräfteproblem in Deutschland sein.

Klaus Wohlrabe, Ifo-Institut

Voraussetzung sei jedoch, dass Unternehmen auch offen für Abbrecher seien, die länger studiert haben und nicht direkt eine klassische Ausbildung anschließen möchten. Auch solche Bewerber hätten "viele Kenntnisse und Wissen angeeignet" - und seien für bestimmte Jobs im Einzelfall geeignet - auch ohne Abschluss.

Jakob Rhein ist Reporter im ZDF-Studio in Bayern.

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