Doppelmoral bei Leihmutterschaft?:Ethikrat: Probleme bei Kinderwunsch "ins Ausland verlagert"
Das Thema Leihmutterschaft ist mit dem Rücktritt von Jens Spahn in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen - der Ruf nach einer breiten Debatte darüber wird immer lauter.
Jens Spahn tritt nach seinem Skandal rund um die Leihmutterschaft als Unions-Fraktionschef zurück. Doch auch nach seinem Rücktritt bleibt das Thema vieldiskutiert und sorgt für Debatten.
21.07.2026 | 1:32 minDer Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Helmut Frister, fordert eine offene gesellschaftliche Debatte über die Leihmutterschaft. Der Rechtswissenschaftler sagte im Deutschlandfunk:
Wenn man die Debatten nicht führt, wird das Problem latent immer bleiben.
Helmut Frister, Deutscher Ethikrat
"Man sollte diese Debatte führen, und man muss halt dann überlegen, welche Güter sich da gegenüberstehen", sagte Frister weiter.
Nicht nur für gleichgeschlechtliche Paare ein Thema
Das sei auf der einen Seite der unerfüllte Kinderwunsch von nicht nur homosexuellen männlichen Paaren, sondern auch von Frauen, die aus medizinischen Gründen selbst kein Kind austragen könnten. Sie könnten sich diesen Kinderwunsch nur mittels Leihmutter erfüllen.
Nachdem Unions-Fraktionschef Spahn wegen Kritik an seiner Vaterschaft durch eine Leihmutter zurückgetreten ist, berät die CDU über das weitere Vorgehen. Merz deutete eine Kabinettsumbildung an.
20.07.2026 | 0:28 min"Und das ist auch nichts, was ein Lifestyle-Problem wäre, sondern dieser unerfüllte Kinderwunsch ist für viele existenziell und kann das Lebensglück bedrohen", sagte Frister. Auf der anderen Seite müssten zum einen die potenziellen Leihmütter geschützt und zum anderen überlegt werden, was das für das Kindeswohl bedeute.
Ethikrat: Diskussion zeigt Doppelmoral der Gesellschaft
Die Diskussion nach dem Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) zeigt aus Sicht Fristers die Doppelmoral der Gesellschaft. Einerseits sei im Inland nicht nur die Leihmutterschaft verboten, sondern auch die Eizellspende. Andererseits werde sehr großzügig toleriert, insbesondere bei der Eizellspende, dass eben Frauen und Paare ins Ausland gehen, um auf diese Weise ihren Kinderwunsch zu erfüllen.
Es ist ein bisschen so, dass die gesamte Gesellschaft da das Problem ins Ausland verlagert.
Helmut Frister, Deutscher Ethikrat
Ganz unabhängig vom sehr schwierigen Problem der Leihmutterschaft besteht im Bereich der Fortpflanzungsmedizin insgesamt nach den Worten des Ethikrat-Chefs ein deutlicher Modernisierungsstau. "Wir müssen, glaube ich, an das Problem der Eizellspende wirklich ran." Und eine Embryonenspende sei zwar theoretisch möglich, deren Rechtsfolgen seien aber völlig ungeregelt.
Nach dem Rücktritt von Jens Spahn ist die Union auf der Suche nach einem oder einer neuen Fraktionsvorsitzenden. Kandidaten: Alexander Dobrindt, Carsten Linnemann, Nina Warken oder Thorsten Frei.
21.07.2026 | 2:24 minEs gibt also da eine Menge Modernisierungsbedarf.
Helmut Frister, Deutscher Ethikrat
Eine Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Konkret verboten sind die Vermittlung einer Leihmutterschaft und die ärztliche Behandlung sowie das Einsetzen einer Eizelle und die gesamte ärztliche Begleitung des Prozesses. Allerdings machen sich sogenannte Wunscheltern, die eine Leihmutterschaft in Anspruch nehmen, selbst nicht strafbar.
Nach der Debatte um die Leihmutterschaft hat Unions-Fraktionschef Spahn seinen Rücktritt bekannt gegeben. Bundeskanzler Merz hatte ihn zuvor zu diesem Schritt aufgefordert.
18.07.2026 | 2:37 minGrüne: Debatte im Parlament führen
Die Fraktionschefin von Bündnis 90/Die Grünen, Britta Haßelmann, sprach sich im rbb24 Inforadio dafür aus, die Debatte über Leihmutterschaft im Parlament zu führen. Haßelmann verwies auf den Bericht einer Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin, die die Ampelkoalition eingesetzt hatte. Darin werde dem Gesetzgeber empfohlen, Leihmutterschaft in bestimmten Fällen zuzulassen: Die Expertenkommission habe zu den wirklich komplexen Fragen der Eizellspende und Leihmutterschaft Positionen vorgelegt,
und ich fände es wichtig, dass der Bericht nicht in der Schublade verschwindet, sondern wir als Parlament uns den noch mal vornehmen und darüber sprechen.
Britta Haßelmann, Fraktionschefin Bündnis 90/ Die Grünen
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) geht nicht davon aus, dass ihre Partei ihre ablehnende Haltung beim Thema Leihmutterschaft ändern wird. Auf die Frage, ob sich die Position der CDU in naher Zukunft liberalisieren könnte, verwies Prien im Gespräch mit dem Portal Politico auf den verschärften Parteitagsbeschluss vom Februar. Demnach sei nicht nur die gewerbliche, sondern auch die sogenannte altruistische Leihmutterschaft mit dem Werteverständnis der CDU unvereinbar.
Die CDU/CSU-Bundesfraktion entscheidet am 29. Juli in einer Sondersitzung über die Nachfolge von Jens Spahn. Das kündigte Bundeskanzler Merz in einer Sitzung des CDU-Präsidiums an.
20.07.2026 | 0:27 minPrien: Kurskorrektur bei CDU kaum vorstellbar
Eine Kurskorrektur schloss Prien aus: "Das kann ich mir kaum vorstellen." Die CDU-Politikerin zeigte sich aber offen dafür, das Embryonenschutzgesetz und die Altersgrenze von 40 Jahren bei Adoptionen noch einmal unter die Lupe zu nehmen.
Allerdings nicht in so einer aufgeheizten Situation.
Karin Prien (CDU), Bundesfamilienministerin
Die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen in der SPD hat sich beim Thema Leihmutterschaft noch nicht positioniert. Die Meinungsbildung sei noch nicht abgeschlossen, sagte die Co-Vorsitzende Ulrike Häfner den Funke-Zeitungen.
Jens Spahn wurde mithilfe einer Leihmutter in den USA Vater - und stürzte darüber. Die Rekonstruktion: empörte Mails, ein Ultimatum von Merz und eine Lawine aus den eigenen Reihen.
18.07.2026 | 17:45 minLinke: Finanzielles Ungleichgewicht als Aspekt
Auch in der Linksfraktion im Bundestag verweist man auf ein mögliches finanzielles Ungleichgewicht zwischen Leihmutter und den Paaren, die Eltern werden wollen. Die frauenpolitische Sprecherin Kathrin Gebel sieht auch altruistische Varianten kritisch: "Gesundheitliche Risiken, Abhängigkeiten und familiärer Druck" verschwänden nicht automatisch, nur weil offiziell kein Geld fließe, so Gebel.
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