"Expertenregierung" in Sachsen-Anhalt?:Wagenknechts Machtoptionen - drei Szenarien
von Andrea Maurer
Das BSW hat in Sachsen-Anhalt die Fünf-Prozent-Hürde nur knapp übersprungen. Trotzdem könnte Sahra Wagenknecht bei der Regierungsbildung mitmischen. Drei Szenarien.
BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht zeigt sich erneut offen für Gespräche über Regierungsoptionen in Sachsen-Anhalt. Auch mit der AfD will sie reden.
07.09.2026 | 5:05 minSahra Wagenknecht ist gerade wieder das, was sie immer sein wollte: ein Machtfaktor in Sachsen-Anhalt. 5,3 Prozent hat das BSW bei der Landtagswahl geholt - und mischt mit im Ringen um eine Regierung.
Allein das ist für Wagenknecht und ihre Partei wichtig: Sie sind im Gespräch, die anderen müssen mit ihnen reden - und möglicherweise wird das BSW Zünglein an der Waage.
Claudia Wittig, die Spitzenkandidatin des BSW in Sachsen-Anhalt, zur Frage nach der möglichen Unterstützung des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund.
07.09.2026 | 4:13 minDie drei Szenarien mit BSW-Beteiligung
Bei diesen drei Szenarien wäre das BSW mit am Zug:
- Bei einer Koalition mit der AfD
- Bei der Tolerierung einer AfD-Minderheitsregierung
- Bei der Wahl eines überparteilichen Ministerpräsidenten
Das Szenario, über das bisher am meisten diskutiert wurde, funktioniert dabei allerdings nicht. Angenommen, das BSW enthielte sich im dritten Wahlgang - es würde den AfD-Kandidaten Ulrich Siegmund nicht zum Ministerpräsidenten machen.
Enthielten sich alle fünf BSW-Abgeordneten im dritten Wahlgang, bei dem eine einfache Mehrheit reicht, stünden den 39 Stimmen der AfD 39 Stimmen von CDU, SPD, Grünen und Linken gegenüber. Es käme zum Patt. Rein rechnerisch.
Über das geplante Vorgehen der AfD nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die Haltung des BSW zur Regierungsbildung, die bundespolitischen Folgen der Wahl und die Sicht darauf aus dem Ausland.
08.09.2026 | 64:38 minKoalition mit der AfD? Tolerierung?
Nun zu Szenario 1: Koalition. Das BSW hat diese Option ausgeschlossen, obwohl AfD und BSW zusammen eine stabile absolute Mehrheit hätten. Eine Koalition wäre auch politisch für Wagenknecht unattraktiv: Sie wäre ein Mini-Juniorpartner gegenüber einer fast achtmal so starken AfD.
Szenario 2, eine Tolerierung, schließt das BSW hingegen ausdrücklich nicht mehr aus. Der Vorteil: Es könnte außerhalb der Regierung bleiben und trotzdem Einfluss haben. Allein: Die AfD hat das bislang ausgeschlossen.
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt ist eine Sache sicher: Bis zum 6. Oktober müssen die Abgeordneten des Landtags zusammenkommen. Wie es danach allerdings weitergeht, ist noch offen.
08.09.2026 | 1:03 minÜberparteilicher Ministerpräsident?
Szenario 3 wiederum wäre der größte Triumph für das BSW. Es ist das Szenario, mit dem die Partei Wahlkampf gemacht hat: ein überparteilicher Ministerpräsident. Wagenknecht sagt im ZDFheute journal:
Wir halten es immer noch für sinnvoll, dass wir mit den Parteien - und die Einladung gilt auch für die AfD - ins Gespräch kommen, für einen überparteilichen Ministerpräsidenten.
Sahra Wagenknecht, BSW
Und: "Wir machen mit jedem gemeinsame Politik, der bereit ist, Veränderungen durchzusetzen."
Nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ist die Stimmung innerhalb der Bevölkerung gespalten – das Ergebnis wird von den einen als Chance und von den anderen als Gefahr erlebt.
07.09.2026 | 2:08 minBSW und die Idee einer "Expertenregierung"
Die Argumentation: Es wäre aus BSW-Sicht keine so genannte "Allparteien"- oder "Brandmauer-Koalition" gegen die AfD, sondern ein unabhängiger Ministerpräsident, der eine Mehrheit von 42 Stimmen hinter sich versammeln kann und dann ein Kabinett aus Fachleuten berufen würde.
Eine solche so genannte "Expertenregierung" gab es in anderen Ländern wie etwa Italien oder Griechenland bislang nur in Krisenzeiten wie der Finanzkrise. Wie genau sie in Sachsen-Anhalt aussehen soll, hat Wagenknecht offen gelassen. Es geht ihr offenbar vor allem darum, dem Misstrauen gegenüber etablierten Parteien Ausdruck zu verleihen.
„Alles keine guten Aussichten für die Reformvorhaben“: Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt setzt die Bundesregierung zusätzlich unter Druck, sagt ZDF-Korrespondent Mathis Feldhoff.
08.09.2026 | 2:51 minEin hohes Risiko
Auch die Frage, wer dieser überparteiliche Ministerpräsident sein soll, hat das BSW bisher nicht beantwortet. Eine parteilose Person aus Kirche, Recht, Zivilgesellschaft, Kommunalpolitik, Hochschule oder Wirtschaft sei denkbar, heißt es.
Verfassungsrechtlich ist das möglich, denn ein Ministerpräsident muss in Sachsen-Anhalt nicht mal Landtagsabgeordneter sein. Er könnte anschließend Ministerinnen und Minister ernennen.
Aber: Solange niemand weiß, wer diese Person ist, lässt sich schwer abschätzen, ob sich überhaupt eine Mehrheit auf diesen Namen einigen kann. Und: Die Regierung des überparteilichen Kandidaten hätte keine feste parlamentarische Mehrheit. Für Haushalt, Gesetze und Reformen müsste sie jedes Mal Mehrheiten organisieren. Ein hohes Risiko.
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07.09.2026 | 1:57 minSkepsis bei der SPD
Bislang hat sich nur der SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann offen gezeigt für einen überparteilichen Ministerpräsidenten: "Wenn es zur Auflösung einer Blockade führen könnte, sollte man es auch nicht a priori ablehnen." Wechselnde Mehrheiten allerdings lehnt er ab:
Das repräsentative demokratische System und vor allen Dingen unsere Wirtschaft und viele Institutionen brauchen Verlässlichkeit, nicht den Zufall einer Mehrheit.
Armin Willingmann, SPD
Heißt übersetzt: Ein überparteilicher Ministerpräsident wäre für Willingmann vorstellbar - Wagenknechts eigentliches Regierungsmodell mit wechselnden Mehrheiten dagegen nicht.
Lars Klingbeil (SPD) will sich dafür einsetzen, dass Deutschland weltoffen bleibe. Dafür stehe die SPD. Man müsse jetzt abwarten, wie das Wahlergebnis am Ende konkret aussehe.
06.09.2026 | 3:15 minAfD pocht auf Siegmund
Auch die AfD hat sich schon zu Wagenknechts Regierungsmodell klar positioniert: mit einem klaren Nein. Ulrich Siegmund bezeichnet es als "Gewurschtel". Und auch AfD-Parteichef Tino Chrupalla war eindeutig:
Für uns kann es nur einen Ministerpräsidenten Ulrich Siegmund geben.
Tino Chrupalla, AfD
Wagenknechts Lieblingsmodell hat also ein grundsätzliches Problem: Fast alle Parteien müssten sich bewegen. Es ist ein Szenario, das erst am Ende eines langen Ringens um Sachsen-Anhalts Regierungsfähigkeit eine Rolle spielen könnte - und trotzdem extrem unwahrscheinlich ist.
Die Gespräche zwischen den Parteien in Sachsen-Anhalt beginnen jetzt. Ende offen.
Andrea Maurer ist Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio.
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