Ausreisen im Ukraine-Krieg: Das Dilemma der jungen Wehrfähigen

Ausreise junger Männer:Die Ukraine und das Dilemma der jungen Wehrfähigen

von Katja Belousova und Joachim Bartz

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Nach einer Ausreiselockerung haben Zehntausende junge Männer die Ukraine verlassen. Daran gibt es Kritik. Was heißt das für die Ukraine? Und was sagen Betroffene?

Junge Ukrainer im sächsischen Freiberg.

Im August 2025 lockerte die Ukraine die Ausreiseregeln für wehrfähige Männer. Seither haben viele Ukrainer im Alter von 18 bis 22 Jahren das Land verlassen - auch in Richtung Deutschland.

31.03.2026 | 9:24 min

Es ist eine Mischung aus Aufbruch und Schmerz, die der junge Ukrainer Anton empfindet, wenn er über seine aktuelle Situation spricht: Auf der einen Seite freut sich der Kameramann darüber, in Deutschland zu leben, und hofft, hier weiterlernen zu können. Andererseits treibt ihn die Sorge um seine Eltern um.

"Wissen Sie, ich kann nicht sagen, dass ich nur froh bin, hier zu sein", erzählt er im Interview mit ZDF frontal. Denn innerlich empfinde er auch Schmerz - vor allem wenn er sich frage:

Warum bin ich jetzt hier, während meine Eltern dort in Gefahr sind und unter Beschuss stehen?

Anton, Ukrainer in Freiberg

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31.03.2026 | 10:16 min

Ausreise für junge Ukrainer gelockert

Dass Anton seit Herbst in Deutschland ist und heute im sächsischen Freiberg lebt, hat vor allem einen Grund: eine Gesetzesänderung in der Ukraine. Seit August 2025 dürfen wehrfähige Männer im Alter zwischen 18 und 22 Jahren das Land verlassen. Vorher war das aufgrund der russischen Invasion nur in Ausnahmen möglich.

Die Regierung begründet die Gesetzeserleichterung unter anderem damit, dass die jungen Männer Erfahrungen im Ausland sammeln sollen - die künftig der Ukraine zugutekommen sollen. Das sei auch sein Ziel, erklärt Anton.

Im Zuge der Ausreiselockerung zogen allein nach Sachsen mehr als 1.500 ukrainische Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren. Darunter nicht nur Anton, sondern auch seine Freunde Pavlo und Bogdan. Er lernte sie in Freiberg kennen.

Immer weniger Männer wollen an die Front

"Es gibt viele Faktoren, warum Menschen ausreisen", antwortet Pavlo auf die Frage, warum er gegangen sei. "Erstens der Krieg selbst. In großen Städten gibt es ständigen Beschuss, Lebensgefahr."

Und auch Faktoren wie Arbeitslosigkeit und zerstörte Infrastruktur spielen eine Rolle.

Pavlo, Ukrainer in Freiberg

"Täglich gibt es Beschuss, jeden Tag lebt man in Angst, ständig schaust du aus dem Fenster, ständig schlagen Raketen ein", ergänzt Bogdan. Ein normales Leben sei unter diesen Umständen nicht möglich.

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Schätzungen gehen davon aus, dass in den Monaten nach der Gesetzesänderung etwa 100.000 junge Menschen die Ukraine verlassen haben sollen - und das mitten im Krieg, während immer weniger Männer in an die Front wollen gegen den Angreifer aus Russland.

Wie ernst die Situation ist, offenbarte der neue ukrainische Verteidigungsminister Mikhailo Fedorov im Januar: Zahlreiche Männer würden sich illegal ihrer Einberufung entzögen, erklärt er im Parlament: Nach zwei Millionen werde deshalb gefahndet. Zudem seien 200.000 Soldaten desertiert.

Ausreiselockerung in der Ukraine umstritten

Weil Anton und seine Freunde unter 25 Jahren sind, sind sie noch nicht wehrpflichtig. Freiwillig hätten sie sich aber zur Armee melden können. Doch das tun immer weniger Männer.

"Wenn man die Entscheidung eines Zivilisten vergleicht - im Jahr 2022, 23 und heute - unterscheidet sie sich deutlich. Damals verspürten viele eine starke Notwendigkeit, die Ukraine zu verteidigen - ohne groß darüber nachzudenken, welche Aufgaben sie im Militär übernehmen würden. Heute trifft eine Person die Entscheidung viel bewusster", berichtet ein Offizier des Asow-Bataillons in einem Rekrutierungszentrum in Kiew.

Die Ausreise der jungen Männer ist auch deshalb umstritten in der Ukraine. Laut einer Umfrage vom November ist die überwiegende Mehrheit der Bürger in der Ukraine (63 Prozent) davon überzeugt, dass die Auswanderung von Ukrainern ins Ausland dem Land schade.

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Demograf sieht negative Auswirkungen

"In unserer aktuellen Situation ist jede Ausreise ohne Rückkehr negativ: negativ für die demografische Lage", erklärt der ukrainische Bevölkerungsforscher Oleksander Glagun von der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Kiew.

Selbst wenn diese jungen Männer nicht in den Krieg eingezogen werden, unterstützen sie den Staat durch ihre Arbeit, durch Steuern. Das ist wirtschaftliche Unterstützung des Kriegs.

Oleksander Glagun, Demograf an der Nationalen Akademie der Wissenschaften

Und nicht nur in der Ukraine wird die Gesetzesänderung debattiert. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) äußerte sich immer wieder dazu, im November erklärte er in Richtung Wolodymyr Selenskyj: "Ich habe ihn gebeten, dafür zu sorgen, dass diese jungen Männer im Land bleiben, weil sie im Land gebraucht werden und nicht in Deutschland." Im Januar wiederholte Friedrich Merz die Forderung:

Die Ukraine muss sicherstellen, dass sich ihre jungen Männer dann auch in den Dienst einer sicheren und wirtschaftlich gesunden Ukraine stellen, statt nach Deutschland, nach Polen, nach Frankreich auszureisen, so wie wir es gegenwärtig erleben.

Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler am 06 Januar 2026 in Paris

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Was denken junge Ukrainer über die Kritik von Merz?

Was sagen die jungen Ukrainer in Freiberg zur Aussage, dass sie nicht in Deutschland gebraucht würden - sondern in der Ukraine? "Ich verstehe sie natürlich, aber in erster Linie geht es mir um meine Sicherheit. In erster Linie bin ich hergekommen, weil es hier sicher ist", sagt Bogdan im Gespräch mit ZDF frontal.

"Es ist nicht an mir, zu entscheiden, ob er Recht hat. Es ist seine Meinung, und ich respektiere sie", ergänzt Anton - und wendet ein: "Ich würde sagen, dass an der Front Spezialisten gebraucht werden."

Der beste Soldat ist derjenige, der aus eigenem Antrieb geht.

Anton, Ukrainer in Freiberg

"Ich bin der Meinung, dass ich, wenn ich eine Spezialisierung erwerbe, als Experte, als Fachmann auf meinem Gebiet, dann mehr Nutzen bringen kann als derzeit", erklärt der mittlerweile 23-Jährige.

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Kampf für die Ukraine - an der Kulturfront

Obwohl Anton kein kampferprobter Soldat ist, weiß er, wie es an der Front aussieht: Er hat einen Film gemacht und als Kameramann in Hostomel, Irpin und Butscha gedreht, hat Interviews geführt mit Bewohnern dieser Orte, wo russische Soldaten Kriegsverbrechen begangen haben.

Den Menschen in Deutschland will er erzählen und zeigen, was er gesehen hat. Auch Anton sieht sich im Kampf an der Front für die Ukraine. Er nennt es: die Kulturfront.

Mitarbeit: Igor Herasko

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Über dieses Thema berichtete ZDF frontal am 31.03.2026 in den Beiträgen "Debatte um Ausreisen von jungen Ukrainern nach Deutschland" um 12:22 Uhr und "Ukraine: Das Dilemma junger Wehrfähiger" um 12:29 Uhr.

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