Ukraine-Krieg: Experte erklärt, wo Russland verwundbar bleibt

Interview

"Das Beste, was die Ukraine machen kann":Wie ukrainische Drohnen Moskau unter Druck setzen

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Massive ukrainische Drohnenangriffe bis nach Moskau zeigen Wirkung. Ein Militärexperte erklärt, warum die Ukraine aktuell erfolgreicher ist - und wo Russland verwundbar bleibt.

Militärexperte Fabian Hoffmann. Im Hintergund ist eine Landkarte, auf der die Ukraine und Russland farbig markiert sind.

Mit Langstreckendrohnen können die Ukrainer Ziele tief in Russland treffen. Entscheidend sei die Masse an Waffen, so Militärexperte Hoffmann. Russland müsse weiter mit solchen Angriffen rechnen.

21.05.2026 | 17:01 min

Die Ukraine greift zunehmend Ziele tief in Russland an und setzt Moskau damit unter Druck. Neue Mittel und strategische Anpassungen zeigen Wirkung. Im Interview mit ZDFheute live erklärt Militärexperte Fabian Hoffmann die Hintergründe.

Sehen Sie das Interview mit Fabian Hoffmann oben in voller Länge oder lesen Sie es hier in Auszügen.

Experte: Ukrainische Rüstungsproduktion setzt auf Masse

Die jüngsten Erfolge Kiews im Krieg gegen Russland führt Hoffmann vor allem auf veränderte Angriffsmuster zurück. Mit Langstrecken-Drohnen, die eine Reichweite von bis zu 2.000 Kilometern haben, könne das ukrainische Militär auch Ziele in Moskau oder tiefer im russischen Hinterland treffen. Das ermögliche der Ukraine, dort auch sensible russische Infrastruktur zu beschädigen.

ZDF-Reporter Sebastian Ehm und Dara Hassanzadeh

Für die Menschen in Russland seien die Angriffe psychologisch ein heftiger Schlag. In der Ukraine verfolgten die Menschen die Ereignisse genau, so unsere Reporter bei ZDFheute live.

21.05.2026 | 14:43 min

Entscheidend sei dabei die hohe Stückzahl, die dank massiv gesteigerter Produktionskapazitäten zur Verfügung stehe. "Die Ukraine hat über die letzten zwei Jahre die Produktion von Langstrecken-Drohnen und Mini-Marschflugkörpern enorm hochgeschraubt", so Hoffmann. Von "mehreren hundert pro Monat" sei man auf "viele tausende pro Monat" gekommen. Dies sei auch der finanziellen Unterstützung aus Deutschland, Norwegen und anderen Staaten zu verdanken.

Es kommen mittlerweile so viele ukrainische Drohnen und Marschflugkörper angeflogen, dass die russische Flugabwehr sich enorm schwer damit tut.

Fabian Hoffmann, Militärexperte, Oslo Nuclear Project der Universität Oslo

Mit einem Preis von 20.000 bis 50.000 Euro pro Stück seien die Langstreckendrohnen zudem "deutlich günstiger als die millionenschweren Marschflugkörper oder ballistische Raketen". Auch deshalb könne die Ukraine es sich erlauben, viele der Drohnen gleichzeitig einzusetzen. Die Masse erhöhe die Trefferwahrscheinlichkeit selbst bei einer robust aufgebauten Flugabwehr.

… ist Waffenexperte beim Oslo Nuclear Project an der Universität Oslo. Sein Forschungsschwerpunkt sind Raketentechnologien, Nuklearstrategien sowie Verteidigungspolitik. In seiner Doktorarbeit beschäftigt sich Hoffmann mit den Auswirkungen nuklearer Langstreckenwaffen sowie die Strategien der Atommächte. Zuvor war Hoffmann Mitarbeiter am International Institute for Strategic Studies (IISS) in Berlin. Er studierte War Studies und Internationale Beziehungen.


Russische Luftabwehr laut Experte lückenhaft

Russland hat laut Hoffmann gleichzeitig mit strukturellen Problemen zu kämpfen. Besonders die Flugabwehr habe in den letzten fünf bis sechs Monaten sensible Schäden genommen, so Hoffmann.

Es wurden Startrampen, Radare, andere Infrastruktur für die Flugabwehr systematisch zerstört.

Fabian Hoffmann, Militärexperte, Oslo Nuclear Project der Universität Oslo

Jahrelang sei die große Fläche Russlands ein strategischer Vorteil gewesen, unter anderem weil wichtige Infrastruktur tiefer im Hinterland sicherer war. Doch nun müssten weniger verfügbare Flugabwehrsysteme auf weitere Räume verteilt werden. "Und das kreiert natürlich größere Lücken, was die Ukraine danach ja auch ausnutzen kann und das zurzeit auch sehr, sehr effektiv tut", erklärt Hoffmann.

Schaltgespräch zwischen Gustav Gressel und Marietta Slomka

"Dementsprechend öffnen sich immer neue Möglichkeiten für die Ukraine, russische Industrie zu treffen", so Militärexperte Gustav Gressel.

15.05.2026 | 5:18 min

Zudem gebe es Anzeichen dafür, dass auch in Russland Flugabwehrraketen knapp seien. Russland müsse nachproduzieren und dabei priorisieren, wofür begrenzte Ressourcen wie Mannstärke, Industrie und Materialien eingesetzt werden. "Die Kriegswirtschaft arbeitet auf Hochtouren", sagt Hoffmann.

Experte: Ukraine sollte Druck auf Front und Wirtschaft aufbauen

Diese Schwächen könne die Ukraine gezielt nutzen, so der Militärexperte. "Ich denke, es ist eine Abnutzungsstrategie." Dabei gehe es nicht nur um militärische Erfolge an der Front. "Das Beste, was die Ukraine derzeit machen kann, ist, die russischen Streitkräfte sowohl an der Frontlinie abnutzen (...) und gleichzeitig die russischen Kapazitäten tief im Hinterland abnutzen", sagt Hoffmann.

Man geht auf die Industrie, man geht auf die Wirtschaft.

Fabian Hoffmann, Militärexperte, Oslo Nuclear Project der Universität Oslo

Ziel sei es, die Versorgung und Finanzierung des Krieges zu treffen. Wird militärisches Material bereits bei der Herstellung oder beim Transport zerstört, könne es überhaupt nicht an die Front gelangen. Zudem könne die Ukraine mit Angriffen auf die russische Energieinfrastruktur die Einnahmen aus Öl und Gas treffen.

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"Dann wird dadurch natürlich auch das russische Kapital, die Finanzen zur Kriegsführung, vermindert", so Hoffmann. Nach Einschätzung des Experten könnte genau diese Kombination aus militärischem und wirtschaftlichem Druck entscheidend werden.

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