Politologin zu US-"Friedensplan":"Europäer haben sich nicht mit Ruhm bekleckert"
Die USA legen einen "Friedensplan" vor - und was sagt die Welt dazu? Politikwissenschaftlerin Deitelhoff ordnet bei ZDFheute live europäische und chinesische Reaktionen ein.
Es gäbe keine Einigkeit der Europäer darüber, was genau man von beiden Seiten verlangen solle, betont Friedensforscherin Nicole Deitelhoff.
21.11.2025 | 26:16 minDie USA haben einen 28-Punkte-Plan zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine erarbeitet, wohl mit russischer Unterstützung. Hat dieser Vorschlag Aussicht auf Erfolg? Die Europäer waren in die Erarbeitung des Papiers nicht eingebunden, wurden von ihm überrascht.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigte sich in einer ersten Reaktion nicht begeistert. Er schwor sein Volk auf "einen der schwierigsten Momente unserer Geschichte" ein und sprach von "härtestem Druck" auf sein Land. US-Präsident Donald Trump hat ihm eine Frist bis zum kommenden Donnerstag gesetzt.
Über die jüngsten Entwicklungen sprach die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff im Interview mit ZDFheute live. Sehen Sie oben im Video das ganze Gespräch oder lesen Sie es hier in Auszügen.
Das sagt Nicole Deitelhoff über ...
... die Verhandlungsposition Russlands
Deitelhoff ist der Überzeugung, dass sich Russland "in einer Position der Stärke" sieht. Sie machten Fortschritte an der Front und noch dazu sei die Ukraine geschwächt durch den Korruptionsskandal, der bis in Präsident Selenskyjs Umfeld reiche. Der US-Plan "spielt genau in Putins Hände", schätzt sie ein. Dieser sei ein "neokolonialer Plan", bei dem sich zwei Großmächte ein Land inklusive dessen Ressourcen einverleibten.
"Für die USA ist immer etwas drin", sagt ZDF-Korrespondentin Heike Slansky.
21.11.2025 | 4:19 min
Zunächst müsse Russland beweisen, dass es sich an Verträge hält. Dies passiere normalerweise mit kleinen Aspekten und nicht mit einem umfangreichen Friedensplan, "wo es einfach so viele Gelegenheiten und Möglichkeiten gibt, den zu verletzen", sagt die Politikwissenschaftlerin.
Für sie sei der "einzig plausible Weg" zu einem belastbaren Abkommen, dass man mit einem Punkt anfange, sehe, ob sich beide Seiten daran halten, und von da aus weitergehe.
Putin wählt seine Worte gezielt. Indem er den Vorschlag allein Trump zuschreibt, öffnet er Kiew eine diplomatische Tür. So könne die Ukraine verhandeln, sagt Moskau-Korrespondent Armin Coerper.
21.11.2025 | 4:02 min... den möglichen Einfluss Europas und einen europäischen Friedensplan
Der Plan könne nicht aufgehen, wenn nicht alle Nato-Staaten sowie die europäischen Partner zustimmen, sagt Nicole Deitelhoff. "Ohne sie geht es gar nicht, denn viele der Regelungen bedingen tatsächlich deren Zustimmung."
Im US-"Friedensplan" für die Ukraine sind unter anderem Gebietsabtretungen vorgesehen. "Das ist natürlich bitter für die Ukraine", so ZDF-Korrespondentin Heike Slansky.
21.11.2025 | 2:41 minDer US-"Friedensplan" beinhalte zum Beispiel, dass die Nato weder die Ukraine noch sonst ein weiteres Land aufnehmen dürfe. Die EU wiederum solle der Aufnahme der Ukraine zustimmen und 100 Milliarden in den Wiederaufbau des Landes investieren.
Von daher ist noch eine Rolle für die Europäer vorgesehen.
Nicole Deitelhoff, Politikwissenschaftlerin
Die Politikwissenschaftlerin schätzt ein, dass sich die Lösung "irgendwo in der Mitte und wahrscheinlich eher Richtung USA als Europa" befindet.
Daran werden die Europäer nicht rütteln können, weil sie einfach nicht kraftvoll genug auftreten können. Aber das, was momentan in diesen 28 Punkten steht, ist ohne sie auch nicht möglich.
Nicole Deitelhoff, Politikwissenschaftlerin
Das Problem mit einem europäischen Friedensplan sei, dass die EU-Mitgliedsländer uneinig seien, welche Bedingungen sie stellen wollen. Man traue sich nicht, "auch von der Ukraine schmerzhafte Konzessionen zu verlangen".
Es ist vollkommen klar, dass Russland die moralische und die politische Verantwortung trägt, aber um zu einem Frieden zu gelangen, müssen beide Seiten aufeinanderzugehen, sonst ist es kaum möglich, in einer solchen Konstellation zu Frieden zu kommen. Und da muss man leider sagen, haben die Europäer sich bislang nicht mit Ruhm bekleckert.
Nicole Deitelhoff, Politikwissenschaftlerin
Bis Donnerstag soll die Ukraine dem sogenannten "Friedensplan" der USA zustimmen. Andernfalls könnte Selenskyj Trump als Verbündeten im Krieg gegen Russland verlieren.
21.11.2025 | 3:46 min... zur Rolle Chinas
Peking äußere eine generelle Zustimmung zu "ernsthaften diplomatischen Bemühungen", sagt Nicole Deitelhoff und bezieht sich auf Berichte von Al Jazeera. Bei den konkreten Punkten des US-"Friedensplans" übe China wohl große Zurückhaltung. "Da muss man einfach sagen, das passt in das Muster, das wir von China aus den letzten dreieinhalb Jahren kennen."
China begrüßt diplomatische Initiativen, will sich aber selbst nicht zu weit hineinbegeben, will sich nicht wirklich verpflichten, daran mitzuwirken und hält sich gerade, was die Substanz von solchen Initiativen angeht, immer sehr zurück.
Nicole Deitelhoff, Politikwissenschaftlerin
China habe laut Deitelhoff "kein gesteigertes Interesse" daran, dass der Krieg in der Ukraine aufhöre. Peking sei "ganz zufrieden" damit, dass die Ukraine amerikanische und europäische Ressourcen binde.
Gleichzeitig positioniere man sich in der Weltordnung neu und überlege, wie man in der Causa Taiwan weiter vorgehen möchte.
Das Interview führte Christopher Wehrmann.
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