Merz und Macron: Erwachen der deutsch-französischen Freundschaft?

Deutsch-französische Freundschaft:Merz und Macron - wo es knirscht zwischen Berlin und Paris

von Sara Pipaud, Paris

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Händedruck, große Worte, alte Konflikte: Friedrich Merz und Emmanuel Macron wollen Europas Motor sein. Doch zwischen Mercosur, Rüstung und Trump bleibt das Verhältnis fragil.

Emmanuel Macron und Friedrich Merz schütteln sich die Hände.

Wie steht es um die deutsch-französische Freundschaft? Noch vor knapp neun Monaten gaben sich Merz und Macron freundschaftlich - doch das Verhältnis ist wackelig.

Quelle: ddp

Herzliche Begrüßungen, entspanntes Lächeln, ein nahezu freundschaftlicher Umgang. So wirkt es zwischen dem französischen Präsidenten Macron und Bundeskanzler Merz seit seinem Antrittsbesuch vor knapp neun Monaten. Nach dem kühleren, sachlichen Verhältnis zwischen Ex-Kanzler Olaf Scholz und Macron scheint die freundschaftliche Ebene der deutsch-französischen Beziehung wiederbelebt. Doch wie eng ist dieses Verhältnis wirklich jenseits von Gesten und Symbolik?

Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Vor Monaten feierten Bundeskanzler Merz und Präsident Macron ein wiederbelebtes deutsch-französisches Verhältnis. Nun gibt es Zwietracht, etwa beim Projekt des gemeinsamen Superkampfjets FCAS.

29.01.2026 | 2:11 min

Gemeinsam für Europa

Beim EU-Sondergipfel in Brüssel wirkte ihr Verhältnis sachlich koordiniert: Mit unterschiedlichen Worten, aber ohne öffentlichen Widerspruch und gemeinsam für Europa. Dabei aber weniger kumpelhaft als beim deutsch-französischen Ministerrat im Sommer in Toulon. Dort betonten sie Schulter an Schulter, eine gemeinsame Agenda schaffen zu wollen.

Mitarbeiterin des Bi-Bus bringt Kindern französisch nah

Jedes Jahr im Januar wird der Tag der deutsch-französischen Freundschaft gefeiert. Die soll nicht nur auf politischer Ebene, sondern auch interkulturell gefördert werden. Ein wichtiger Faktor dafür: Das Erlernen der Sprache.

22.01.2026 | 1:59 min

Mercosur: Gemeinsamer Markt, gegensätzliche Interessen

In Sachen Mercosur-Abkommen - dem Freihandelsabkommen, das die EU mit vier südamerikanischen Ländern verhandelte - zeigen sich die unterschiedlichen Interessen deutlich. Deutschland gilt als wichtigster Befürworter. Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft ist das Abkommen ein strategisches Mittel, um gegen die zunehmende Handelsaggression der USA unter Donald Trump zu reagieren. Frankreich hingegen zeigt klare Kante zum Schutz seiner Landwirte.

Landwirte aus Paris protestieren auf der Staße mit ihren Traktoren. Mitten auf der Straße liegt ein brennender Baum.

In Paris protestierten Landwirte erneut gegen das Mercosur-Abkommen. Mit Traktoren blockierten sie Straßen, um vor südamerikanischer Billigkonkurrenz und Folgen für die Landwirtschaft zu warnen.

13.01.2026 | 0:22 min

Rüstung und FCAS: Europas Souveränität

Auch in Verteidigungsfragen sind sich beide Länder nicht einig. Mit dem Luftkampfsystem FCAS sollte ein gemeinsamer Sicherheitsschirm der Verteidigung entstehen, um die europäische Souveränität zu stärken. Doch Industrieinteressen und Führungsfragen, die beide Länder beanspruchen, bremsen das Projekt. Der französische Rüstungskonzern Dassault beansprucht die Leitung, das europäische Airbus-Unternehmen fordert Gleichberechtigung. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hatte eine Entscheidung bis Ende 2025 angekündigt - bislang ohne Ergebnis.

FCAS

Das Zukunftsprojekt FCAS, ein europäischer Kampfjet, steht auf der Kippe. Airbus und das französische Unternehmen Dassault streiten sich über die Führung, Arbeitsteilung und das Design.

17.12.2025 | 2:17 min

Kooperation einerseits - und Abgrenzung auf der anderen

Auf internationaler Bühne präsentieren sich Merz und Macron oft geschlossen. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos traten sie rhetorisch eng abgestimmt auf. Unterschiede zeigen sich jedoch im Umgang mit den Zoll-Drohungen der USA. Macron betont selbstbewusst, sich nicht der "Macht des Stärkeren" zu beugen, während Merz deeskalierend beschwichtigt und die transatlantischen Beziehungen wahren will.

Einig sind sie bei der Mitgliedschaft in vom US-Präsidenten Trump gegründete und geleitete "Board of Peace" - einem zwischenstaatlichen Friedensrat: Weder Frankreich noch Deutschland werden teilnehmen. Auch in der Unterstützung der Ukraine setzen beide auf enge Zusammenarbeit.

Nuuk in Grönland im Schnee

Europäische Soldaten machen eine Erkundungsmission in Grönland, auch Frankreich ist beteiligt. Welchen Zweck hat diese Mission für Frankreich und wie ist Macrons Verhältnis zu Trump?

15.01.2026 | 3:09 min

Zwei politische Kulturen, ein gemeinsamer Anspruch

Historikerin Hélène Miard-Delacroix von der Sorbonne mahnt zur Einordnung. Die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich seien weder neu noch überraschend. Vielmehr hätten sich die politischen Kulturen beider Länder historisch unterschiedlich entwickelt.

Die Rollenverteilung ist verankert in dem Statusunterschied früher und in dem Machtunterschied heute, und das haben die bisherigen Tandems mehr oder weniger gut organisiert

Hélène Miard-Delacroix / Universität Sorbonne

Unterschiedliche Systeme - und Tempo

Politikwissenschaftler Jacob Ross von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik verweist auf die unterschiedlichen politischen Systeme: Frankreich gelte als flexibel, schnell und improvisationsfähig. Der Präsident könne in Krisen rasch handeln. In Deutschland dagegen sei der Kanzler stärker eingebunden und auf Abstimmungen mit Ministerien und Parlament angewiesen.

Fahnen von Deutschland, Frankreich und EU

Französisch - die Sprache des Nachbarlands. Doch an deutschen Schulen wird sie immer seltener gewählt. Was sagt das über die deutsch-französische Freundschaft zum Jahrestag des Élysée-Vertrags?

22.01.2026 | 3:13 min

Laut Historikerin Miard-Delacroix zeige sich außenpolitisch zudem Bewegung:

Vor einigen Jahren hat die Bundesrepublik systematisch negativ geantwortet, als die Franzosen von europäischer Souveränität gesprochen haben.

Hélène Miard-Delacroix / Universität Sorbonne

Deutsche und Franzosen hätten den Begriff der Souveränität unterschiedlich verstanden. Nun nähere sich Merz aber langsam der französischen Position an.

Es ist eine raue Zeit. Insofern ist es wichtig zu wissen, dass man nahe Freunde hat und dass man Vertrauen haben kann.

Hélène Miard-Delacroix / Universität Sorbonne

Zusammenrücken angesichts der US-Politik

Diese Annäherung sei mit Blick auf die USA notwendig, betont Experte Ross.

Sein Fazit zur bisherigen Zusammenarbeit von Kanzler und Präsident fällt nüchtern aus: Trotz zahlreicher Treffen sei bei zentralen Themen bislang wenig umgesetzt worden, etwa beim Mercosur-Abkommen, beim Umgang mit eingefrorenen russischen Vermögenswerten oder bei der Frage möglicher Gespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Man muss alles versuchen, um eine geschlossene europäische Position hinzubekommen mit Blick auf Trump und so schnell wie möglich.

Jacob Ross / Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

SGS Börse Zimmermann

Europas Wettbewerbsfähigkeit stärken ist das Ziel der E6-Runde. Deutschland, Frankreich und weitere wollen vorangehen, erklärt Stephanie Barrett, beim Ermöglichen von mehr Dynamik.

27.01.2026 | 1:37 min

In der Bevölkerung lebt die deutsch-französische Freundschaft

Miard-Delacroix und Ross betonen jedoch beide, die deutsch-französische Freundschaft habe nichts von ihrer Bedeutung verloren. Trotz politischer Differenzen werde sie weiterhin von der Bevölkerung getragen. Etwa durch deutsch-französische Jugendprogramme, bei denen die Teilnehmerzahlen zuletzt wieder leicht gestiegen sind. Unter Friedrich Merz und Emmanuel Macron zeigt sich, dass diese Partnerschaft sowohl durch symbolische Gesten als auch von strategischer Notwendigkeit geprägt ist.

Zwischen den Zivilgesellschaften, zwischen den Parlamenten, an vielen Stellen sind auch Ehrenamtliche, die die deutsch-französische Beziehung mit viel Herzblut am Laufen halten

Jacob Ross / Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

Gemeinsame Verteidigungspolitik
:Befeuert Trump die deutsch-französische Freundschaft?

Trump brüskiert Nato-Verbündete, verunsichert Europa. Forderungen, dass sich Europa von den USA emanzipieren muss, werden lauter. Schweißt das Berlin und Paris zusammen?
von Susanne Freitag-Carteron
mit Video2:47
US-Präsident Donald Trump blättert in einem Buch über die Erfolge seiner Regierung, aufgenommen am 20.01.2026 in Washington (USA)
Über dieses Thema berichtete die Sendung heute in europa am 29.01.2026 ab 16:00 Uhr.

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