Mercosur: Der lange Weg zum Abkommen

Freihandel mit südamerikanischen Staaten:Mercosur: Der lange Weg zum Abkommen

Andreas Stamm, ZDF-Umweltreporter

von Andreas Stamm

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Was lange währt, wird endlich gut, dürften die Befürworter sagen - ein Ende mit Schrecken, die Gegner. Der Weg für das Handelsabkommen zwischen der EU und Mercosur ist frei.

Eine Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten hat heute dem Mercosur-Abkommen zugestimmt. Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen entsteht so die größte Freihandelszone der Welt.

Mit dem Mercosur-Abkommen zwischen der EU und Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay entsteht die größte Freihandelszone der Welt. Andreas Stamm berichtet.

09.01.2026 | 1:05 min

Es war schon fast ein Running Gag auf den Korridoren der Macht in Brüssel: "Wann kommt Mercosur?" Ein Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den südamerikanischen Mercosur-Staaten, diese Idee wurde 1999 aufgegriffen und in zahllosen Verhandlungsrunden und Gesprächen geformt.

Im vergangenen Jahr dann die Einigung auf einen Vertragstext auf beiden Seiten, doch dann ging es in der EU nochmal richtig zur Sache.

Das Europaparlament forderte Nachbesserungen, einige Mitgliedstaaten forderten Ähnliches oder lehnten das Abkommen grundsätzlich weiter ab, allen voran Frankreich, Polen und Italien.

Mercosur-Durchbruch war vor Weihnachten erwartet worden

Auf dem EU-Gipfel im Oktober verkündete Bundeskanzler Friedrich Merz nach einer Nachtsitzung einen Durchbruch, musste dann aber zurückrudern.

Die Infografik zeigt eine Südamerika-Karte, auf der die Mercosur-Staaten hervorgehoben sind. Mercosur ist eine seit 1995 bestehende Wirtschaftsgemeinschaft. Mitglieder sind Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Zudem gibt es assoziierte Mitglieder ohne Stimmrecht: Bolivien, Chile, Ecuador, Guyana, Kolumbien, Peru und Suriname.

Auf dem folgenden Gipfel kurz vor Weihnachten saßen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa auf gepackten Koffern, wollten vor Heiligabend noch in Brasilien den Vertrag unterzeichnen. Pustekuchen, die Einigung nochmal vertagt, "heilige Sch***e", entfuhr es da einigen Diplomaten.

Der italienische Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida (links) begrüßt Kollegen vor einem Treffen mit EU-Landwirtschaftsministern zum Mercosur-Abkommen.

Eine Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten hat heute dem Mercosur-Abkommen zugestimmt. Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen entsteht so die größte Freihandelszone der Welt.

09.01.2026 | 1:36 min

Ein europäischer Deal

Damit eine Mehrheit der EU-Staaten zustimmen konnte, hatte die EU-Kommission weitere Zugeständnisse gemacht.

Die Schutzklauseln wurden nochmals verschärft, falls zu viel Rindfleisch aus Südamerika in den EU-Binnenmarkt drängen sollte. Zusätzlich wurden Mittelauszahlungen in Höhe von 45 Milliarden Euro für Europas Bauern vorgezogen.

Seit 1999 liefen die Verhandlungen über das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen und der südamerikanischen Gemeinschaft Mercosur. Der gehören Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay sowie bald Bolivien an.

Nun entsteht die größte Freihandelszone der Welt mit 32 Ländern und einem Binnenmarkt mit mehr als 700 Millionen Konsumenten. Zusammen ist man für gut 17 Prozent der Weltwirtschaftsleistung und 31 Prozent der globalen Exporte verantwortlich. Laut EU-Kommission können durch das Abkommen die jährlichen EU-Exporte in den Mercosur um bis zu 39 Prozent steigen und 440.000 Jobs in der EU entstehen.


Am Ende gelang es, Italien zu überzeugen, damit stand die Mehrheit. Frankreich und andere wurden überstimmt. Wo sich zeigt, mit welch harten Bandagen gekämpft wird. Denn trotz des Neins aus Paris, obwohl man überstimmt wurde, will die Opposition nun die französische Regierung stürzen. Europa, kompliziert und anstrengend.

Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen stimmen die EU-Mitgliedsländer mehrheitlich dem Mercosur-Abkommen zu. Frank Bethmann berichtet.

Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen stimmen die EU-Mitgliedsländer mehrheitlich dem Mercosur-Abkommen zu. Die Bedeutung des Abkommens für die deutsche Wirtschaft analysiert Frank Bethmann.

09.01.2026 | 1:06 min

Politik sieht Zeichen für Fairness und Souveränität

Umso mehr feiern die, die die EU kurz vor einer Blamage sahen, wäre das Abkommen gescheitert. "In einer Zeit der Instabilität", erklärt etwa Bernd Lange, der Vorsitzende des Handelsausschusses im EU-Parlament von der SPD, "in der das Recht des Stärkeren Vorrang vor den Regeln der internationalen Gemeinschaft zu gewinnen scheint, ist das Abkommen mit den Ländern Lateinamerikas ein klares Zeichen für faire und regelbasierte Partnerschaft".

Denn gerade jetzt bräuchte Europa verlässliche Allianzen mit Ländern, die sich zum Multilateralismus bekennen.

Auch Bundeskanzler Merz spricht von einem Meilenstein, es sei "ein wichtiges Signal unserer strategischen Souveränität und Handlungsfähigkeit".

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09.01.2026 | 8:50 min

Landwirte weiter skeptisch

Europas Bauern bleiben trotz Zugeständnissen in weiten Teilen bei ihrem Nein. Ihren Unmut hatten sie mit Protesten in vielen Gegenden Europas Luft gemacht, auch in Brüssel, da flogen hier und da die Fetzen.

Die Furcht gilt billigen Rindfleischimporten und man sorgt sich, dass europäische Standards unterlaufen werden könnten. Man sei grundsätzlich für Handelsabkommen, erklärt Günther Felßner vom Bayerischen Bauernverband, "aber nicht auf den Rücken der Bauern. Der Agrarteil des Abkommens ist völlig mies verhandelt".

Und vor allen Dingen, die haben Standards, die andere sind als unsere: kein Tierwohl, kein Umwelt- und Wasserschutz und keine Sozialstandards. Das akzeptieren wir nicht.

Günther Felßner, Bayerischer Bauernverband

Traktoren auf der Autobahn

Nach 25 Jahren Verhandlungen wird das Mercosur Abkommen in Kürze beschlossen. Die heimischen Landwirte sorgen sich um billige Importe aus Südamerika.

08.01.2026 | 1:49 min

Europas Zerrissenheit

Ärger bekam die Politik auch von Seiten der Umweltschützer. Mehr Produktion von Rindfleisch etwa in Brasilien führe zu mehr Abholzung des Regenwalds - das und weitere Umweltaspekte seien im Abkommen nicht genügend adressiert worden.

Im Hintergrund hört man dazu oft, dass sowohl die Umweltschützer, aber vor allem auch die Landwirte extrem gute und harte Lobbyarbeit machen. Denn die Auswirkungen seien in diesen Bereichen nicht wirklich gravierend. Zu diesem Schluss kommt etwa das renommierte Thünen-Institut.

Wirtschaft begrüßt Mercosur-Abkommen

Deutschlands Wirtschaft gehört dagegen von Beginn an zu den Unterstützern des Abkommens. Da die Vorteile für die exportorientierten Länder klar überwiegen, erklärt Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Es ist ein guter Tag für die Wirtschaft, aber eben auch ein wichtiger Tag als politisches Zeichen, dass der Freihandel zumindest nicht vollkommen gestorben ist.

Samina Sultan, Institut der deutschen Wirtschaft

Das positive Urteil zieht sich dann auch durch die Reaktionen der deutschen Wirtschaft, sei es die Chemie, Automobil- oder Maschinenbaubranche. Branchen, so Samina Sultan, die durch die US-Zollpolitik oder China stark unter Druck seien. Da brauche es neue, wichtige Absatzmärkte.

Proteste im Norden
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Doch noch Stolpersteine?

Am Montag soll nun in der Hauptstadt Paraguays, das in diesem Jahr die Mercosur-Präsidentschaft innehat, das Abkommen feierlich unterzeichnet werden, mit den Spitzen der EU. Danach muss es das EU-Parlament ratifizieren. Eine Mehrheit gilt hier als sicher, heißt es aus Parlamentskreisen.

Dann bliebe Kritikern noch der Gang vor den Europäischen Gerichtshof. Auch hier werden die Aussichten, das Abkommen noch zu kippen, als eher gering eingeschätzt.

Über dieses Thema berichtete das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 09.01.2026 ab 05:30 Uhr und ZDF heute Xpress ab 08:30 Uhr.

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