Proteste im Norden:Mercosur-Abkommen: Was deutsche Bauern fürchten
von Anja Kapinos
An Autobahn-Auffahrten unter anderem in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg protestieren Bauern gegen das geplante Mercosur-Abkommen. Was die Teilnehmer befürchten.
Nach 25 Jahren Verhandlungen wird das Mercosur Abkommen in Kürze beschlossen. Die heimischen Landwirte sorgen sich um billige Importe aus Südamerika.
08.01.2026 | 1:49 minLandwirte haben in Mecklenburg-Vorpommern an mehreren Autobahn-Anschlussstellen protestiert, auch in Brandenburg gibt es Aktionen: Das geplante Freihandelsabkommen Mercosur schafft Frust. Rüdiger Schulz rückt von seinem Pferdehof auf der Insel Poel an.
"Das Überleben der deutschen Landwirtschaft steht auf dem Spiel", fürchtet Schulz, Vorstandsmitglied bei "Land schafft Verbindung" (LsV). Die Organisation hat den Protest initiiert, zählt im Nordosten etwa 100 Aktive.
Der niedrige Preis von Butter löste im Dezember bei vielen Bauern Unmut aus: Bundesweit protestierten sie und warfen Discountern vor, das Produkt zu preiswert anzubieten.
15.12.2025 | 0:17 minBilliges Rindfleisch oder Zucker aus Südamerika - Bauern in Sorge
Sie fürchten: Wenn die EU Mercosur zustimmt, sei etwa durch Zustrom von billigerem Rindfleisch oder Zucker aus Südamerika die Existenz tausender Betriebe hierzulande bedroht, während der gesamt-volkswirtschaftliche Nutzen des Abkommens äußerst gering ausfalle.
... wird seit 25 Jahren verhandelt. Es war lange umstritten. Nach einer Sitzung am Freitag in Brüssel könnte der Handels-Deal mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay kommende Woche zustande kommen. Dadurch entstünde die größte Handelszone der Welt mit mehr als 720 Millionen Menschen. Sie würde fast 20 Prozent der Weltwirtschaft und mehr als 31 Prozent der globalen Warenexporte ausmachen. Für fast alle Waren, die zwischen der EU und den Mercosur-Staaten gehandelt werden, sollen Zölle abgeschafft werden.
Dazu gehören europäische Autos, Maschinen und Medikamente oder südamerikanische Agrarprodukte. Dabei geht es vor allem darum, von den USA unabhängiger zu werden. Außerdem ist China bisher der größte Handelspartner des südamerikanischen Bündnisses, die EU kommt erst auf Platz zwei. Vor allem die schwächelnde Industrie in Europa setzt Hoffnung auf einen Ausbau des südamerikanischen Marktes.
Handelsexperte: Wirtschaftliche Herausforderungen "beherrschbar"
Wird dafür tatsächlich ein "Ausverkauf der europäischen Landwirtschaft" hingenommen, wie die protestierenden Landwirte fürchten? Nein, sagt Rolf J. Langhammer, Handelsexperte am Kiel Institut. Die EU habe verschiedene Vorsichtsmaßnahmen ausgehandelt.
Diese Haltelinien sehen vor, dass bei einem plötzlichen Importanstieg die Notbremse gezogen werden kann und auch Regeln für Umweltschutz, Sozialstandards und Konsumentenschutz gewahrt bleiben.
Rolf J. Langhammer, Handelsexperte
Beim Einsatz von Hormonen oder Gentechnik habe Europa zwar höhere Standards. Mit solchen Unterschieden müsse man sich jedoch abfinden. "Die größten Herausforderungen sind, Preisstandard und Qualität der europäischen Produkte hervorzuheben, um gegen die Anbieter aus Südamerika konkurrieren zu können. Ich halte diese Herausforderung für durchaus beherrschbar", so Langhammer im ZDF-Interview.
Eu und Mercosur-Staaten stehen kurz vor einem Handelsdeal. Kompromisse bei Agrarfragen sollen den Weg ebnen. Der kommende Freitag gilt als möglicher Entscheidungstag.
08.01.2026 | 1:52 minBauernverband: Proteste "nicht zielführend"
Auch Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) bekräftigt, dass Mercosur für die wirtschaftliche Situation der meisten Betriebe nur begrenzt relevant sei. Er nimmt die Sorgen dennoch ernst.
Frust und Verunsicherung sind Ausdruck realer Belastungen. Unsere Aufgabe ist es, dort anzusetzen, wo Entlastung tatsächlich wirkt.
Till Backhaus, Landwirtschaftsminister Mecklenburg-Vorpommern
Die größten Probleme bereite nicht der Freihandel, sondern etwa steigende Kosten und hohe bürokratische Anforderungen.
Lebensmittel aus moderner Gentechnik sollen in der EU künftig ohne spezielle Kennzeichnung in den Handel kommen. Forscher sehen darin große Chancen, Kritiker aber laufen Sturm.
04.12.2025 | 1:51 minDer Bauernverband als größte Interessengemeinschaft in Mecklenburg-Vorpommern teilt manche Sorgen ebenfalls, bewertet Proteste an Autobahnen aber als "nicht zielführend". "Aktionen, die die gesellschaftliche Akzeptanz gefährden könnten, sind aus unserer Sicht derzeit nicht der richtige Weg", erklärt Bauernpräsident Karsten Trunk.
Pferdewirt Rüdiger Schulz sieht das anders. Ohne größere Aufmerksamkeit zu erregen, "hört uns die Politik nicht mehr". Die Aktionen richteten sich nicht gegen Bürger, sondern seien ein letzter Weckruf an die Gesellschaft, heißt es von LsV. Der Verein fällt durch schärferen Protest auf, grenzt sich nach eigenem Bekunden aber von politischem Extremismus ab.
Anja Kapinos ist Korrespondentin im ZDF-Studio in Mecklenburg-Vorpommern.
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