Ex-Bundesaußenminister bei "Lanz":Sigmar Gabriel: "Die EU muss sich verändern"
von Bernd Bachran
Sigmar Gabriel (SPD) sieht Putin eine Stufe vor dem Einsatz von Atomwaffen. Peter Neumann warnt bei "Markus Lanz", Wladimir Putins Raketen könnten Berlin erreichen.
Sehen Sie hier die Sendung "Markus Lanz" vom 26. Mai 2026 in voller Länge.
26.05.2026 | 75:18 minDie Stadt Bila Zerkwa nahe Kiew ist in der Nacht zu Sonntag Ziel massiver russischer Raketen- und Drohnenangriffe geworden. Dabei setzte Russland auch die Hyperschallrakete "Oreschnik" ein. Die Mittelstreckenrakete kann sowohl konventionelle als auch atomare Sprengköpfe tragen und gilt wegen ihrer hohen Geschwindigkeit und Reichweite als potenzielle Bedrohung für weite Teile Europas.
CDU-Mitglied, Politikwissenschaftler und Terrorismusexperte Peter Neumann wertete bei "Markus Lanz" den Einsatz der Hyperschallrakete nicht nur als Angriff auf die Ukraine, sondern auch als gezielte Machtdemonstration gegenüber dem Westen. Russland wolle damit zeigen, dass es theoretisch auch Ziele in westeuropäischen Staaten erreichen könnte.
Russland hat erstmals die Hyperschallrakete Oreschnik nahe Kiew eingesetzt, kombiniert mit hunderten Drohnen. Vier Menschen starben, Bundeskanzler Merz spricht von rücksichtsloser Eskalation.
24.05.2026 | 1:41 minNeumann: Hyperschallraketen könnten auch Berlin erreichen
Peter Neumann: "[Diese Hyperschallraketen] sind vor allem dazu da, eine Botschaft an den Westen zu senden. (…) 5.000 Kilometer Reichweite haben diese Raketen und sind auch nuklearfähig."
Das sind Raketen, die könnte Putin nicht nur nach Kiew schicken, sondern könnte sie auch nach Berlin schicken, nach London.
Peter Neumann, Politikwissenschaftler und Terrorismusexperte
Der ehemalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte, der Angriff zeige, Russland wolle mit solchen schweren Attacken deutlich machen, dass es nicht zu Konzessionen, einem Frieden oder einem Waffenstillstand bereit sei.
Bei ukrainischen Angriffen auf russische Grenzregionen sind laut Behörden zwei Menschen getötet worden. Russland hatte Kiew zuvor mit Raketen und Drohnen angegriffen, vier Menschen starben.
25.05.2026 | 0:33 minSigmar Gabriel: Eine Stufe, bevor Putin Nuklearwaffen einsetzt
"Ich glaube, dass Putin versucht, mit solchen dramatischen Aktionen zu zeigen, dass er nach wie vor Herr der Lage ist, dass er zu jeder Form von Gewalt bereit ist", so Sigmar Gabriel am Dienstagabend bei "Markus Lanz".
Und das ist eine Stufe, bevor er Nuklearwaffen einsetzt.
Sigmar Gabriel, ehemaliger Bundesaußenminister
Gabriel sagte, er halte es nicht für sehr wahrscheinlich, dass dies nun geschehe, wollte es jedoch auch nicht als bloßes Gerede abtun, da Wladimir Putin zu häufig darüber gesprochen habe. Der Einsatz taktischer Nuklearwaffen sei Teil der russischen Militärstrategie. Er halte den Einsatz nicht für ausgeschlossen, sollte Russland tatsächlich mit dem Rücken zur Wand stehen.
Die EU weist russische Forderungen zurück, Personal aus Kiew abzuziehen. Nach den jüngsten massiven Angriffen auf Kiew wolle Moskau mit der Forderung nur Panik schüren.
26.05.2026 | 0:20 minUkraine: Sonderstatus statt Vollmitgliedschaft
Die Hauptstadtjournalistin des "Redaktionsnetzwerks Deutschland", Kristina Dunz wies darauf hin, dass sich die Haltung der Bundesregierung zum EU-Beitritt der Ukraine verändert habe: Statt eines schnellen Beitritts sei nun nur noch von einem Sonderstatus die Rede.
Dunz: "[Für einen EU-Beitritt] müssen natürlich Kriterien erfüllt werden. Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Korruptionsbekämpfung."
Da hat es natürlich so ein Land, das lange hoch korrupt war, sehr schwer, in Kriegszeiten all das zu erfüllen, was andere Staaten in zwei Jahrzehnten Frieden nicht geschafft haben.
Kristina Dunz, Hauptstadtjournalistin des "Redaktionsnetzwerks Deutschland"
Die Ukraine will vollwertiges EU-Mitglied werden und lehnt einen Sonderstatus ohne Stimmrecht ab. Selenskyj fordert die Vollmitgliedschaft. Als großes Hindernis gilt die Korruption im Land.
23.05.2026 | 1:44 minSigmar Gabriel sprach in diesem Zusammenhang von einem ganz anderen, gravierenderen Problem der EU. Selbst ohne Korruption würde es der EU schwerfallen, die Ukraine in die jetzigen EU-Strukturen aufzunehmen. Mit den "jetzigen EU-Strukturen" meinte Gabriel unter anderem:
"Wir haben heute nur die Möglichkeit, entweder Vollmitglied oder gar kein Mitglied [zu sein]. Ich glaube, das geht nicht mehr." Es brauche unterschiedliche Formen der Integration. Das unterscheide sich von unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Gabriel führte aus: "Bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten laufen alle in die gleiche Richtung und dann ist man trotzdem irgendwann am Ziel. Zurzeit haben wir eine EU, bei der die Leute in unterschiedliche Richtungen laufen."
Ich glaube, wenn die EU überhaupt eine Chance haben will, auf Dauer als geopolitischer Faktor, als kräftige Ökonomie zu überleben, dann muss sie sich verändern.
Sigmar Gabriel, ehemaliger Bundesaußenminister
Da die Ukraine, so Gabriel, die EU-Beitrittskriterien weder während des Krieges noch kurzfristig danach erfüllen könne, brauche es neue Modelle. Auch für die Westbalkanstaaten wäre es ein Befreiungsschlag, wenn die EU Alternativen zur reinen Alles-oder-nichts-Mitgliedschaft böte.
Merz hat einen Sonderstatus für die Ukraine gefordert. Das sei vielleicht ein Auftakt, so Andreas Stamm in Brüssel. Denn viele Kandidaten warteten aktuell auf einen Beitritt.
22.05.2026 | 2:00 minNeumann warnt vor Abwendung von Europa
Peter Neumann warnte davor, dass sich die Westbalkanstaaten aufgrund der starren EU-Beitrittskriterien von Europa abwenden und stattdessen Russland oder China zuwenden könnten. Da einige dieser Länder bereits seit über 20 Jahren auf die Mitgliedschaft warteten, dürfe man sich nach einem weiteren Jahrzehnt der Ablehnung nicht über eine Kehrtwende wundern.
Um die Bevölkerung dennoch an Europa zu binden und zufriedenzustellen, schlug Neumann vor, ihnen vorab Alternativen wie Reisefreiheit oder finanzielle Zuschüsse anzubieten.
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