Davos-Treffen: Ischinger kritisiert Grönland-Streit als "Zirkus"

Interview

Chef der Münchner Sicherheitskonferenz:"Unnötig" und "Zirkus": Ischinger kritisiert Grönland-Streit

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In Davos sei das "Thema verfehlt" worden, sagt Wolfgang Ischinger im ZDF. Anstatt ein deutliches Signal nach Moskau zu senden, habe der Grönland-Streit vom Ukraine-Krieg abgelenkt.

Wolfgang-ischinger

"Wir hätten aus Davos ein klares Signal an Russland senden müssen, statt uns in einem westlichen Streit zu verlieren", sagt Wolfgang Ischinger.

23.01.2026 | 5:38 min

Der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger spricht mit Blick auf die Ereignisse auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos von einem "Zirkus". Europäer und Amerikaner hätten die Energie in diesem "historischen Moment" auf das Thema Ukraine konzentrieren müssen. Zur Unzeit sei diese Energie auf das Thema Grönland abgelenkt worden, sagte er im ZDF-Morgenmagazin.

Da kann man nur sagen: Thema verfehlt.

Wolfgang Ischinger

Ischinger: Grönland-Streit "unnötig und schädlich"

Der ehemalige Deutsche Botschafter in den USA betonte im ZDF: "Wir hätten aus Davos ein Signal senden müssen an die russische Seite, dass es jetzt endgültig Schluss sein muss mit diesem Krieg. Stattdessen dieser interne westliche Streit über Grönland. Vollkommen unnötig und schädlich."

Kopf von Donald Trump vor grönländischer Landschaft

Das hat es in 77 Jahren NATO nicht gegeben – Europa gegen Amerika. Wir erleben eine Kraftprobe, die die westliche Wertegemeinschaft vor scheinbar unlösbare Probleme stellt.

22.01.2026 | 28:39 min

Der Streit mit den USA über Grönland war in den vergangenen Wochen weiter eskaliert und stand auch in Davos im Fokus. US-Präsident Donald Trump hatte immer wieder Anspruch auf das Gebiet erhoben. Am Mittwoch dann die Kehrtwende: In Davos erklärte Trump, er wolle Grönland nicht mit Gewalt einnehmen und auf angekündigte Strafzölle gegen mehrere europäische Staaten verzichten.

Was lernt Deutschland aus Davos?

Diese Kehrtwende sieht Ischinger in drei Faktoren begründet: "Erstens, das Zeigen der europäischen Folterinstrumente" - etwa durch die Androhung von Gegenzöllen. Zweitens führt er die "eher behutsame Vorgehensweise, beispielsweise des deutschen Bundeskanzlers" an.

Friedrich Merz (CDU) hatte gefordert, "bei allem Frust und Ärger der letzten Monate" die transatlantische Partnerschaft "nicht voreilig abzuschreiben".

Theo-Koll

Theo Koll fordert eine klare Reaktion nach den Gesprächen in Davos: "nicht abwarten, sondern mit Tempo handeln. Die USA unter Präsident Trump müssten ernst genommen werden – aber nicht jedes Wort wörtlich".

23.01.2026 | 5:03 min

Als dritten Faktor nennt Ischinger die "Vorgänge in Amerika selbst":

Ich habe hier in Davos miterleben können, dass amerikanische Wirtschaftsbosse ihrem Präsidenten gesagt haben: Pass mal auf, was du da machst, schadet unseren Verkaufsinteressen.

Wolfgang Ischinger

Für Europas Sicherheit Trump "an Bord halten"

In Bezug auf die europäische Sicherheit plädiert Ischinger für eine Doppelstrategie: Unabhängigkeit im militärischen und politischen Sinn und gleichzeitig den amerikanischen Präsidenten "an Bord zu halten".

Wir brauchen ihn, weil wir Krieg in Europa haben, und den wird die Ukraine nicht gewinnen, wenn die USA sich zurückziehen.

Wolfgang Ischinger

Screenshot aus Video: Nazan Gökdemir Schaltgespräch mit Isabell Schäfers

"Allen hier ist klar, dass solche Zolldrohungen jederzeit wieder auftreten können, sagt Isabelle Schaefers beim EU-Sondergipfel in Brüssel.

23.01.2026 | 2:19 min

Trump verdiene eine gewisse "positive Würdigung", denn es seien nur die USA, die es hingekriegt hätten, dass Gespräche und vielleicht sogar gemeinsame Verhandlungen zwischen Russen und Ukrainern geführt werden. "Das sollten wir bei aller Kritik würdigen."

Treffen in Abu Dhabi ohne Europa: "Selbst schuld"

Europa sitzt bei dem heutigen Treffen russischer und ukrainischer Unterhändler in Abu Dhabi, bei dem die USA vermitteln wollen, nicht mit am Tisch. "Das sind wir selbst schuld", meint Ischinger. Europa habe bisher nichts geboten. Und weiter: "Deshalb kann ich schon verstehen, dass man in Washington sagt: Die brauchen wir nicht."

Das Interview führte ZDF-Moderatorin Eva-Maria Lemke. Zusammengefasst hat es Laura Ozdoba.

Quelle: AFP, ZDF
Über dieses Thema berichtete das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 23.01.2026 ab 5:30 Uhr.

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