Treffen in Davos: Selenskyj warnt Europa vor Selbsttäuschung

Präsident der Ukraine spricht in Davos:Selenskyjs Weckruf an Europa: Warnung vor Selbsttäuschung

Porträt des ZDF-Landesstudioleiters Schleswig-Holstein Henner Hebenstreit

von Henner Hebestreit, Kiew

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Er kam kurzfristig nach Davos und sprach Klartext: Selenskyj fordert Sicherheitsgarantien, ein geeintes Europa und warnt vor der Illusion, die Nato werde es im Ernstfall richten.

This photograph shows the logo of the World Economic Forum (WEF) in Davos on January 22, 2026. The World Economic Forum takes place in Davos from January 19 to January 23, 2026.

In Davos wird Weltpolitik gemacht: Kanzler Merz spricht den Europäern Mut zu, aber findet auch klare Worte. Und offenbar geht es voran bei der Suche nach Frieden in der Ukraine.

22.01.2026 | 3:03 min

Ob Wolodymyr Selenskyj genauso davon überrascht wurde, dass der US-Präsident ihn in Davos sprechen wollte, wie so viele andere, die Trumps Rede am Mittwochnachmittag verfolgt hatten, ist ungewiss – noch am Dienstag hatte der ukrainische Präsident seine Reise nach Davos von konkreten Beschlüssen abhängig gemacht.

Alles andere sei Zeitverschwendung, er werde in Kiew gebraucht, um die von Russland herbeigebombte Versorgungskrise in seinem Land in den Griff zu bekommen: Seit knapp zwei Wochen bibbern seine Landsleute bei zweistelligen Minusgraden vielerorts ohne Heizung, Strom und fließendes Wasser.

Kurz nach Trumps Rede ist er dann doch Richtung Davos aufgebrochen, um sich am Donnerstag mit US-Präsident Donald Trump zu besprechen – es ging um Sicherheitsgarantien und um direkte Gespräche zwischen Amerikanern, Russen und Ukrainern in den Vereinigten Arabischen Emiraten, schon am Freitag soll es wohl losgehen.

This photograph shows the logo of the World Economic Forum (WEF) in Davos on January 22, 2026. The World Economic Forum takes place in Davos from January 19 to January 23, 2026.

In Davos wird Weltpolitik gemacht: Kanzler Merz spricht den Europäern Mut zu. Und offenbar geht es voran bei der Suche nach Frieden in der Ukraine.

22.01.2026 | 3:03 min

Selenskyj: Europa braucht vereinte Streitkräfte

Anschließend trat ein durchaus selbstbewusster ukrainischer Präsident ans Rednerpult des Weltwirtschaftsforums und las den Europäern die Leviten: "Europa liebt es, die Zukunft zu diskutieren, vermeidet aber in der Gegenwart zu handeln." Europa brauche vereinte Streitkräfte, um den Alten Kontinent wirklich verteidigen zu können.

Der Glaube, dass im Notfall die Nato anrücke, sei trügerisch: "Niemand hat die Allianz wirklich im Einsatz erlebt. Sollte [Russlands Präsident Wladimir] Putin Litauen oder Polen attackieren, wer werde antworten", fragte er in den Saal. Die Nato verlasse sich auf die starken US-Amerikaner, was aber, sollten die nicht kommen?

Selenskyj bietet die Ukraine mit seiner kampferprobten Truppe als Hilfe an.

Sein trockenes Fazit:

Würde man uns fragen und wären wir in der Nato, würden wir Probleme zum Beispiel mit Russlands Marine lösen – aber wir sind nicht in der Nato.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

Henner Hebestreit mit Mikrofon, Mütze und Winterjacke

Es habe den Eindruck gemacht, dass der ukrainische Präsident nach Davos zitiert worden sei, meint ZDF-Reporter Hebestreit in Kiew. Seine Rede kam mit einem deutlichen Appell an die Europäer.

22.01.2026 | 4:57 min

Ukraines Präsident mahnt zur Einigkeit

Noch unter dem Eindruck, dass der sprunghafte US-Präsident die Ukraine auf dem Altar seines Interesses an Grönland hätte opfern können, mahnte er die Europäer fast verzweifelt zur Einigkeit. "Zu oft", so Selenskyj, "zanken die europäischen Staaten miteinander, als zusammenzustehen und Russland in die Schranken zu weisen".

Statt dass sich Europa selbst zur zweiten Geige degradiere, solle man gemeinsam mit der Ukraine die Chance ergreifen, eine Großmacht zu werden.

Wir sollten nicht hinnehmen, dass Europa ein Salat voller kleiner und mittlerer Mächte ist, der gewürzt wird von seinen Feinden.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

SGS Bates

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22.01.2026 | 0:56 min

Ukraines Präsident blickt auf neue Weltordnung

Deutliche Worte eines Präsidenten, der seit vier Jahren erlebt, wie es ist, wenn sein Land von einem rücksichtslosen Nachbarn angegriffen wird und von außen soviel Unterstützung bekommt, dass es geradeso zum Überleben reicht.

Aus dieser Erfahrung heraus mögen ihm die klassischen europäischen Mechanismen, die langwierige Suche nach Kompromissen, nach einer gemeinsamen Haltung, die auch geprägt ist, von reichlich gemeinsamer Geschichte, aus der Zeit gefallen erscheinen.

Selenskyj hat sich eingereiht in die Reihe derer, die in Davos auf eine neue Weltordnung blicken und in der er für die Ukraine einen festen Platz in einem starken Europa verlangt. Nur gemeinsam, so sein Fazit, können beide bestehen.

ZDF-Reporter Henner Hebestreit berichtet aus Kiew.

Über dieses Thema berichtete das ZDF in verschiedenen Sendungen, darunter im heute journal am 22.01.2026 ab 21:44 Uhr.

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