Bundeskanzler und US-Präsident in Davos:Der Wahnsinn hat Methode - und Widerstand lohnt
von Diana Zimmermann
Wie tritt Berlin Donald Trump entgegen? Angesichts der Drohungen und Vorwürfe des US-Präsidenten steht Kanzler Merz vor einem Dilemma. Soll Berlin sich von Washington abwenden?
Der Kanzler zeige sich gegenüber Trump distanzierter als zu Beginn seiner Amtszeit, so ZDF-Korrespondentin Zimmermann. Streitpunkte blieben Handel und Verteidigung.
21.01.2026 | 3:25 minDer Kanzler ist persönlich gut weggekommen bei Donald Trumps Rede. Merz mache einen guten Job, sagt Trump, er werde die Stromproduktion in Deutschland wieder hochfahren. Der Kanzler, nicht im Saal, wird erstaunt gewesen sein, dass seine Kanzlerschaft nun nach Kilowattstunden bemessen wird.
Donald Trump und die deutsche Wirtschaft: Eine bittere Bilanz nach seinem ersten Jahr im Amt.
21.01.2026 | 2:35 minKein Treffen in Davos
Ein Treffen zwischen Friedrich Merz und Donald Trump wird es auf diesem Davos-Gipfel aber nicht mehr geben. Erklären ließe sich das mit dem durch Trumps verspätetes Eintreffen verschobenen Zeitplan, aber hätte Trump mit derselben Verve gesagt: "Ich will Friedrich sehen" wie er gesagt hat: "Ich will ja nur ein Stück Eis", dann hätte dieses Rendezvous sicher stattgefunden.
Was Merz zu seiner Rede zu sagen hat, wird Trump nun erst mit allen anderen am Donnerstag Vormittag erfahren, wenn der Kanzler in Davos am Rednerpult stehen wird.
Das von Friedrich Merz erhoffte Treffen fand wegen der Verspätung Trumps nicht statt. In seiner Rede bekräftigte Trump seinen Anspruch auf Grönland, will aber keine Gewalt anwenden.
21.01.2026 | 1:40 minNach Trumps eineinhalbständigen Rede, sind die drei schlimmsten Albträume der Europäer vorerst ausgeblieben. Kein Bruch mit der Nato, im Gegenteil mehrfache Beteuerung, er stünde zu ihr - um allerdings zu insinuieren, die Nato stünde eventuell nicht zu ihm. Er will Grönland nicht militärisch einnehmen und er will die Ukraine (noch?) nicht fallen lassen.
Doch der Tenor des Auftritts muss die Bundesregierung in Unruhe versetzen. Ganz klar ist: sein Anspruch auf Grönland bleibt bestehen.
Trump in Davos - die ganze Rede.
21.01.2026 | 71:54 minVersteckte und offene Drohungen
Und ob man die Rede nun als mäandernd oder irrlichternd bezeichnet, über weite Strecken hat der Wahnsinn doch Methode. Überschäumendes Selbstlob, Beschimpfungen aller, die anders denken oder Politik machen als er selbst, eine als Sorge vorgetragene Abwertung Europas, versteckte und offene Drohungen.
Trump stellt die USA als Schutzmacht dar, die bislang nur ausgenutzt wurde. Im Detail führt er das an Grönland aus, aber es betrifft in seinen Augen alle Nato-Länder - und ganz klar droht er damit, welche Konsequenzen das auch für die Ukraine haben könnte.
Trumps Vorstoß in Richtung Grönland stellt den Westen und die NATO vor eine große Belastungsprobe. Ziehen sich die USA damit endgültig aus ihrer Rolle als führende Macht des Westens zurück?
21.01.2026 | 7:50 minFriedrich Merz, der sich noch im Wahlkampf gerühmt hatte, er werde mit Trump schon klarkommen, genoss zu Beginn seiner Kanzlerschaft die Sympathie des Präsidenten. Merz nutzte das, in der Hoffnung, die europäische Wirtschaft schützen, die Sicherheit des Kontinents gewährleisten und die Hilfen für die Ukraine sichern zu können. Doch Entspannung stellte sich bestenfalls für ein paar Wochen ein.
Trump hat den Bogen überspannt
Mit Grönland hat Trump den Bogen nun überspannt, in der Bundesregierung wächst das Bedürfnis, dem raumgreifenden Präsidenten etwas entgegenzusetzen, in der SPD schneller als bei der Union. Sichtbar wird das, als der Kanzler gemeinsam mit sieben weiteren europäischen Regierungschefs eine Erklärung unterschreibt, die die USA schon am Wochenende vor weiteren Zöllen gewarnt und den Anspruch auf die Souveränität ihrer Länder unterstrichen hat.
Die diplomatischen Bemühungen, die Konflikte mit den USA zu lösen, seien groß, so Zukunftsforscherin Gaub. Es sei ein Fehler, sich vollständig auf die USA zu verlassen.
21.01.2026 | 6:22 minMerz und die EU scheinen gewillt, nun die europäischen Folterinstrumente in Sachen Handel vorzuzeigen, Gegenzölle werden angekündigt, Macron drängt darauf, das EU-Gesetz zur Abwehr wirtschaftlicher Nötigung umzusetzen.
Und siehe da, das scheint Erfolg gehabt zu haben. Nach einem Gespräch mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte verkündet Trump am Mittwochabend, er werde die in der causa Grönland angekündigten Strafzölle nicht erheben, denn er habe mit Rutte ein "künftiges Abkommen in Bezug auf Grönland und sogar die gesamte Arktisregion geschaffen". Bliebe es dabei, dann wäre eine Eskalation in Richtung Handelskrieg erstmal verhindert, doch weiterhin ist die Sorge groß, wenn es um Verteidigung, Sicherheit und - die Ukraine geht.
Denn Trump hält sich eben an keine Regeln, er vermischt auch heute wieder Sicherheitspolitisches mit Wirtschaftlichem und das wiederum mit Verteidigung.
Bemerkenswert ist die dichte Aufeinanderfolge der Feststellungen,
1. die USA hätten in der Ukraine gar nichts verloren,
2. er werde Grönland nicht mit militärischen Mitteln einnehmen und
3. er wolle Verhandlungen und "ein Nein werden wir uns sicherlich merken."
Drohung mit Ukraine unausgesprochen aber deutlich
Die Drohung, die Ukraine fallenzulassen, ist nicht ausgesprochen worden, aber sie ist aus Trumps Weltsicht heraus so logisch, dass das auch nicht nötig ist. Und wenn er nun, vermutlich aus innenpolitischen Sorgen um die US-Wirtschaft heraus, nicht auf Zölle als Druckmittel zurückgreift, was bleibt? Sollte dies nun das Mittel der Wahl werden, die Europäer zum Nachgeben über das "Stück Eis" zu bewegen, würde Deutschland das massiv zu spüren bekommen.
Weltwirtschaftsforum in Davos: Donald Trump macht Druck auf die EU in Sachen Grönland, droht mit weiteren Strafzöllen. Welche Handlungsoptionen hat die EU in dieser geopolitischen Krise?
21.01.2026 | 2:37 minDie Unterstützung der Ukraine würde noch stärker als bisher auf Berlin zufallen, der zu erwartende Vormarsch Russlands Polen, die Balten und Deutschland massiv unter Druck setzen, die zu erwartenden Fliehenden aus der Ukraine ebenfalls.
Viele Tage ungenutzt verstrichen
Merz hat sich bisher als derjenige gesehen, der die widerstreitenden Strategien Europas und der Nato im Umgang mit Trump zusammenhält. Sein strategisches Ziel ist es, die Eskalation und den Bruch so lange wie möglich hinauszuzögern, denn jeder Tag, an dem die "Koalition der Willigen" sich vorbereiten hat können, ist theoretisch ein guter Tag gewesen. Viele dieser Tage allerdings sind ungenutzt verstrichen. Und der Schmerz, mitzuspielen, wächst ins Unerträgliche. Von "Selbstverzwergung" spricht der grüne Parteichef Banaszak heute.
Angefeuert durch den Erfolg, den der Widerstand gegen seine Pläne zeigt, wird der Kanzler bei seiner Rede am Donnerstag Vormittag in Davos sicher deutlicher werden. Klar in der Sache, versöhnlich im Ton. Mark Carney, der kanadische Premier hat es tags zuvor vorgemacht. Er hat einen Bruch der alten Weltordnung festgestellt und eine Neuaufstellung der Mittelmächte gefordert: "Die Macht der weniger Mächtigen beginnt mit Ehrlichkeit." Aus dem direkten Nachbarland der USA ist das ein mutiges Statement. Den Namen Donald Trump hat Carney nicht einmal in den Mund genommen.
Kanadas Premierminister Mark Carney auf dem Wirtschaftsforum in Davos. Dazu Einschätzung von Hubert Zimmermann (Politikwissenschaftler, Philipps Universität Marburg).
21.01.2026 | 2:45 minDiana Zimmermann ist Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin.
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