China empfängt Putin, Iran und Nordkorea - Europas Sorgen wachsen

Gipfeltreffen und Militärparade:Europas Sorgen zu Gast in China

Porträt von Miriam Steimer, Leiterin des ZDF-Auslandsstudios Peking / Tokio
von Miriam Steimer, Tianjin
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Russland, Iran, Nordkorea: Länder, die Europa gerade Sorgenfalten auf die Stirn treiben, werden von Chinas Staatsführung mit rotem Teppich empfangen. Was bezweckt Peking damit?

Der vietnamesische Premierminister Pham Minh Chinh (M) trifft zum Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Tianjin, Nordchina, ein.

In Tianjin treffen sich über 20 Staats- und Regierungschefs mit Präsident Xi. Dabei sind auch die Präsidenten von Russland und Indien, Putin und Modri.

31.08.2025 | 1:34 min

Putins Armee überzieht die Ukraine mit Luftangriffen und beschädigt dabei auch ein EU-Gebäude, während europäische Staats- und Regierungschefs versuchen, Moskau zu Friedensverhandlungen zu bewegen. Europa droht Iran mit der Wiedereinführung von Sanktionen wegen Teherans Atomprogramm. Und was macht Chinas Staatsführung? Rollt für eben diese Staaten den roten Teppich aus für seine Diplomatie-Supershow.

Xi und Putin wollen China und Russland als Großmächte etablieren

Wladimir Putin, der die meisten Länder dieser Welt meidet, weil der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen ihn erlassen hat, wird von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping mit offenen Armen begrüßt. Auch wenn Xi ihn vielleicht nicht als so engen Freund betrachtet, wie das vor den Kameras manchmal wirkt, sieht er ihn zumindest als nützlichen und notwendigen Partner.

Sie sind die Anführer der großen autokratischen, nicht-westlichen Länder, die die USA ablösen und ihre Staaten als Großmächte der multipolaren Welt etablieren wollen.

Alexander Gabuev, Direktor Carnegie Russia Eurasia Center

China hat gerade die rotierende Präsidentschaft der Shanghai Cooperation Organization (SCO) inne und verspricht den "größten Gipfel in der Geschichte der SCO". Vom 31. August bis 01. September 2025 kommen mehr als 20 Staats- und Regierungschefs und die führenden Köpfe von zehn internationalen Organisationen nach Tianjin. Laut Peking ist die Organisation von ursprünglich sechs Mitgliedsstaaten (China, Kasachstan, Kirgisistan, Russland, Tadschikistan, Usbekistan) inzwischen auf eine Familie mit 26 Ländern angewachsen und damit die "größte und bevölkerungsreichste Kooperationsgemeinschaft der Welt". So rief Chinas Außenminister zu Beginn des Jahres das "China-Jahr" der SCO aus. Die Organisation repräsentiert nicht nur fast die Hälfte der Bevölkerung, sondern auch ein Fünftel der Ölreserven, mehr als 40 Prozent des weltweiten Erdgases und einen überwältigenden Teil der Seltenen Erden. Das ursprünglich primär sicherheitspolitisch ausgerichtete Bündnis verfolgt inzwischen auch ökonomische und entwicklungspolitische Interessen. Für Peking soll es der Welt vor allem eine Alternative zu westlichen Allianzen anbieten und zeigen, wie eine internationale Ordnung aussehen könnte, die nicht mehr von den USA angeführt wird.


"ZDFzeit: Putin und Xi - Pakt gegen den Westen": Wladimir Putin und Xi Jinping stehen vor der russischen und der chinesischen Fahne und geben sich die Hand.

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25.07.2023 | 43:49 min

Peking will mit dem Gipfeltreffen der Shanghai Cooperation Organization (SCO) und der Militärparade anlässlich des 80. Jahrestages des Sieges im Widerstandskrieg gegen Japan beweisen, dass es Weltmacht ist. Eine Weltmacht, mit der man rechnen muss - in einer Zeit, in der geopolitische Spannungen weltweit zunehmen.

Drei Botschaften, die Peking mit der Diplomatie-Woche der Superlative in die Welt senden möchte:

1. Peking will eine Rolle beim Wiederaufbau der Ukraine

Vor Russlands Angriff auf die Ukraine war China der größte Abnehmer von ukrainischem Getreide, Kiew exportierte Rüstungsgüter nach Peking. Auch beim Wiederaufbau der Ukraine will Peking eine Rolle spielen. Offiziell bezeichnet sich Chinas Staatsführung als "neutral", profitiert aber finanziell vom Krieg in der Ukraine, in dem es nahezu alle Waren substituiert, die Russland vor den Sanktionen aus dem Westen bekam. Darunter auch sogenannte "dual-use"-Güter, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden können, zum Beispiel Drohnen.

Gipfel in Peking
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Miriam Steimer, Peking
Ursula von der Leyen und Li Qiang
Analyse

Schlagzeilen machte ein kolportiertes Zitat von Chinas Außenminister Wang Yi, der zu Brüsseler Diplomaten gesagt haben soll, Peking hätte kein Interesse an einer Niederlage Russlands in der Ukraine, da es befürchte, dass die Vereinigten Staaten dann ihren gesamten Fokus auf Peking richten würden.

China hat genauso wenig Interesse daran, dass Russland in der Ukraine gewinnt.

Marina Rudyak, Sinologin Universität Heidelberg

Ein Sieg könnte auch dazu führen, Putins Appetit auf andere Ex-Sowjetunion-Staaten anzuregen, zum Beispiel auf Länder in Zentralasien, die an China angrenzen - etwas, was Peking unbedingt vermeiden möchte.

2. Peking präsentiert sich als Alternative zu westlichen Bündnissen

Da sich die USA unter Donald Trump als Anführer der internationalen Ordnung scheinbar immer weiter zurückziehen, wittert die Regierung in Peking die Chance, sich als Alternative anzubieten - und muss nicht viel tun, um im Gegensatz zu Washington als vernünftiger und zuverlässiger auszusehen. Ein Highlight des SCO-Gipfels ist die Teilnahme des indischen Premiers Narendra Modi, der zum ersten Mal nach sieben Jahren wieder chinesischen Boden betreten wird. Da die Beziehungen zu den USA unter dem Zollstreit leiden, intensiviert Indien den Austausch mit China und Russland.

ZDF--Korrespondentin Miriam Steimer.

Beim Gipfel der SCO träfen sich Staats- und Regierungschefs, die den Europäern "die Sorgenfalten auf die Stirn treiben", wie Iran, so ZDF-Peking-Korrespondentin Miriam Steimer.

31.08.2025 | 7:14 min

Auf der Gästeliste in Peking stehen auch viele kleinere Länder, die normalerweise nicht mit so viel Pomp, rotem Teppich und Militärparade empfangen werden. "Internationale Beziehungen bedeutet vor allem: zwischenmenschliche Beziehungen managen", sagt Rudyak.

Gipfeldiplomatie ist ein ganz zentrales Instrument der chinesischen Außenpolitik.

Marina Rudyak, Sinologin Universität Heidelberg

Peking sendet damit zwei Signale: einerseits die Botschaft: "Hier bekommt ihr den Respekt, den euch der Westen nicht entgegenbringt". Andererseits ist die Militärparade auch eine Demonstration von Kampfbereitschaft und Macht.

Mit einer groß angelegten Militärparade will China am 3. September an den 80. Jahrestag des Sieges über Japan im Zweiten Weltkrieg erinnern. Die Volksbefreiungsarmee wird neue Waffensysteme präsentieren - eine Machtdemonstration von Peking, das im Südchinesischen Meer oder in der Taiwanstraße immer aggressiver auftritt. Insgesamt erwartet China Staats- und Regierungschefs aus 26 Ländern, unter anderem den russischen Präsidenten Wladimir Putin und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un. Aus Europa sollen nach chinesischen Angaben unter anderem Serbiens Präsident Aleksandar Vucic und der slowakische Ministerpräsident Robert Fico anreisen.


Xi Jinping

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04.10.2023 | 14:02 min

3. Peking will seinen "verdienten" Platz in Geschichtsbüchern

Xi nutzt Geschichte als Legitimationsquelle für seine Macht. Mit der Militärparade in Peking zelebriert die Volksrepublik ihre Beteiligung am Zweiten Weltkrieg, der nach Chinas Lesart nicht in Europa, sondern in Asien mit dem Angriff Japans auf das Territorium der damaligen "Republik China" begann. Peking und auch Moskau stellen sich als eigentliche Siegermächte des Zweiten Weltkrieges dar, um daraus abzuleiten, dass sie es sind, die den Anspruch haben, die internationale Ordnung federführend auszugestalten.

"Der Mythos, auf dem die Kommunistische Partei Chinas sich aufbaut, ist, China nach den Kriegen geeint, aus Armut und Rückständigkeit herausgeführt und nach der Zerstörung durch den Westen wieder aufgebaut und zur (noch) zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt geführt zu haben", sagt Rudyak.

Eine zentrale Rolle spielt für Peking dabei der Sieg über Japan. Im Vorfeld der Parade schürt die Staats-Propaganda ganz bewusst Ressentiments gegenüber Japan - in Kinofilmen, Social-Media-Videos und im Schulunterricht.

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Miriam Steimer ist Studioleiterin und Korrespondentin im ZDF-Studio Ostasien in Peking.

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