Iran-Krieg stößt Umdenken an:Wie die Krise Deutschland zwingt, sich weiter zu verändern
von Frank Bethmann
Deutschland muss seine Wirtschaft transformieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Warum das schwer fällt, und was der Iran-Krieg damit zu tun hat.
Der Iran-Krieg wirkt für strukturelle Probleme in Deutschland wie ein Brennglas, zum Beispiel auf dem Energiesektor. Wo die Krise dadurch auch Chancen bietet.
27.03.2026 | 1:26 minEs gibt Momente, in denen eine Krise Klarheit schafft. Der Ausbruch des Iran-Kriegs Ende Februar 2026 war so ein Moment. Die Straße von Hormus blockiert, Gaspreise auf Jahreshöchstständen, Lieferketten unter Druck - und Deutschland steht wieder dort, wo es 2022 schon einmal stand: abhängig, verwundbar, reaktiv. Wer glaubte, die durch den russischen Angriff auf die Ukraine ausgelöste Energiekrise habe das Land dauerhaft aufgeweckt, wurde eines Besseren belehrt.
Und doch wäre es falsch, den Krieg in Iran als alleinige Ursache für Deutschlands zähen Wirtschaftsumbau zu benennen. Er ist Brennglas, nicht Ursprung. Die eigentlichen Probleme liegen tiefer - in Strukturen, die seit Jahrzehnten gewachsen sind und sich gegen Wandel sperren.
Hauptproblem für Deutschland: Lahme Verwaltung
Deutschlands strukturelle Defizite sind dabei hinlänglich bekannt. Die zu hohen Energiepreise, die lähmende Bürokratie, akuter Fachkräftemangel oder ein jahrzehntelanger Investitionsstau. Zu jedem einzelnen dieser Punkte gibt es Zahlen, Umfragen und Erhebungen, die die Schwäche bestätigen.
"Es wird von Bürokratieabbau geredet auf der einen Seite und Gesetzen, die Bürokratie aufbauen, auf der anderen Seite", so Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer BDA. "Das verärgert Unternehmen."
25.11.2025 | 5:44 minDoch wer besser verstehen will, warum sich Deutschland so schwer tut, muss auf die Verwaltung schauen. Eine Verwaltung, die digital laut Bitkom-DESI-Index auf EU-Rang 21 rangiert, weit abgeschlagen hinter Ländern wie Malta, Estland oder Finnland. "Das ist definitiv eines der Schlüsselprobleme", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der niederländischen Bank ING.
Digitalisierung wird nicht mutig genug angegangen
So eine Verwaltung kann keinen Transformationsschub stemmen.
Wenn ich massiv in öffentliche, digitale Dienstleistungen investieren würde, dann könnte das extrem viel helfen.
Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der Bank ING
Die Modernisierungsagenda für den Bund sei ein "ganz konkretes Umsetzungspapier", sagt der Digitalminister Karsten Wildberger. Das habe man "in dieser Form" noch nicht gehabt.
01.10.2025 | 5:24 minDabei ist Digitalisierung von Verwaltungsprozessen längst nicht mehr ein Erkenntnis-, "sondern ein Umsetzungsproblem, bei dem auch der politische Mut fehlt", sagt Johannes Rosenboom von Materna, einem der größten IT-Dienstleister speziell für die Bundes- und Landesverwaltung.
Keine industriepolitische Strategie für deutsche Wirtschaft
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) betonte jüngst, bürokratische Hürden abbauen und Strukturwandel aktiv gestalten zu wollen. Aber Gestalten bedeutet Entscheiden. Und Entscheiden bedeutet, Prioritäten zu setzen. Dafür bräuchte es ein Konzept, findet Chefvolkswirt Brzeski. Der tiefste Grund für Deutschlands Transformationsträgheit sei das Fehlen einer klaren industriepolitischen Strategie.
Während die USA mit dem Inflation Reduction Act Sektoren gezielt fördern und China staatlich steuert, laviert Deutschland zwischen Ordnungspolitik und Realität. "Wo ist unser zehn- oder fünfzehnjähriger Masterplan für Energie? Wo ist der Masterplan für Regulierungsabbau?", fragt Brzeski rhetorisch.
Die schwarz-rote Regierung wollte die Wirtschaft ankurbeln, doch Aufschwung ist nicht zu spüren. In der Metall- und Elektroindustrie gingen zehntausende Arbeitsplätze verloren.
09.12.2025 | 2:08 minDie Antwort fehlt, genauso wie die zu weiterführenden Fragen: Soll Deutschland Halbleiter herstellen? Batterien? Elektrolyseure für grünen Wasserstoff? Der Iran-Krieg hat diese Versäumnisse schlagartig sichtbar gemacht. Energie, Lieferketten, Standortkosten: Alles hängt zusammen.
Ohne Masterplan bringen uns die immer wieder auftretenden Krisen so aus dem Gleichgewicht, dass der langfristige Umbau auf der Strecke bleibt.
Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der Bank ING
Krisen erschöpfen viele Menschen - Ohnmacht und Rückzug nehmen zu. Eine Diskussion warum es 2026 wichtig ist, Hoffnung, Zusammenhalt und Mut zu stärken und Wege aus der Dauerkrise zu finden.
14.01.2026 | 80:26 minKrisen treiben Entscheidungen an
Und so liegt eine Chance möglicherweise in der Krise. Gerade Energiekrisen erzwingen manchmal Entscheidungen, die in normalen Zeiten politisch undurchsetzbar wären. Die Ölkrise 1973 trieb Dänemarks Windkraftpioniere an. Der russische Gasschock 2022 brachte Deutschland in 200 Tagen Flüssiggas-Terminals, für die es sonst Jahre gebraucht hätte.
Auch der Iran-Krieg hat sein Potenzial als Katalysator. "Die Energiewende wird kommen, ob wir es wollen oder nicht", sagt Adam Tooze, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Columbia University New York. Hohe Energiepreise machten Erneuerbare Energien wettbewerbsfähiger und Effizienzinvestitionen rentabler.
Zu Gast sind "maybrit illner" mit dem Thema "Deutschland ohne Wachstum - Opfer bringen für den Neustart?"
29.01.2026 | 60:08 minIran-Krieg zeigt: Wirtschaftsumbau in Deutschland muss jetzt kommen
Deutschland kann nun reagieren - mit Notfallprogrammen, Subventionen und Aufschüben, wie so oft. Oder es kann die Krise nutzen: für echte Energiediversifizierung, grüne Partnerschaften am Golf und eine Verwaltung, die dem Wandel nicht länger hinterherläuft.
Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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