Wein: Die schwierige Ernte-Lage der Branche und mögliche Lösungen

Krisendestillation zum Erntestart:Warum Winzer vielerorts ihren Wein entsorgen müssen

von Kai Remen

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In diesen Tagen startet die Traubenlese - doch immer öfter sind die Fässer noch mit unverkauftem Wein gefüllt. Es ist ein Symptom einer kriselnden Branche im Umbruch.

Wetter in Sachsen

Die Traubenlese beginnt. Doch viele Winzer haben ihren alten Wein noch gar nicht verkaufen können. Für einige Regionen gibt es nun eine Notlösung, doch die strukturellen Probleme bleiben.

13.08.2026 | 2:30 min

Es ist Mitte August und die Erntemaschinen rollen bereits über die Weinfelder in Deutschland. An manchen Orten läuft die Traubenlese für Most und Wein. Das ist ungewöhnlich früh - schuld ist die anhaltende Hitze der vergangenen Wochen.

Für die Qualität des Ertrags war das nicht schlecht, die Winzer erwarten einen guten Jahrgang. Nur die Menge dürfte überschaubar bleiben, was allerdings kein Nachteil sein muss: Denn große Produktionsmengen benötigen auch große Fasskapazitäten. Doch genau das ist für viele Weingüter ein Problem. Oftmals sind die Keller noch gar nicht leer. In einigen Regionen sitzen die Winzer auf so viel unverkauftem Wein, dass ein nun zu lesender und produzierender neuer Jahrgang gar keinen Platz hätte.

Weinhandel: Konsumwandel und Überproduktion

Gerade der Fasswein (insbesondere Rotwein wie Dornfelder) belegt die Speicher. Die Gründe dafür sind vielfältig, erklärt der Önologe Dominik Durner vom Weincampus Neustadt. Allen voran stehe eine Veränderung der Trinkgewohnheiten, insbesondere bei den konsumstarken Boomern zwischen 50 und 70 Jahren. Auch die jüngeren Generationen trinken weniger Alkohol.

Wir haben insgesamt weniger Pro-Kopf-Weinkonsum in allen Bevölkerungsgruppen und der Importanteil nach Deutschland steigt.

Dominik Durner, Önologe

Gerade der hohe Importanteil bereitet den Winzern Sorgen. Nur 42,5 Prozent des hierzulande konsumierten Weins stammt aus deutscher Produktion. Das Angebot übersteige deutlich die Nachfrage und zwar weltweit, erklärt Durner. Auch andere Länder wie Frankreich kämpfen mit den Folgen. Dort wurden viele Rebflächen inzwischen aufgegeben.

Wineglass and Sveti Stefan

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Notlösung durch EU-Erlaubnis

Doch wohin mit dem alten Wein, wenn der neue qualitative schon in den Startlöchern steht? Die Europäische Union hat nun in den Regionen Rheinhessen und Württemberg die sogenannte Krisendestillation erlaubt. Auf Antrag können Winzer dort ihren überschüssigen Rot- und Roséwein zu Industriealkohol destillieren, etwa für Desinfektionsmittel oder zur Energiegewinnung.

Die Karte zeigt die Weinanbaugebiete Rheinhessen und Württemberg.
Quelle: ZDF

Dafür gibt es aus dem Agrarfonds 43 Cent pro Liter plus 16 Cent für Logistik und Brennkosten. Das liegt deutlich unter den durchschnittlichen Produktionskosten von rund 1,20 Euro pro Liter, sei aber eine Notlösung, erklärt der Präsident des Deutschen Weinbauverbands, Klaus Schneider:

Die Regionen haben sich dazu entschieden, wohlwissend, dass es eine einmalige Sache ist, um eine Entsorgung herbeizuführen.

Klaus Schneider, Präsident des Deutschen Weinbauverbands

Andere Regionen hätten sich bewusst dagegen entschieden, so Schneider. Für viele Winzer sei es schamhaft, zugeben zu müssen, den eigenen Wein nicht verkaufen zu können. Zudem gebe es noch Unklarheiten, in welcher Form entsprechende Anträge gestellt werden können.

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Wie kann sich der Weinbau anpassen?

Die Krisendestillation - das weiß die Branche - ist nur eine kurzfristige Entlastungsmaßnahme. Langfristig müsse sich die Branche anpassen, sind sich Experten sicher. Ziel sei, Angebot und Nachfrage wieder in ein Gleichgewicht zu bringen.

Beim Angebot müsse auf das Konsumverhalten eingegangen werden. Vermehrt setzen Winzer deshalb inzwischen auf alkoholfreien, genauer "entalkoholisierten" Wein. Noch mache dieser nur einen kleinen Teil aus, aber der Markt wachse.

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Für den Präsidenten des Weinbauverbands ist aber auch klar, dass weniger produziert werden müsse. Man stehe mit der Politik kurz vor der Klärung eines verordneten Anbaustopps. Dann wäre - bis auf einen kleinen Spielraum für einzelne Bundesländer - kein Zubau von Weinflächen mehr möglich. Auch geförderte Rodungsprogramme müsse es geben, sowie rotierende Pausen - sogenannte "Rotationsbrachen".

Die Rotationsbrache ermöglicht es, Weinberge aus der Produktion herauszunehmen und diese Grundstücke beispielsweise mit Begrünungen zu bewirtschaften. Dann kann man bis zu acht Jahre ohne Verlust des Pflanzrechts eine Brache einführen.

Klaus Schneider, Präsident des Deutschen Weinbauverbands

Das senke das Produktionspotenzial und bringe Zeit, um Modelle zur Anpassung zu entwickeln. Das gelte auch für die Folgen des Klimawandels. Im Weinbau erfolge eine Anpassung schließlich nicht innerhalb einer Saison. Es brauche Jahre oder Jahrzehnte, sagt Schneider.

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Weinwissenschaftler: Anstrengungen beim Export müssen steigen

Für Weinwissenschaftler Dominik Durner ist zudem das Ankurbeln der Nachfrage nach deutschem Wein ein entscheidender Faktor. Auf dem heimischen Markt müsse man Anteile zurückgewinnen. Mit entsprechenden Kampagnen könne man sich außerdem auf dem internationalen Markt präsentieren.

Andere Länder exportieren unglaublich große Mengen. Da ist es bei uns noch sehr verhalten. Wir müssen in Zukunft mehr Exportanstrengungen unternehmen.

Dominik Durner, Weincampus Neustadt

Deutsche Weine, egal ob rot, rosé oder weiß, stünden denen aus Frankreich, Spanien, Italien in nichts nach. Der neue Jahrgang will das einmal mehr beweisen.

Kai Remen ist Reporter im ZDF-Landesstudio Rheinland-Pfalz.

Über dieses Thema berichtete das ZDF-Mittagsmagazin am 13.08.2026 ab 11:59 Uhr und die ZDFheute Xpress im Beitrag "Früher Start der Traubenlese für Wein und Most" am 12.08.2026 um 11:53 Uhr.

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