"Dry January":Alkoholfreier Wein: Wie Winzer auf den Zeitgeist setzen
von Anna Duda
Lange galt alkoholfreier Wein als geschmacklich unzureichend, jetzt erlebt er einen Aufschwung. Gründe sind neue Verfahren und der Wunsch nach einem gesünderen Lebensstil.
Der Alkoholkonsum in Deutschland sinkt seit Jahren. Winzer reagieren auf die Entwicklung und bieten immer mehr alkoholfreie Weine an.
02.01.2026 | 2:10 minOb Riesling, Sauvignon Blanc oder Rosé - Winzer Christian Nett bietet seine Weine auch als entalkoholisierte Variante an. Die Trauben baut der Winzer aus Duttweiler in der Pfalz wie gewohnt in seinen Weinbergen an und verarbeitet sie zu Wein. Anschließend übernimmt ein externer Dienstleister die Entalkoholisierung.
Entalkoholisierter Wein: Neue Verfahren machen es möglich
Möglich macht das ein aromaschonendes Verfahren, das erst seit wenigen Jahren im Einsatz ist. Im Mai 2022 startete Nett mit drei Rebsorten, inzwischen umfasst sein Sortiment zwölf verschiedene entalkoholisierte Weine. Der Winzer erklärt:
Die Herausforderung für jeden Weinmacher ist immer, den Geschmack der Beere ins Glas zu bringen - egal ob mit oder ohne Alkohol.
Christian Nett, Winzer
Christian Nett baut in fünfter Generation in dem kleinen Weinort zwischen Speyer und Neustadt an der Weinstraße Wein an. "Ich versuche immer, den Traubengeschmack zu transportieren. Das war vor Jahren technisch noch nicht möglich", sagt Nett.
Die Deutschen trinken weniger Bier, was für Brauereien ein Problem darstellt. Deutlich beliebter wird jedoch alkoholfreies Bier. Frank Bethmann berichtet von der Börse.
15.04.2025 | 1:27 minDurch ein neues Verfahren habe sich das geändert: die sogenannte Vakuumdestillation. Dabei wird dem Wein bei Temperaturen von 30 bis 40 Grad Celsius der Alkohol entzogen. Die flüchtigen Aromastoffe werden separat aufgefangen und dem entalkoholisierten Wein wieder zugeführt, um den Charakter zu bewahren. Besonders geeignet sind aromastarke Rebsorten wie Gewürztraminer oder Muskateller. Das aufwendigere Verfahren macht die entalkoholisierten Weine etwas teurer.
Noch ist der Marktanteil alkoholfreier Weine mit rund 1,5 Prozent gering. Doch die Nachfrage wächst: 2024 stieg der Absatz im Vergleich zum Vorjahr um 86 Prozent, das belegen Zahlen des Deutschen Weininstituts. "Das neue Marktsegment wächst zurzeit weiter, ein Sättigungsgrad ist noch nicht zu erkennen. Das berichten Erzeuger sowie Handel und Gastro gleichermaßen", sagt Frank Schulz vom Deutschen Weininstitut.
Es geht hier nicht bloß um einen vorübergehenden Mode-Hype, sondern um gesellschaftlichen Wandel.
Frank Schulz, Deutsches Weininstitut
Als "alkoholfrei" gelten in Deutschland Getränke mit maximal 0,5 Volumenprozent Alkohol. Nur die Bezeichnung "ohne Alkohol" bedeutet auch 0,0 Prozent Alkoholgehalt. Doch auch wenn der Alkoholgehalt gering oder gleich null ist: Für alkoholkranke Menschen stellen bereits alkoholähnliche Getränke eine Gefahr dar. Wie die Hirnforschung inzwischen zeigen konnte, springt bei Konsum das Belohnungssystem im Gehirn sehr schnell an - ein starker Trigger, der einen Rückfall auslösen kann.
Alkoholkonsum in Deutschland geht zurück
Der Trend passt zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung: Laut dem "Jahrbuch Sucht 2025" von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sinkt der Alkoholkonsum in Deutschland seit Jahren. Der Pro-Kopf-Verbrauch ging von 11,4 Litern im Jahr 2012 auf 10,2 Liter im Jahr 2023 zurück. Besonders junge Menschen trinken deutlich weniger oder verzichten ganz auf Alkohol.
Der deutsche Weinbau steckt in der Krise: Steigende Kosten, sinkender Konsum, preiswerter Importwein und US-Zölle belasten Winzer massiv.
02.09.2025 | 1:37 minNach Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist der Alkoholkonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen 2023 auf den niedrigsten Stand gesunken. In dem Jahr tranken nur noch 18 Prozent der 18- bis 25-jährigen Frauen und 39 Prozent der Männer regelmäßig (einmal pro Woche) Alkohol. Zum Vergleich: Im Jahr 1976 waren es bei den gleichaltrigen jungen Frauen 54 Prozent, bei den Männern sogar 85 Prozent.
Auch zeitlich begrenzte Verzichtsaktionen wie der "Dry January" oder "Sober October" tragen zu einem bewussteren Umgang mit alkoholischen Getränken bei.
Nach den Weihnachtsfeiern und dem Neujahrskater setzen viele auf diesen Trend: Den ersten Monat des Jahres komplett auf Alkohol zu verzichten. Wie der Körper davon profitiert.
02.01.2025 | 1:38 minChristina Rummel von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sieht darin einen positiven Effekt:
Ein Monat ohne Alkohol kann eine gute Gelegenheit sein, das eigene Trinkverhalten zu hinterfragen.
Christina Rummel, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
Außerdem profitiere man auf jeden Fall gesundheitlich von einem Alkoholverzicht. "Man fühlt sich fitter, die Haut wird besser, man kann besser schlafen, das Herz gerät wieder in den Takt und auch die Blutwerte verbessern sich", erklärt Rummel.
Sie selbst waren alkoholabhängig. Genau davor wollen die Mitglieder von "Nice Dry!" andere bewahren – indem sie zeigen, wie viel Freude in einem Leben ohne Alkohol steckt.
05.10.2025 | 6:47 minWinzer: Auf die Kunden zugehen
Für Winzer Christian Nett ist alkoholfreier Wein vor allem eine Chance, neue Zielgruppen zu erreichen.
Das ist einfach ein weiteres Segment, um Leute von dem Kulturgut Wein, von unserer Region, von dem Tourismus hier zu begeistern, Leute, die jetzt vielleicht weniger werden oder ganz wegbrechen.
Christian Nett, Winzer
Dafür müsse er als Winzer und Unternehmer auf seine potentiellen Kunden zugehen. "Wir müssen die Leute treffen. Das heißt, wir gehen raus: Gastronomie, Restaurants, Partys, Konzerte, Theaterpause. Da ist unsere Idee: Mit alkoholfreiem Wein präsent zu sein und dann die Leute vom Geschmack zu überzeugen."
Anna Duda ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Rheinland-Pfalz.
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