Claus Weselsky zur Deutschen Bahn:"Wir haben es hier mit Zeitdiebstahl zu tun"
Lokführer und Gewerkschafter Claus Weselsky ist einer der schärfsten Kritiker der Deutschen Bahn. Im ZDF-Interview wirft er dem Staatskonzern und dem Bund schwere Versäumnisse vor.
Kaum ein Unternehmen bewegt Deutschland so sehr wie die Deutsche Bahn. frontal inside schaut hinter die Recherchen - zu schweren Loks, alten Weichen und geheimen Whistleblowern.
04.08.2026 | 19:34 minMehr als 100 Milliarden Euro investiert der Bund in den kommenden Jahren in die Deutsche Bahn. Die verspricht einen Neustart: Sie will pünktlicher, zuverlässiger und moderner werden. Ex-Gewerkschafter Claus Weselsky hat Zweifel, ob der Neustart bei der Bahn wirklich nur eine Frage des Geldes ist.
ZDFheute: Herr Weselsky, die Menschen reagieren zurzeit ziemlich angefasst, wenn es um die Deutsche Bahn geht. Warum reagieren die meisten Menschen bei dem Thema so emotional?
Claus Weselsky: Wir haben es hier mit Zeitdiebstahl zu tun. Die stehlen dir deine Freizeit, indem sie dich zwei Stunden länger im Zug sitzen lassen. Da gibt es mittlerweile sarkastische Ansagen innerhalb des Zugpersonals, die dann sagen: "Es tut mir so leid, dass wir wieder Verspätung haben, aber Sie haben einfach für das gleiche Geld viel mehr Eisenbahn bekommen." Ja, sicher, vielen Dank.
Im Ernst: Wenn Sie eine Leistung buchen, erwarten Sie auch, dass Sie die versprochene Leistung erhalten.
Claus Weselsky
... ist ein deutscher Lokführer und Gewerkschaftsfunktionär. 1990 trat er der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) bei, deren Bundesvorsitzender er von 2008 bis 2024 war. Weselsky ist Mitglied der CDU.
ZDFheute: Welche Schlagworte fallen Ihnen denn aktuell ein, um den aktuellen Zustand der Bahn zu beschreiben?
Weselsky: Die Infrastruktur ist ein Desaster. Und zwar ein wissentlich herbeigeführtes Desaster, das die Vorstände der Deutschen Bahn AG in der Vergangenheit zu verantworten haben.
Die Bahn verspricht den "Neustart" und erklärt in einer Werbekampagne: Wir haben verstanden, jetzt wird alles besser. Aber stimmt das? Schon jetzt ruft der Staatsbetrieb nach weiteren Milliarden.
04.08.2026 | 43:30 minZDFheute: Bahn-Chefin Evelyn Palla verspricht einen Neustart für die Bahn. Ist die Bahn bald wieder pünktlich?
Weselsky: Das Ziel, eine höhere Pünktlichkeit wieder zu erreichen, ist ein langfristiges Ziel. Das lässt sich nicht kurzfristig herstellen. Mit kleineren Maßnahmen kann man kurzfristige Verbesserungen schaffen. Aber das System wurde durch den Abbau von Gleisen und fehlenden Überholungsmöglichkeiten so stark geschädigt, dass die Behebung dieser Probleme länger dauern wird. Dazu kommen die vielen Langsamfahrstellen durch marode Infrastruktur, die den Betrieb aufhalten.
Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn berät heute über ein umfassendes Sanierungsprogramm. Damit möchte die Bahn in 3 Jahren pünktlicher, effizienter und profitabler sein.
18.09.2024 | 1:43 minZDFheute: Um das Schienennetz auf Vordermann zu bringen, wird aktuell an vielen Strecken gleichzeitig gebaut. Ist es grundsätzlich eine gute Idee, Strecken über längere Zeit zu sperren, um sie anschließend in einem großen Schritt umfassend zu sanieren?
Weselsky: Ich halte das für problematisch. Die verschiedenen Bestandteile der Eisenbahn haben unterschiedliche Lebenszyklen. Jetzt wird alles gleichzeitig saniert. Danach beginnen jedoch die unterschiedlichen Wartungsintervalle wieder von Neuem. Die Generalsanierungen sind ein schwarzes Loch, in dem Milliardenbeträge verschwinden.
Zug verspätet, falsches Gleis, Ausreden ohne Ende - die Bahn nervt! Dunja Hayali blickt für "Am Puls" hinter die Kulissen. Im Exklusivinterview bezieht die neue Bahnchefin Stellung.
19.07.2026 | 43:30 minZDFheute: Nun waren die Zuschüsse des Bundes zur Bahn über lange Zeit vergleichsweise gering. Heute gibt es deutlich mehr Geld als noch vor einigen Jahren, insgesamt 107 Milliarden Euro bis 2029. Kann man da schon vom Beginn einer neuen Ära sprechen?
Weselsky: Ich wehre mich gegen die pauschale Aussage, es sei immer zu wenig Geld im System gewesen. Das ist falsch. Das Geld, das in die Bahn geflossen ist, wurde von den Vorständen teilweise sachfremd und zweckentfremdet verwendet. Das ist die eigentliche Wahrheit. Es wurde nicht nur für Erhalt, Unterhaltung oder Neubau verwendet, sondern in sachfremde Abenteuer investiert.
Während die Deutsche Bahn mit Verspätungen und maroder Infrastruktur im Kerngeschäft kämpfte, investierte sie in zahlreiche Technologie- und Mobilitäts-Start-ups, von denen mehrere hohe Verluste verursachten oder insolvent gingen.
- CleverShuttle (Ridepooling-Dienst): App-basierter Sammel-Fahrdienst als Alternative zu Taxi und ÖPNV. Insolvenz 2023. Verluste und Abschreibungen von 116Mio.€
- Volocopter (Flugtaxis): Entwickler elektrisch betriebener Flugtaxis und Logistikdrohnen. Volocopter wurde Ende 2024 insolvent. 92 Mio. € abgeschrieben.
- Skyports (Drohnen-Landeplätze): Unternehmen aus Schottland zum Aufbau von Infrastruktur für Lieferdrohnen und Lufttaxis. Trotz steigender Umsätze erwirtschaftete Skyports im Jahr 2024 Verluste von 15 Mio Pfund.
- Teralytics (Mobilfunkdaten): Schweizer Datenanalysefirma, die Bewegungsströme aus Mobilfunkdaten auswertet. Nach jahrelangen Verlusten ging das Unternehmen 2026 in Konkurs. 2 Mio. € abgeschrieben.
- GideonBrothers (Lager-Roboter): Entwickler von Robotik- und KI-Systemen für Lagerhäuser. Der Beteiligungswert von 6 Mio. € wurde vollständig abgeschrieben.
- Liefergrün (E-Last-Mile-Logistik): Zustellung von Paketen mit Elektrofahrzeugen und Lastenrädern. Die DB beteiligte sich 2022, bereits Anfang 2024 war das Unternehmen insolvent. Ca. 1 Mio. € Beteiligungswert verloren.
Laut einer Fallstudie belasteten allein die Aktivitäten im Bereich "Digital Ventures" und "New Mobility" die Konzernbilanz bis 2024 mit mindestens 300 Mio. Euro durch Verlustübernahmen und Abschreibungen.
Quelle: Bergmann/Garrecht (2026): Fallstudie Holdingorganisation der Deutschen Bahn AG, in: Organisation und Projektmanagement, 4. Auflage, Springer Gabler
Wenn sie Wartungs- und Erhaltungsmaßnahmen hinauszögern und überall sparen, dann verschlechtert sich jede Infrastruktur mehr und schneller als unter normalen Bedingungen. Der Zustand ist nicht deshalb so schlecht, weil das System unterfinanziert war, sondern weil die Vorstände der Deutschen Bahn fast alles konnten außer Eisenbahn in Deutschland.
Unpünktlichkeit, Baustellen, Ticketpreise – die Deutsche Bahn steht immer wieder in der Kritik. Eine frontal-Doku des ZDF zeigt: Zweifel sind angebracht. Autorin Anne Höhn über ihre Recherchen.
04.08.2026 | 5:40 minZDFheute: Das viele Steuergeld ist allein für die Infrastruktur-Tochter der Bahn, die DB Infrago, bestimmt. Gibt es das Risiko, dass sich auch andere Konzerngesellschaften daran bedienen?
Weselsky: Ja. In der Vergangenheit wurden zum Beispiel Planungs-, Bau- und Überwachungsleistungen aus der DB-Infrastruktur-Sparte herausgelöst und in die Konzerngesellschaft DB International, jetzt E&C, verlagert. Durch den Kontrahierungszwang, der die DB-Konzerngesellschaften dazu anhält, benötigte Leistungen untereinander einzukaufen, entstand ein System, mit dem durch überhöhte interne Verrechnungen Geld aus dem steuerfinanzierten Infrastrukturbereich abgezogen werden konnte. So landete auch über die DB Systel, dem internen IT-Dienstleister, Geld aus der Infrastruktur in der Konzernholding.
Das ist die Gelddruckmaschine, die geschaffen wurde.
Claus Weselsky
ZDFheute: Warum kommt die Bahn Ihrer Meinung nach damit durch?
Weselsky: Wenn Beratungsunternehmen gleichzeitig bei der Bahn und im Bundesverkehrsministerium tätig sind, sieht man, wie Lobbyismus funktionieren kann. So konnten bestimmte Konzepte über Jahre hinweg durchgesetzt werden. Die Bahn hat es verstanden, dem Eigentümer Entwicklungen zu versprechen, die später nicht eingetreten sind.
Ich saß über zehn Jahre im Aufsichtsrat von DB Cargo, zuständig für den Schienengüterverkehr. Jedes Jahr wurde versprochen, dass es besser werde. Tatsächlich wurde es immer schlechter.
Claus Weselsky
Ein Eigentümer müsste irgendwann Konsequenzen ziehen und sagen: Es reicht. Stattdessen wurde oft weitergemacht wie bisher. Dieses Nicht-Kümmern war aus meiner Sicht einer der größten Fehler.
"Wir häufen riesige Schuldenberge an", so Kay Ruge, Hauptgeschäftsführer Landkreistag, zur Finanznot in Kommunen. Es brauche "eine deutliche Soforthilfe in Milliardenhöhe" und "keine neuen Belastungen".
08.06.2026 | 8:41 minZDFheute: Manche sagen inzwischen, der Zustand der Bahn sei demokratiegefährdend. Wie sehen Sie das?
Weselsky: Ich halte diesen Gedanken für nachvollziehbar. Wenn Menschen täglich erleben, dass ein staatliches Unternehmen nicht funktioniert, ziehen sie daraus Rückschlüsse auf die Handlungsfähigkeit des Staates insgesamt. Trotz jahrzehntelanger Investitionen und hoher Steuermittel liegt die Pünktlichkeit zum Teil nur noch bei 55 Prozent. Viele Menschen sagen dann: Das funktioniert doch alles nicht mehr. Das kannst du doch vergessen.
"Wir müssen uns ganz dringend zusammensetzen" - Brandenburgs Verkehrsminister Robert Crumbach (SPD) drängt auf einen Runden Tisch mit dem Bund zur Eisenbahnfinanzierung.
24.07.2026 | 6:31 minDas Interview führte Michael Strompen von der Redaktion ZDF frontal.
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