Machtwechsel in Budapest:Ungarns Potenzial für deutsche Unternehmen
von Klaus Weber
Peter Magyar hat mit seinem Sieg bei der Parlamentswahl in Ungarn für Hoffnung gesorgt. Warum auch deutsche Unternehmen von dem Machtwechsel in Budapest profitieren könnten.
Nach 16 Jahren endet die Ära Orban. Peter Magyar gewinnt mit Tisza eine Zweidrittelmehrheit - und steht vor der Aufgabe, ein politisch umgebautes Land zu erneuern.
13.04.2026 | 2:58 minMit dem Wahlsieg von Peter Magyar herrscht Aufbruchstimmung zwischen Plattensee und Puszta. Abzulesen nicht zuletzt am BUX, dem ungarischen Pendant zum Dax. Die Börsenkurse sind auf Rekordniveau. So etwas nennt man wohl Vertrauensvorschuss.
Tatsächlich gibt es gute Gründe, positiv gestimmt zu sein. Womöglich könnten auch deutsche Unternehmen profitieren. Bereits jetzt ist Deutschland für Ungarn der mit Abstand wichtigste Handelspartner.
Vor allem die Autoindustrie hat seit vielen Jahren Produktionsstandorte. Das könnte nun womöglich ausgebaut werden, wie Kirsten Grieß von Germany Trade & Invest, der Außenwirtschaftsförderungsgesellschaft des Bundes, erklärt: "Werkserweiterungen sind sicher noch zu erwarten, da Standortfaktoren wie geringe Körperschaftsteuern, niedrige Lohnkosten sowie die geografische und kulturelle Nähe zu Deutschland weiter für Ungarn sprechen."
Nach seinem Wahlsieg über Viktor Orban wird Peter Magyar neuer Ministerpräsident Ungarns. Die Korrespondenten Michael Bewerunge und Ulf Röller ordnen die Bedeutung des Machtwechsels ein.
13.04.2026 | 2:27 minDeutsche Industrie könnte in Ungarn investieren
Auch für andere Branchen ist das Land attraktiv. Die neue ungarische Regierung will eine Milliarde Euro in das Gesundheitswesen investieren. Davon könnten auch deutsche Medizintechnikfirmen profitieren.
Für Windenergie gibt es in Ungarn ebenfalls gute Voraussetzungen. Das könnte ein Thema für deutsche Firmen werden. Für Alexander Radunz vom Institut der deutschen Wirtschaft steht aber noch etwas anderes im Vordergrund:
Das größte Potenzial liegt vielleicht nicht mehr primär in einzelnen Großprojekten, sondern in einer grundsätzlichen Entpolitisierung des Standorts.
Alexander Radunz, Institut der deutschen Wirtschaft
Rotorblätter alter Windräder sind kaum recycelbar und verursachen jährlich zehntausende Tonnen Müll. In den Niederlanden werden sie nun in einem Pilotprojekt zu Lärmschutzwänden verbaut.
20.04.2026 | 3:27 min"System Orban" stagnierte
Diese Politisierung hat viel mit dem "System Orban" zu tun. Anfangs ging es Ungarn unter Orbans Regentschaft wirtschaftlich gut. Der Aufschwung hatte aber viel mit Zuwendungen von der Europäischen Union zu tun. Dann drehte Brüssel wegen gravierender Mängel bei Rechtstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung den Geldhahn zu. Mit massiven Folgen.
In Kaufkraft gemessen lag Ungarn, laut Kirsten Grieß, zuletzt EU-weit auf dem viertletzten Platz.
Auch im Vergleich zu anderen osteuropäischen Ländern liegt Ungarn im Aufholprozess zum Westen mittlerweile hinten und wurde vergangenes Jahr sogar vom ehemaligen 'Armenhaus Europas', Rumänien, überholt.
Kirsten Grieß, Germany Trade & Invest
Die ungarische Wirtschaft wird Zeit brauchen, um aufzuholen. Auch weil meistens wenige Großkonzerne vom Geld aus Brüssel profitierten. "Deshalb beginnt jetzt eher eine Phase der mittelfristigen wirtschaftlichen Korrektur und Normalisierung als ein unmittelbarer Aufschwung", glaubt Alexander Radunz.
Gesellschaftliche Themen wie Bildung und Gesundheit, aber auch das Verhältnis zur Europäischen Union: Welche politischen und wirtschaftlichen "Baustellen" der neue Ministerpräsident angehen muss.
13.04.2026 | 4:13 minWas Ungarn ändern muss
Zuallererst muss Ungarn Europa aber zeigen, dass es zurück ins Team EU will. Nur dann werden die eingefrorenen Gelder nach Ungarn fließen. Zumindest teilweise. Denn die Auszahlung ist an Fristen gebunden, die wohl in vielen Fällen nicht mehr einzuhalten sind. Doch wenn von den wohl etwa 19 Milliarden Euro noch ungefähr die Hälfte zu retten wäre, würde das Ungarn schon enorm helfen.
Zudem sollte die Tisza-Regierung von Peter Magyar ein investitionsfreundliches Klima für ausländische Unternehmen schaffen. Unter Viktor Orban gab es zum Beispiel Sondersteuern für viele internationale Betriebe.
Woher bezieht Europa seine Energie? Wie abhängig Deutschland und die EU von Importen bei Gas, Öl und Strom sind - und welche politischen und wirtschaftlichen Risiken daraus entstehen.
26.01.2026 | 3:19 minProblem Energieversorgung
In der Vergangenheit hat sich Ungarn zudem stark an die Energieversorgung durch Russland gebunden. "Am ehesten ist Diversifizierung noch beim Öl vorstellbar, es ist durchaus möglich, nicht-russisches Öl über Kroatien zu beziehen", sagt Alexander Radunz. Bei Gas sei der Umbau deutlich schwieriger, teurer und langsamer.
"Selbst bei einer klar proeuropäischen Regierung dürfte Ungarn noch mehrere Jahre mit Übergangslösungen leben müssen", glaubt Alexander Radunz. Doch das Beispiel Tschechien sollte Mut machen: Innerhalb weniger Jahre machte man sich dort von russischer Energie weitgehend unabhängig. Trotzdem wird es Zeit brauchen, und bis der ungarische Frühling wirklich voll erblüht, werden noch mehrere Winter vergehen.
Klaus Weber ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
Mehr Nachrichten aus Ungarn
Rücktritt des Präsidenten gefordert:Magyar: Medienlandschaft soll umgekrempelt werden
mit Video1:06- Analyse
- Analyse
Wahl in Ungarn weitgehend ausgezählt:Orban-Ära in Ungarn endet: Wer ist Wahlsieger Peter Magyar?
mit Video2:58