AAA-Ranking in Gefahr:Bedrohen Staatsschulden Deutschlands Kreditwürdigkeit?
von Frank Bethmann
Deutschlands Spitzenbonität als Selbstbild der Republik: solide Staatsfinanzen, Verlässlichkeit, niedrige Risiken. Doch mit den Schulden wachsen die Zweifel, ob das so bleibt.
Die US-Verschuldung wachse "ohne eine Bremse", so ZDF-Wirtschaftsexperte Neuhann. Das führe zu "einem Misstrauen bei Investoren". In Deutschland könnten Staatsschulden möglicherweise zu einem Verlust des AAA-Ratings führen.
23.08.2026 | 4:37 minDeutschland hat etwas, worauf die Politik jahrzehntelang stolz war: ein AAA-Rating. Bei großen Ratingagenturen wie Fitch, Standard & Poor's oder Moody's wird die Bundesrepublik weiterhin mit der besten Note für ihre Kreditwürdigkeit eingestuft. Auch die jüngsten Bewertungen aus dem Frühjahr 2026 sind unverändert positiv, jeweils mit stabilem Ausblick.
Gefährdet ist das AAA also noch nicht unmittelbar. Aber ob Deutschland seine Spitzenbonität auf Dauer halten kann, wird inzwischen in Frage gestellt. Die finanzpolitischen Rahmenbedingungen haben sich verschlechtert, sagt Prof. Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW): "Da die Wachstumsaussichten unter anderem wegen des demografischen Wandels und angesichts der geopolitischen Krisen sowie des rasanten technologischen Aufstiegs Chinas schwach sind, die politische Stabilität nachgelassen hat und weiter mit hohen Defiziten zu rechnen ist, halte ich das AAA-Rating nicht mehr für einen Selbstläufer."
Ein Rating ist vereinfacht gesagt eine Bonitätsnote für einen Schuldner - etwa einen Staat oder ein Unternehmen. Es soll ausdrücken, wie wahrscheinlich es ist, dass der Schuldner seine Schulden vollständig und pünktlich zurückzahlen kann. Die Einstufungen reichen von AAA (Bestnote), der Schuldner gilt als extrem zuverlässig, bis hin zu D (Ausfall), der Schuldner hat seine Zahlungsverpflichtung nicht erfüllt.
Dazwischen gibt es feine Abstufungen wie AA+, BBB, BB+ usw. Diese ermöglichen es Anlegern, auch kleine Unterschiede beim Ausfallrisiko zu bewerten. In der Euro-Zone besitzen nur noch Deutschland, Luxemburg und die Niederlande ein AAA-Rating, wobei einige Agenturen die Niederlande mittlerweile zurückgestuft haben.
Deutschlands Schulden steigen
Sorge bereitet, dass Deutschland künftig erheblich mehr Geld ausgeben wird: für Verteidigung, Infrastruktur, Renten und andere Sozialausgaben. Durch diese neuen, kreditfinanzierten Ausgaben wächst der Schuldenstand. Der Bund plant für 2027 allein rund 118,7 Milliarden Euro Nettokreditaufnahme. Hinzu kommen steigende Zinszahlungen.
Die Bundesregierung hat die Eckpunkte für den Haushalt 2027 beschlossen. Ein Grund für die Neuverschuldung sind höhere Verteidigungsausgaben. Sie fallen nicht unter die Schuldenbremse.
29.04.2026 | 1:39 minVorbei die Zeiten, in denen Deutschland sogar Schulden abbauen konnte. Bis 2019 war das der Fall. Dann aber kam die Corona-Pandemie und mit ihr stiegen die Schulden von Bund, Ländern und Gemeinden wieder an - auf 2,84 Billionen Euro im Jahr 2025. Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor betrugen die öffentlichen Schulden rund zwei Billionen Euro.
Mehr Schulden für mehr Wachstum?
Deutschland könnte seine Spitzenbonität aber auch noch aus anderen Gründen verlieren. Ratingagenturen bewerten positiv, wenn durch zusätzliche Schulden zusätzliche Leistungsfähigkeit entsteht. Ob Deutschland mit den Schulden Investitionen finanziert, die Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit langfristig erhöhen, muss sich zeigen.
Die USA seien immer ein "solventer Schuldner" gewesen, so Ökonom Prof. Langhammer. Donald Trumps Zollpolitik sei gescheitert. Gleichzeitig wolle der US-Präsident partout niedrige Zinsen.
21.08.2026 | 25:47 minDie deutsche Schuldenquote, die dafür ein Indikator sein kann, ist allerdings von 62,2 (2024) auf 63,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (2025) gestiegen. Damit liegt sie deutlich über der europäischen Maastricht-Grenze von 60 Prozent. 2019 lag sie mit 58,7 Prozent unter dieser Marke.
Die Maastricht-Kriterien bilden eine Art gemeinsamen Maßstab für die finanzielle Solidität eines EU-Staates. Sie sagen zwar nicht direkt, ob ein Land sein AAA-Rating behält, beeinflussen aber stark die Beurteilung seiner Schuldentragfähigkeit. Neben der Bewertung des Schuldenstandes, der nicht über 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen sollte, gilt eine weitere Kennzahl als wichtig. Das jährliche Haushaltsdefizit soll höchstens drei Prozent des BIP betragen. Das BIP bezeichnet den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die ein Land innerhalb eines Jahres produziert.
Verlust der Bestnote wäre kein Staatsbankrott
Weltweit verschulden sich die Regierungen immer mehr. Der Kreis der Staaten mit einem AAA-Rating werde immer kleiner und schrumpfe tendenziell eher weiter, so Elliot Hentov von State Street. Der Finanzdienstleister verwaltet seit über 40 Jahren Vermögenswerte, unter anderem von Staatsfonds und Zentralbanken.
Ein möglicher Verlust dieses Status für Deutschland würde daher einen weiteren bedeutenden Meilenstein markieren.
Elliot Hentov, Chefstratege für Makro- und Wirtschaftspolitik, State Street Investment Management
Eine Herabstufung wäre aber noch kein Staatsbankrott. Auch ein Rating von AA+ würde Deutschland weiterhin als extrem sicheren Schuldner ausweisen. Denn der statistische Unterschied in der Ausfallwahrscheinlichkeit zwischen diesen beiden Ratingkategorien sei vernachlässigbar gering, führt Hentov aus.
Die Staatsschuld der USA erreicht schwindelerregende Rekordwerte. Und kein Ende der Neuverschuldung ist in Sicht. Der Präsident verbreitet dennoch Optimismus.
23.08.2026 | 2:49 minAAA: Mehr als nur günstige Finanzierungskonditionen
Die USA, Japan oder Frankreich haben ihre Spitzenbonität längst verloren. Deutschland ist unter den wichtigen Volkswirtschaften einer der letzten großen AAA-Schuldner.
Diese drei Buchstaben haben auch global eine psychologische Wirkung. Das AAA ist ein Symbol für die deutsche Vorstellung, besser zu wirtschaften als andere. Dieses Selbstverständnis bekommt mit den steigenden Schulden allerdings Risse. Wirtschaftsforscher Boysen-Hogrefe geht sogar noch weiter: "Den Status des Musterschülers haben wir verloren und werden ihn in Bälde kaum zurückgewinnen."
Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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